Liebe Gemeinde,

heute geht es um verschwindende E-Books in Japan, Piraten, afrikanische Literatur, ein milliardenteures Buch und mehr.

Casa del Llibre, Barcelona (c) ehlingmedia 2012

Casa del Llibre, Barcelona (c) ehlingmedia 2012

Im Land von Origami und Kirschblüte hängen derzeit die Köpfe traurig herunter – das Ausscheiden der „Blauen Samurai“ bei der Fußball-WM sorgt für Depressionen. Das ist für E-Book-Käufer in Japan kein ungewohnter Zustand: Dass nämlich ihr E-Book-Shop des Vertrauens von heute auf morgen dichtmacht, ist inzwischen zur unschönen Gewohnheit geworden. Wie die Japan Times berichtet, hat im Februar der Warenhauskonzern Lawson seinen Shop Elpaka geschlossen, Ende Juli macht der Elektrogroßhändler Yamada Denki seinen Online-Laden dicht.

Die große Frage, die sich dann immer wieder stellt: Wie kommen die Ex-Kunden an ihre gekauften elektronischen Bücher? Zumeist gar nicht. Als der Online-Riese Rakuten im Jahr 2011 Kobo übernahm, wurde der konzerneigene E-Book-Shop Raboo geschlossen, die Kunden bekamen 40 Prozent des Einkaufspreises ihrer E-Books in Form von Einkaufsgutscheinen erstattet, eine Mitnahme zu Kobo gab es nicht. Die Elpaka-Kunden erhielten Bonuspunkte für Einkäufe in den Lawson-Läden, wer bei Yamada Kunde war, erhielt die schöne Nachricht, dass die Bücher fortan verschwunden seien und noch nicht verbrauchtes Guthaben werde verfallen. Ach ja: In absehbarer Zeit werde Yamada einen neuen E-Book-Shop aufmachen. So baut man einen treuen Kundenstamm auf… Nach einem gewaltigen Shitstorm wurde der angekündigte Raubzug modifiziert: Auch hier gibt es jetzt Einkaufsboni in den Elektroläden und erworbene E-Books können ins System des neuen Shops migriert werden.
Grundsätzlich ist Japan ein gutes Pflaster für digitales Lesen: Wenn Sie einmal in Tokio mit Bus oder Bahn unterwegs waren, dann wissen Sie, dass da einfach nicht genug Ellbogenplatz ist um Bücher oder sogar Zeitungen zu lesen. Das digitale Mäusekino auf dem Mobiltelefon gehört seit Jahren zum Standard. Ob Buchhändler, Telefongesellschaften oder Warenhäuser – die Zahl der Anbieter von elektronischem Lesestoff ist sehr groß, was möglicherweise auch ein Grund dafür ist, warum keiner von ihnen es geschafft hat, in Sphären vorzustoßen, in denen die Sache wirtschaftlichen Sinn ergibt.
Der rustikale Umgang mit der Kundschaft baut zusätzliches Misstrauen auf, und ein alter Bekannter öffnet grinsend die Arme: Amazon hat seinen Marktanteil in den vergangenen Jahren drastisch ausweiten können. Was immer man gegen den Riesen aus Seattle sagen möchte – solch einen Unsinn wie die heimische Konkurrenz leistet sich das Unternehmen einfach nicht.
Um ganz sicher zu gehen, dass digitale Bücher in ihrem Besitz bleiben und auch nach Belieben weitergegeben werden können, greifen immer mehr Japaner zu jisui: Man kauft ein Papierbuch und scannt es ein. Die entsprechenden Geräte finden steigenden Absatz.

Wir bleiben bei Unerfreulichem: Der Konditionenstreit, den Amazon mit Verlagen in den USA, Deutschland, Großbritannien und sicherlich auch noch andernorts angezettelt hat, begleitet uns jetzt schon seit Monaten und ist inzwischen so appetitlich wie Kaugummi an der Schuhsohle. Jetzt haben mehr als 300 US-Autoren deutliche Worte gefunden, um ihren Frust gegenüber dem Online-Riesen abzuladen. Die Namen auf der Liste sind hochkarätig: David Baldacci, James Patterson, Joseph Finder, Stephen King oder Nora Roberts. Bemerkenswert finde ich, dass auch David Maraniss, der Associate Editor der Washington Post, zu den Unterzeichnern des Briefs zählt – die Zeitung gehört seit einigen Monaten Jeff Bezos persönlich. Chapeau!
Die Argumente der Autoren sind wohltuend sachlich und entbehren der Ladung Schaum vor dem Mund, der so manch anderen Kommentar auszeichnet: Sie fühlen sich unfair behandelt und beklagen, dass sie mit ihren Büchern – und dadurch mit ihren Einkünften – in eine Art strategische Geiselhaft genommen werden.
Sehr viel drastischer tritt die European and International Booksellers Federation ins Geschirr: Ausdrücklich unterstützt der Verband die Kartellbeschwerde des Börsenvereins; Präsident Oren Teicher, Chef des US-Buchhändlerverbands ABA, verweist darauf, dass die Branche seit Jahren gegängelt wird von einem Unternehmen, das eher am Verkauf von Fernsehern, Lebensmitteln und Windeln interessiert sei als an Büchern – das sei für niemanden in der Branche gut. Der Mann liegt damit nicht ganz falsch.

Increasingly, the international book industry is being held hostage by a company far more interested in selling flat screen TVs, diapers, and groceries. It is clear that Amazon is prepared to sacrifice a diverse publishing ecosystem to achieve retail dominance. That’s not good for authors, readers, or our society no matter what country you live in.
Oren Teicher

Dass Spanien zurzeit nicht die glücklichste Phase seiner Geschichte durchmacht, wissen wir: Erst fliegt das Nationalmannschaft bei der Vorrunde der WM raus, dann tritt der König zurück. Ach ja, und eine Wirtschaftskrise gibt es auch noch. Da sind die Probleme, die es im Buchmarkt gibt, nur selten nachrichtenwürdig. Dabei gäbe es viel zu sagen: Die Buchhandelslandschaft ist dürftig, die Verlage streichen ihre Programme zusammen, selbst große Player wie Santillana verabschieden sich vom Publikumsmarkt und konzentrieren sich auf das sehr viel lukrativere Geschäft mit Lehrbüchern. Seit 2008 ist der Verkauf von Büchern um gut 40 Prozent zurückgegangen.
Seit Jahren werden gedruckte Bücher in großem Stil raubkopiert – jetzt wurde eine groß angelegte Piratenorganisation in Madrid und Sevilla von der Polizei ausgehoben. Mehr als tausend populäre Titel seien von der Bande raubkopiert worden, andere Quellen sprechen von 10.000 Titeln und acht Druckereien, in denen das Zeugs dann hergestellt wurde.  Verbindungen zur organisierten Kriminalität in Asien wurden als wahrscheinlich bezeichnet. Mancher mag jetzt argumentieren, dass die Raubkopien, die in hohen Auflagen ihre Käufer finden, zur Überlebensstrategie in einem Land gehören, das wirtschaftlich gebeutelt ist – ich habe das bei Podiumsdiskussionen vor allem in Lateinamerika und in der Arabischen Welt sehr oft zu hören bekommen. Ich habe inzwischen einen Kniff gefunden, um solche Debatten zu beenden: Ich bitte die Leute, die so argumentieren darum, mir ihren Autoschlüssel zu geben – als freier Schreiber habe ich schließlich auch nicht das Geld, um mir alles leisten zu können, was ich gerne hätte. Ich gebe zu, dass das nicht sehr subtil ist. Aber es wirkt.
Wie weltumfassend die Buchräuber unterwegs sind, zeigt auch die Meldung, wonach in Uganda Massen von illegalen Lehrbüchern aus insgesamt 29 Läden und Marktständen beschlagnahmt wurden. Insgesamt knapp 700.000 US-Dollar sollen Schüler und Studenten die Texte bezahlt haben. Das hört sich nach nicht besonders viel Geld an, ist aber angesichts der prekären Lage der Verlage im Land und der sehr geringen Kaufkraft der Menschen eine mehr als stattliche Summe.
Nur als Gedächtnisstütze: Buchpiraterie verursacht einen Schaden von mehr als 3 Milliarden US-Dollar im Jahr.

Wir kommen zu etwas Erfreulichem: Wie die New York Times berichtet, genießen afrikanische Autoren – zumindest in den USA – derzeit einen kleinen Boom. Wobei es dabei vor allem um Schreiber geht, die zwar afrikanische Wurzeln haben, allerdings in den USA oder Westeuropa leben. Chimamanda Ngozie Adichie ist da zu nennen, Taye Selasie, Helon Habila und viele andere. Ob das mehr ist als eine aktuelle Modeerscheinung – nach der „Entdeckung“ von Frauenliteratur, Latinos, Indern, Afro-Amerikanern etc. – ist allerdings fraglich. Wir alle wissen, dass die großen Publikumsverlage ihre Programmpolitik nach dem Lemming-Prinzip gestalten: Wenn Harry Potter erfolgreich ist, kommt alsbald eine Schwemme von Fantasy-Romanen für Halbwüchsige auf den Markt, die Fifty Shades ziehen eine Flut von Hausfrauen-Erotika nach sich. Jetzt eben Afrikaner. Wobei die aktuelle Generation es geschickt versteht, „westliche“ Lesegewohnheiten anzusprechen und kulturelle Differenzen auszubügeln, was sicher damit zu tun hat, dass viele von ihnen durch die Creative Writing-Kurse an britischen und US-Universitäten gegangen sind.
Vergleicht man die Hervorbringungen der jungen afrikanischen Autoren mit denen der Generation der „Gründerväter“ wie Chinua Achebe, Wole Soyinka, Ngugi wa Thiong‘o oder gar Amos Tutuola fällt vor allem auf, wie süffig und glatt die Texte geschrieben sind. Die „Afrikanität“ ist ihrem Schreiben weitgehend abhandengekommen. Immerhin spielt Afrika als Schauplatz eine Rolle und so mancher brave Bürger in Illinois oder Unterfranken erfährt bei der Lektüre viel mehr über unseren Nachbarkontinent als es die Krisenberichterstattung unserer Medien leisten könnte. Also: Gut dem Dinge!
Falls Sie sich ein wenig eingehender beschäftigen wollen mit den Literaturen aus dem Süden empfehle ich Ihnen litprom – die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die seit 1980 unter der Ägide der Frankfurter Buchmesse wacker für ihr Anliegen streitet.

Und zum Abschluss: Ein Buchhändler aus dem schönen York traute seinen Augen nicht, als er bei Amazon ein Buch über Chromolithograpie fand, das gebraucht für schlappe 526 Milliarden Pfund (nein, kein Tippfehler) angeboten wurde. Plus Versandkosten. Was uns zwei Fragen stellen lässt: Wie war das noch mit den Niedrigpreisen bei Amazon? Und: Was zum Teufel hat ein Buchhändler bei Amazon zu suchen? Leider ist das Angebot nicht mehr online. Ich zweifele aber, ob das mit einem erfolgreichen Verkauf zu tun hat. Falls doch, hoffe ich sehr, dass zumindest die Versandkosten nicht berechnet wurden.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. In den vergangenen Monaten habe ich Ihnen an dieser Stelle Peter Hetzels Buchtipps ans Herz gelegt. Das kann ich nicht mehr tun: Peter ist am vergangenen Sonntag gestorben. Wir waren nicht eng befreundet, aber ich habe ihn sehr gemocht, weil er klug war, selbstironisch, liebenswert und hilfsbereit. Hier finden Sie einen Nachruf im Hamburger Abendblatt.
Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling