Liebe Gemeinde,

heute geht es um brasilianische Freude am Siebenzueins, Amazon auf Tamil, darbende Autoren, den PEN, Hilary beim Absaufen und mehr.

 

promocao-editora-lote-42-630„Tristeza não tem fim, felicidade sim“ ist die Anfangszeile von „A Felicidade“, ein besonders schönes Lied aus Orfeu Negro (in der Version hinter dem Link singt übrigens der großartige Dichter Vinícius de Moraes selbst). Ja, das Siebenzueins gegen die Brasilianer habe ich natürlich auch gesehen und dabei an meine Freunde in dem schönen Land gedacht. Ein paar Drinks bei der Frankfurter Buchmesse habe ich dadurch gewonnen, deshalb statte ich Klose & Co meinen persönlichen Dank ab.
Ziemlich ungläubig waren wohl auch die Leute vom Verlag Lote 42, die hatten nämlich, wie bei jedem Spiel der Brasilianer, Werbung damit gemacht, dass ihre Bücher für 24 Stunden nach Schlusspfiff mit 10 Prozent Rabatt pro Tor, das die Seleção kassiert, erhältlich sind. Macht summa summarum satte 70 Prozent. Schon während des Spiels war das Schnäppchen über Twitter kräftig verbreitet worden, in der Nacht nach dem Spiel brach der Server des Verlags zusammen. Immerhin zeigte sich Verlagschef João Varella zwar fassungslos, aber sportlich: Der Verlag steht zu seinem Versprechen. Und überlegt, ob man es wagen soll, auch beim Spiel um Platz drei am Sonnabend die Promotion zu wiederholen. Dann geht es gegen die Niederlande. Und die haben Spanien zum Auftakt fünf Tore eingeschenkt…

Haben Sie in letzter Zeit einmal intensiver nachgedacht darüber, wie man den Tamil-sprechenden Menschen ein attraktives Buchangebot machen kann? Nein? Sehen Sie – deshalb ist es gut, dass es Amazon gibt. Der freundliche Riese aus Seattle hat nämlich jetzt einen eigenen Tamil-sprachigen Shop innerhalb seines indischen Angebots aufgemacht. Mehr als 8.000 gedruckte und elektronische Titel sind verfügbar, ein Teil sogar zur Auslieferung am nächsten Tag.
Die Sache zeigt vor allem, dass der indische E-Book-Markt allmählich ins Laufen kommt. Bisher steht er bei etwa 1 Prozent Marktanteil, allerdings dürfte sich dies ändern, nachdem zum indischen Anbieter Flipkart seit dem vergangenen Jahr auch Amazon, Google und Kobo hinzugekommen sind. Natürlich steht der englischsprachige Markt dabei im Fokus, allerdings gibt es eine ganze Reihe von Anbietern, die sich auf die großen indischen Sprachen wie Hindi (die drittgrößte Sprachgruppe der Welt), Bengali oder Marathi spezialisieren. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung wird die Verfügbarkeit von erschwinglichen Lesegeräten sein, wobei Smartphones eine besondere Bedeutung zukommt.

Wo wir schon bei Amazon sind, kommen wir zur wöchentlichen Entfernung des Kaugummis unter der Schuhsohle, will sagen zum Konditionenstreit. Da haben die Mannen um Jeff Bezos jetzt die originelle Idee, sämtlichen Autoren von Hachette den gesamten Betrag auszuzahlen, der bei E-Book-Verkäufen als Verlagsanteil fällig wird. Der Verlag selbst würde also in die Röhre gucken, Amazon behält natürlich seinen Anteil. Womit jetzt wohl die Sache endgültig zum Bare-Knuckle-Fight geworden ist.
Derweil macht sich bei uns Thomas Hettche Gedanken zum Thema und beklagt, dass Verlage und Buchhandel in den vergangenen knapp 20 Jahren keine Alternative zu Amazon aufgebaut haben. Den Vorstoß des Börsenvereins, die Marktmacht von Amazon duch das Kartellamt untersuchen zu lassen, findet er übrigens richtig, seine Argumente sind deutlich:

„Es geht bei der Amazon-Debatte wie bei den anderen Debatten um digitale Veränderungen darum, dass die Zivilgesellschaft ihren zukünftigen Raum, den der Staat in einer Gründerzeitstimmung starken privatwirtschaftlichen Kräften überlassen hat, nun zurückerobert und nach den Grundsätzen gestaltet, die in diesem Land gelten.“ (Thomas Hettche)

Den Satz unterstreiche ich aus tiefster Überzeugung.

Dass unsereiner als Schreiberling eher Bekanntschaft mit Hunger- als mit Seidentüchern macht, dürfte Sie nicht überraschen. In Großbritannien hat jetzt eine Studie ergeben, dass die Durchschnittseinkünfte von professionellen Autoren in den vergangenen Jahren drastisch gefallen sind – seit 2005 steht ein sattes Minus von 29 Prozent zu Buche: Im Jahr 2013 kamen im Schnitt lausige 11.000 Pfund zusammen, das ist deutlich unterhalb dessen, was im Königreich für eine Lebensführung oberhalb der Armutsgrenze nötig ist. Das wären knapp 17.000 Pfund Jahreseinkommen.
An der Studie der Authors’ Licensing and Collecting Society nahmen knapp 2500 Schriftstellerinnen und Schriftsteller teil. Dabei kam heraus, dass nur 11,5 Prozent von ihnen vom Schreiben leben; 2005 waren das noch 40 Prozent der Befragten. Woran das liegt, zeigt die Studie ebenfalls auf: Durch die immer weiter steigende Titelproduktion bei gleichzeitiger Reduzierung der Auflagen, die dem grassierenden Virus der Bestsellerei geschuldet ist, kommen immer weniger Bücher, die jenseits des Massenmarkts publiziert sind, in die Regale der Buchhandlungen und sie haben dort immer kürzere Verweilzeiten. Ob Selfpublishing eine Lösung ist? Ich glaube nicht daran, auch wenn es dadurch strukturelle Verschiebungen im Buchmarkt geben wird. Aber: Auch dort zeigt sich, dass einige wenige Autoren in den Massenmarktgenres Kasse machen, während die überwältigende Mehrheit wirtschaftlich kein Bein auf den Boden bekommt.

Der Präsident des Internationalen PEN, der Kanadier John Ralston Saul, hat in einem Interview mit der argentinischen Zeitung Pagina 12 auf die politische Bedeutung der Arbeit des Schriftstellerverbands hingewiesen und besonders den PEN-Zentren in Lateinamerika gehörig die Leviten gelesen. Die PEN-Ableger in Kanada, USA, Großbritannien, Japan und Deutschland lobt er für ihre klare Haltung gegen die immer weiter um sich greifende Überwachung und Heimlichtuerei durch staatliche Stellen und die Industrie. Die Freiheit des Wortes sein nun einmal die Grundlage einer jeden Gesellschaft. Derzeit hat der PEN mit 148 Zentren in 104 Ländern rund 25.000 Mitglieder. Besonders in Lateinamerika sei aber eine grundlegende Neuorientierung der Arbeit nötig: Zu lange habe man sich nach Art von literarischen Klubs verhalten, die für den PEN zentrale politische Arbeit sei dabei in den Hintergrund gerückt, was angesichts der beständig häufiger werdenden Übergriffe gegen Journalisten und Blogger in Ländern wie Mexiko, Brasilien, Guatemala und Honduras fatal sei.
Stimmt.

Dass die Uhren im wissenschaftlichen Verlagswesen ganz anders gehen als in der realen Welt, wissen wir ja schon länger. Gewinnmargen von mehr als 30 Prozent gelten, besonders in den Naturwissenschaften, als üblich. Daran hat auch Open Access nichts geändert, die Kollegen von Reed Elsevier, Wolters Kluwer, Springer, Wiley undsoweiter haben daraus schon längst hoch profitable Geschäftsmodelle gebastelt, mit denen die Fördertöpfe, die ja eigentlich der Forschung dienen sollen, weiterhin prächtig gemolken werden.
Die Freunde von mobylives haben jetzt berichtet, dass eine Reihe von neugierigen Autorensich die Sache genauer angeschaut und herausgefunden haben, dass die Preise, die von den Wissenschaftsverlagen für Abonnements verlangt werden, offensichtlich nach Art des Basarhandels zustande kommen: Die Größe der Universität oder die Zahl der Nutzer spielt keine Rolle – entscheidend ist, was durchgesetzt werden kann. So bezahlt die University of Wisconsin in Madison eine Jahresgbühr von 1,22 Millionen US-Dollar für eine Auswahl an Elsevier-Zeitschriften. Die University of Michigan in Ann Arbor, die genauso groß ist, zahlte für den gleichen Deal 2,16 Millionen US-Dollar. Springer geht ähnlich vor: Ein Zeitschriftenpaket, das die University of Texas in Austin bezieht, kostete knapp 482.000 US-Dollar; die University of Miami, mit weniger Doktoranden, blechte für das gleiche Bündel gut 554.000 US-Dollar.
Die Liste solcher Diskrepanzen ist endlos. Was mich in meinem Urteil bestärkt: Die größte Bedrohung für die Wissenschaftsverlage sind sie selbst.

Ich hatte Ihnen kürzlich von TomKabinet, erzählt, dem niederländischen Gebraucht-E-Book-Händler. Ob die Sache juristisch eigentlich funktionieren kann, stand auf einem anderen Blatt. Vor Gericht steht das Unternehmen jedenfalls. Der stets aufmerksame Sebastian Posth hat denn auch einen Bericht in De Volkskrant aufgespürt, in dem es um den ersten Tag des Prozesses geht. Und er nennt Zahlen: „150 User, 700 Titel wurden angeboten, 250 “Exemplare” für 5 Euro verkauft. Die Plattform verdient 10 Cent pro Transaktion. Man hat Verlagen und Autoren angeboten, die Einnahmen zu teilen. Das finde ich generös. Kann das sein, dass man hat die geltende Rechtslage (1st sale) einfach nicht verstanden hat? Wie kommt man zu so einem Projekt?“ Das fragt sich nicht nur Sebastian.

Dass es auch die Promis nicht leicht haben, wissen wir ja. Und dass die Zeiten vorbei sind, in denen es genügte, in irgendeiner Reality-Show unangenehm aufzufallen um hinterher mit irgendwelchen Ergüssen Kasse zu machen, ist uns auch schon bekannt. Jetzt hat es aber auch ein echtes Schwergewicht erwischt, und mit ihr wohl auch demnächst die Verantwortlichen im Verlag: Hilary Clintons Hard Choices, mit dem sie sich als Nachfolgerin für Barack Obama positionieren wollte, ist in den ersten drei Wochen zwar 161.000 mal in den USA verkauft worden – allerdings wurden mehr als die Hälfte davon in der ersten Woche abgesetzt, zuletzt waren es noch 28.000 Exemplare. Gut, das mag jetzt Jammern auf sehr hohem Niveau sein, aber die Verkaufszahlen liegen meilenweit hinter den Erwartungen des Verlags. Simon & Schuster hatte ihr 14 Millionen US-Dollar Vorschuss gezahlt und eine Million Exemplare in den Markt gedrückt. Dieser Vor-Schuss dürfte nach hinten losgegangen sein. Ein Gutes hat die Sache für die Sachbearbeiter und das mittlere Management des Verlags: Die Bosse trauen sich derzeit nicht, die Köpfe zu schütteln – dazu sitzen die nämlich zu locker.

Wenn Sie meine Ein- und Ausfälle lesen, dann geht es Ihnen sicherlich wie mir – Sie lieben Bücher und Buchläden. In meiner alten Heimat London gibt es davon zwar immer weniger, aber dafür sind viele von ihnen ganz besonders schön anzusehen. Die Kollegen von Buzzfeed haben eine Fotostrecke mit 14 herausragenden Beispielen, die ich fröhlich zur Ansicht empfehle. Ziemlich am Ende der Liste werden Sie auch Baxter kennenlernen, der zu den höflichsten und nettesten Leuten im britischen Buchhandel zählt. Übrigens veröffentliche ich hier gerne auch Ihre Bilder von besonders schönen und originellen Buchläden. Email genügt.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Schön, dass Sie mir die Treue halten. Noch mehr aktuelle Nachrichten, vor allem mit Blick auf den deutschsprachigen Raum, finden Sie bei publishernews, den der wackere Andy Artmann und seine Getreuen zusammenstellen. Ich empfehle die Lektüre.

Aus meiner Werkstatt:

Am vergangenen Sonnabend hatte ich Ihnen als Gedicht zum Wochenende „Der Ball“ von Rainer Maria Rilke serviert. Morgen gibt es noch einmal Fußball poetisch, diesmal zeigt sich Joachim Ringelnatz als früher Prophet des Tiki-Taka. Viel Spaß damit.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling