Liebe Gemeinde,

heute geht es um Amazon als Autors Feind, junge Lesemuffel, nochmal um einen großzügigen Schreiberling, einen alkoholisch-literarischen Selbstversuch und mehr.

 

Trident Booksellers, Boston (c) ehlingmedia 2014

Trident Booksellers, Boston (c) ehlingmedia 2014

Ob in den USA oder hierzulande, die Verdienste von Amazon um das Entstehen der Selfpublisher-Szene sind unbestritten. Keine andere Plattform ist so erfolgreich wie KDP – was natürlich mit der Verlockung zusammenhängt, die von der Sichtbarkeit auf der Verkaufsplattform des weltweit größten Buchverkäufers ausgeht. Man sollte sich aber nicht täuschen, was die scheinbare Freundlichkeit des Riesen aus Seattle angeht, mahnt Laura Miller in einem Beitrag bei Salon. Ihr Argument: Die Selbermacher sollten ihren berechtigten Rochus auf das „Prinzip Verlag“ hintanstellen und sich selbst mehr als Unternehmer in eigener Sache verstehen, denen durch die Konditionenforderungen, wie sie Amazon in den USA bei Hachette oder in Deutschland bei Bonnier erhebt, spätestens auf mittlere Sicht selbst Ungemach droht.

Ja, viele Autoren, die sich heute als Selbstverleger versuchen, haben schlechte Erfahrungen mit Verlagen gemacht – ich habe darüber schon vor einiger Zeit geschrieben. Da nützt es auch nichts, wenn Verlags- und Verbandsleute bei uns darauf beharren, dass eigentlich alles in Butter ist. Denn aus Sicht der Autoren sieht die Sache nun einmal anders aus. Und Amazon hat mit KDP und Create Space nun einmal Möglichkeiten geschaffen, die großartig sind für Selbstverleger.
Miller weist aber darauf hin, dass es bei dem Streit nicht um Amazons Angebote an Autoren geht, sondern darum, wie professionelle Partner miteinander umgehen sollten. Denn auch wenn es schwierig ist, Manuskripte bei einem Verlag unterzubringen, gibt es doch so viele verlegerische Marktteilnehmer, dass die bisweilen zu lesende Behauptung, die Verlage bildeten ein Monopol, geradezu grotesk ist. Nein: In dem Streit geht es darum, was E-Books in Zukunft kosten sollen, wieviel Rabatt gewährt wird und welche Sonderzahlungen Verlage zu leisten haben, um in den Genuss von Empfehlungsalgorithmen und anderen Werbemitteln zu kommen, über deren Einsatz allein Amazon als Händler entscheidet.
Anti-Amazon Stephen ColbertNatürlich haben die großen Buchhandelskonzerne, ob in den USA oder bei uns, in der Vergangenheit die Verlage immer wieder gemolken mit eben solchen Forderungen nach Gebühren für Schaufensterpräsenz oder günstige Platzierungen im Laden, und die Verlage haben kräftig darüber lamentiert – und bezahlt, wenn sie es sich denn leisten konnten. Darauf wird auch von Seiten des Pro-Amazon-Lagers gerne hingewiesen. Im Ergebnis sind die Filial-Buchläden zu beliebigen Einheitsanbietern verkommen, in denen die verehrte Kundschaft die immer gleichen Sortimente zu sehen bekommt.
Aber, und hier sitzt der Knackpunkt: Weder Barnes & Noble und Borders (R.I.P.) in den USA, noch Waterstones in Großbritannien, Fnac in Frankreich oder Thalia und Hugendubel im deutschsprachigen Raum haben jemals eine derartige Marktstellung eingenommen wie Amazon das tut. Zahlen dazu? Bittesehr: In den USA hat der gesamte stationäre Buchhandel, inklusive Barnes & Noble, im Jahr 2013 rund 13,6 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Amazon setzte dort mit „Books & Media“ im gleichen Zeitraum rund 11 Milliarden US-Dollar um. In Deutschland kam der Buchhandel 2013 insgesamt auf etwas mehr als 4 Milliarden Euro Umsatz, davon gingen 1,9 Milliarden Euro an Amazon. Im E-Book-Markt in den USA kommt Amazon auf fast 70 Prozent Marktanteil, in Deutschland sind es wohl zwischen 40 und 50 Prozent, verlässliche Zahlen gibt es nicht.
Solch eine Marktstellung ist an sich eine Gefahr für das Gleichgewicht zwischen den Akteuren, weshalb der Konditionendruck, den Amazon jetzt aufbaut, eben nicht vergleichbar ist mit den unsittlichen Übergriffen, die sich die Filialisten geleistet haben. Und deshalb ist auch die Beschwerde, die der Börsenverein beim Bundeskartellamt gegen Amazon eingereicht hat, nicht ohne weiteres vom Tisch zu wischen.
Sollte Amazon mit seinen Forderungen durchkommen, würde dies erhebliche Auswirkungen auf den E-Book-Markt haben, zunächst in den USA, auf mittlere Sicht aber auch in anderen Märkten. Bereits jetzt hat der Online-Riese damit begonnen, auch britische Verlage in die Konditionenmangel zu nehmen. Dabei geht es um die Preise, zu denen E-Books angeboten werden. In den USA hatten die sechs großen Verlagskonzerne – Penguin, Random House, Macmillan, Simon & Schuster, Hachette und HarperCollins – sich mit Apple auf ein Modell verständigt, nach dem die Verlage die Preise festsetzten und Apple lediglich als Verkaufsagent auftrat. Gleichzeitig wurde allen anderen Händlern untersagt, E-Books dieser Verlage günstiger anzubieten. Damit konnte Amazon nicht mehr tun, was es besonders gut kann: Bücher und andere Dinge zu extrem günstigen anbieten, allein um Marktanteile zu gewinnen. Das Ergebnis kennen Sie: Das US-Justizministerium und die US-Bundesstaaten klagten und kamen durch. Um einer Verurteilung wegen illegaler Preisabsprachen zu entgehen, akzeptierten die Verlage eine Strafzahlung von 162 Millionen US-Dollar. Apple wurde verurteilt, die Höhe der Strafe steht noch nicht fest, könnte aber ungefähr eine Milliarde US-Dollar betragen. Ich habe die Sache vor einiger Zeit ausführlich dargestellt.
Für die Autoren bedeutet dies, dass sie als Selbstverleger bei einem Amazon-Erfolg im Streit in der Preisfalle landen. In den USA kosten selbstverlegte E-Books extrem wenig: Viele Autoren hoffen, als Billigheimer Leser anzuziehen, und sie haben damit Erfolg. Kaum ein selbstverlegtes E-Book kostet dort mehr als 6 US-Dollar; Verlagsprodukte sind eher selten unter 10 US-Dollar zu haben. Sollte Amazon die Konditionen soweit ändern können, dass auch Verlagsprodukte zum gleichen Preis wie selbstverlegte E-Books angeboten werden, dürfte sich der Selfpublishing-Boom sehr schnell erledigt haben. Denn, und da haben die deutschen Verbandsoberen recht, die verehrte Kundschaft sieht den Verlag immer noch als Siegelbewahrer einer gewissen Qualität. Mit dem Schnäppchenpreis für Seltbstverlegtes steht und fällt oft die Kaufentscheidung: Wer, bei gleichem Preis, die Wahl hat zwischen einem E-Book von Stephen King oder Frank Schätzing und den Hervorbringungen völlig unbekannter Selbstmacher, wird in der Regel auf Nummer sich gehen – Ausnahmen bestätigen die Regel. Und gerade weil die Verlage immer intensiver die Genre-Fiction (Thriller, Fantasy, Romance etc.) beackern, also exakt den Bereich, in dem die meisten Selfpublisher sich tummeln, würde der Preisdruck auf Selbstverleger noch größer werden. Und wer meint, dass Amazon seine Marktmacht gegenüber den kleinsten Geschäftspartnern nicht ausnutzt, der sei auf ACX hingewiesen, die Selfpublishing-Plattform von Audible, dem Hörbuch-Ableger von Amazon: Dort wurden die Autorenhonorare drastisch gekürzt, nachdem eine beherrschende Stellung erreicht war.
Fazit: Wer sich selbst verlegt, sollte hoffen, dass Amazon auf die Nase fällt – im eigenen unternehmerischen Interesse.

Wir bleiben bei E-Books. Wie Sie wissen, erwerben Sie mit dem Kauf eines E-Books nicht das Eigentum an dem Text, sondern lediglich eine Lizenz zum Lesen. Das macht das Verschenken und Weiterverkaufen schwierig oder sogar illegal. In den Niederlanden macht sich jetzt TomKabinet.nl daran, die Sache aufzumischen. Das Angebot versteht sich als eine Art Flohmarkt für gebrauchte E-Books und stellt den Kontakt her zwischen Anbieter und Verkäufer, gegen eine Vermittlungsgebühr.
Ähnliches tut ReDigi in den USA, derzeit allerdings nur für Musik. Dort wird sichergestellt, dass beim Verkauf die Datei beim Verkäufer gelöscht wird. Soweit geht TomKabinet nicht, man setzt auf Ehrlichkeit. Das ist niedlich. 20.000 E-Books sind dort angeblich im Angebot, allerdings keine aus den Shops von Apple, Google oder Amazon.

Auf eine andere Idee in Sachen E-Book-Teilen ist der tschechische Anbieter Palmknihy gekommen: Dort gibt es E-Books mit Mehrfach-Lizenzen, was vor allem für Fachbücher, die in Unternehmen gelesen werden, sehr nützlich sein sollte. Auf solche Texte ist das Angebot derzeit auch begrenzt, insgesamt stehen rund 1300 E-Books zu Recht, Medizin, Personalwesen und anderen Themen zur Verfügung.

Weg vom E-Book, hin zu wahren Welt: In Israel wechselt die Buchhandelskette Steinmatzky den Besitzer: Der Finanzinvestor Markstone hatte schon länger die Nase voll von dem Unternehmen, das vor allem Schulden aufhäufte und suchte seit zwei Jahren einen Käufer. Steinmatzky, 1925 gegündet, betreibt rund 60 Läden und hat einen Anteil von etwa 40 Prozent am israelischen Buchmarkt. Wieviel die Käufer auf den Tisch legen mussten, wurde nicht bekannt, allerdings sickerte durch, dass die rund 15 Millionen US-Dollar, mit denen der Filialist bei der Deutschen Bank und einem anderen Markstone-Unternehmen in der Kreide steht, nicht übernommen wurden.

Auch wahre Welt: Wir Altvorderen wissen es schon längst – die Jugend von heute ist irgendwie nicht mehr so wie zu unseren Zeiten. Gut, diesen Seufzer haben sicherlich auch schon Papa und Mama im Neandertal ausgestoßen, was aber nicts ändert an der Wahrheit. Immerhin ist die Jugend von heute wohl, jedenfalls in den USA, ausgesprochen lesemufflig unterwegs, jedenfalls wenn man einer Untersuchung glaubt, die jetzt die Kollegen von Goodereader vorgestellt haben. Demnach verbringen die 15 bis 19-jährigen an Wochenenden, Feiertagen oder in den Ferien gerade einmal 4,2 Minuten pro Tag mit Lesen. Erst die reiferen Semester ab 45 verbringen mehr als eine Viertelstunde damit, ab 75 Jahren geht die Lesezeit dann auf mehr als eine Stunde täglich hoch. Sehr bedauerlich. Die Begründung leuchtet mir nur zum Teil ein: Weil die jungen Leute frühkindlich geprägt sind auf digitale Darreichungsformen, ist ihre Aufmerksamkeit extrem dünn ausgeprägt – ständige Störungen durch SMS oder Nachrichten von Freunden stören den Lesefluss. Also liebe Eltern: Entwindet euren Teenies die Smartphones und euren Kleindkindern die Tatsch-Päds!

Ich hatte in der vergangenen Woche erzählt, dass James Patterson in den USA eine Million-US-Dollar an unabhängige Buchläden vergibt. Jetzt hat er, pünktlich zum Start der Independent Booksellers Week am Sonnabend, angekündigt, dass er in Großbritannien und Nordirland 250.000 Pfund zur Verfügung stellt. Buchläden, die bedacht werden wollen mit einer Zuwendung zwischen 250 und 5000 Pfund dürfen weniger als eine Million Pfund Umsatz machen und müssen eine eigene Kinderbuchabteilung haben. Denn, wie Patterson in dem nachfolgenden Video sagt: „We have got to get our kids reading“.

Ich habe in der vergangenen Woche schon Applaus dafür gespendet und tue das gerne noch einmal. Natürlich weiß Patterson ganz genau, dass er mit dieser Aktion auch kräftige Werbung für sich und seine Bücher macht. Aber mir scheint, dass es dem Mann ernst ist mit der Sache. Allerdings ist seine Großzügigkeit nicht unbedingt immer hilfreich: In New York spendet er 45.000 Bücher für Schulen. Sollten das ausschließlich eigene Werke sein, kann man die armen Kinderlein nur bedauern.

Zum Abschluss noch etwas in Sachen fehlgeleitetem Enthusiasmus: In den USA hat jetzt ein Herr beschlossen, sämtliche Drinks zu verkosten, die in den Werken von Thomas Pynchon Erwähnung finden, die Degustationsnotizen samt literarischem Quellenhinweis finden sich im Blog. Ääh. Ja…

hge (c) 2013 ehlingmedia

Das war’s für diese Woche, ich hoffe, der Rückblick hat Ihnen gefallen. Natürlich empfehle ich wieder gerne den Buchtipp von Peter Hetzel - es tun sich diesmal Abgründe auf. Und morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende.

Bis demnächst, herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling