Liebe Gemeinde,

ich bitte um Entschuldigung für die verspätete Lieferung des Wochenblicks, ich hoffe, Sie lesen ihn trotzdem mit Freude.
Heute geht es um Doktor Schiwago, Finnen überall, einen großzügigen Schreiberling, Bücher im Müll, Google Play – in 45 Ländern ignoriert, obstinate Nordmänner und mehr.

Fiercely Independent. Longfellow Bookstore, Portland, ME (c) ehlingmedia 2014

Fiercely Independent. Longfellow Bookstore, Portland, ME (c) ehlingmedia 2014

Nachdem wir in den vergangenen Wochen aus reisetechnischen Gründen recht kurz getreten haben, schauen wir uns heute ein bischen intensiver um im Weltenrund.

Wir beginnen mit der Abteilung Nostalgie: Sie erinnern sich sicher an Doktor Schiwago, wenn nicht an den Roman von Boris Pasternak so doch sicherlich an den Film mit Julie Christie und Omar Sharif, der im Laufe der Zeit mindestens soviel Tränen hat fließen lassen um damit den Baikalsee füllen zu können. Jetzt ist in den USA ein Buch erschienen, in dem erzählt wird, wie der in der Sowjetunion verbotene Roman zu den Lesern hinter dem eisernen Vorhang gelangen konnte – nämlich durch die eifrigen Bemühungen der Schlapphüte vom CIA, denen dabei der britische Auslandsgeheimdienst MI6 zur Seite stand.
Der Guardian berichtet, dass Pasternak 1956 das Manuskript einigen Vertrauten übergeben hatte, darunter auch der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der die erste Übersetzung des Buchs herausbrachte. Daraus entstand ein Welterfolg, den die Sowjets wegen der massiven Kritik an den Zuständen im Reich der roten Zaren ihrem eigenen Volk natürlich nicht zumuten wollten. Der CIA erkannte sofort den propagandistischen Nutzen, der sich aus dem Roman schlagen ließ und setzte alles daran, um den Text in der Sowjetunion zirkulieren zu lassen.
Aus jüngst deklassifizierten CIA-Dokumenten geht hervor, dass 1957 ein britischer Geheimdienstmitarbeiter das Originalmanuskript Pasternaks fotografieren konnte und den Film an den CIA weiterleitete. Die Amerikaner ließen daraus eine russische Ausgabe erstellen und in den Niederlanden drucken, die während der Weltausstellung 1958 in Brüssel verteilt wurde. Besonders beliebt bei sowjetischen Besuchern der Ausstellung war seinerzeit der Stand des Vatikan: Dort wurden die Bücher nämlich verteilt und ganz offensichtlich nahmen viele der eigentlich lupenreinen Sowjetfunktionäre den Roman mit in die Heimat und ließen ihn im Bekanntenkreis zirkulieren.
Tatsächlich war die Schiwago-Aktion nur eine von vielen, die der CIA im Kalten Krieg anzettelte, um sowjetischen Bügern Zugang zu verbotenen Texten zu verschaffen. Pasternak, der 1958 den Literaturnobelpreis erhielt (die Regierung zwang ihn zum Verzicht) war nicht nur wegen Doktor Schiwago ein Liebling der russischen Leser. Seinen Namen hatte er sich vor allem als Dichter gemacht – wobei seine Lobeshymnen auf Lenin und Stalin heute nur mit Magenbtter erträglich sind. Er starb 1960, an seiner Beerdigung nahmen tausende seiner Landsleute teil, obwohl das Sowjetregime jegliche Trauerbekundungen untersagt hatte.

Ganz schön kalt ist’s auch in Finnland, und das ist der Ehrengast der diesejärhrigen Buchmesse in Frankfurt. Wie in jedem Jahr legt das Gastland besonderen Wert auf möglichst viele Übersetzungen, das dient vor allem gegenüber den staatlichen Geldgebern als Erfolgsnachweis. Da kann sich Finnland durchaus sehen lassen: 130 Neuerscheinungen soll es geben. Wie viele davon tatsächlich „neu“ sind, ist eine andere Frage – beim Ehrengast Neuseeland wurden selbst Neuauflagen von Katherine Mansfield, deren Bücher seit 1932 auf Deutsch erhältlich sind, der Erfolgsbilanz zugeschlagen. Wie dem auch sei: Im Sommer und Herbst werden wir viele finnische Autoren lesen können und so mancher Feuilletonredakteur, der schon einmal einen Skispringer gesehen hat, wird uns als Finnlandexperte gegenübertreten.
Nachhaltigen Erfolg für die Übersetzungen aus den jeweiligen Sprachen können nur die wenigsten Ehrengastländer verzeichnen; nach der Übersättigung im Messejahr will das geneigte Publikum sowieso erst einmal nichts weiteres wissen vom jeweiligen Gastland, und die Verlage warten ab, wie denn die (zumeist mit kräftigen Zuschüssen geförderten) Übersetzungen ankommen.
Der eigentliche Gewinner der Ehrengastprogramme ist aber die Frankfurter Buchmesse, der die Sache in jedem Jahr zuverlässig viele Quadratkilometer Zeitungsberichterstattung und gefühlte 23.000 Jahre Sendezeit in Radio und Fernsehen beschert – das Ehrengastprogramm, 1976 von Peter Weidhaas, wenn auch in anderer Konzetion, eingeführt, ist mit Abstand das beste Werbeinstrument für die Woche der Ruhestörung am Main. Immerhin hat man mit Finnland auch keine politisch heiße Kartoffel auf dem Teller (ob es schwerwiegende Elchrechtsvertöße gibt, weiß ich allerdings nicht).
Ein paar Daten zum finnischen Buchmarkt vermeldet das wackere Börsenblatt: 2013 brachten die 5836 finnischen Verlage rund 5.000 Titel auf den Markt, wobei Lehrbücher nicht mitgezählt sind. 675 dieser Titel entfielen auf Kinder- und Jugendbücher, was sich wohl auch bei den Übersetzugen bemerkbar machen wird. Insgesamt, so der finnische Verlegerverband, belief sich der Nettoumsatz der Branche im Jahr 2013 auf 253,6 Millionen Euro, ein spürbarer Rückgang um 3,6 Prozent. Jeweils etwa ein Drittel davon entfällt auf Lehrbücher, Sachbücher und Unterhaltungsliteratur. Deutlich rückläufig waren auch die Auflagen: Insgesamt wurden 20,3 Millionen Bücher produziert, das sind satte 11 Prozent weniger als im Vorjahr. Am unerhörten Erfolg von E-Books und dergleichen liegt das allerdings nicht: Der Elektronik-Anteil macht etwa 7 Prozent des Marktvolumens aus.

Wenn es um Menschenrechte geht, hören wir aus der Türkei in den vergangenen Jahren selten gute Nachrichten. Immerhin erleichtert sind wir, dass das Oberste Gericht in Ankara die Verurteilung der Schriftstellerin Pinar Selek zu lebenslanger Haft aufgehoben hat. Der Fall, der die Gerichte schon seit 16 Jahren beschäftigt, wird neu verhandelt. Pinar Selek, die sich seit Jahren für die Sache der Kurden engagiert, wird beschuldigt, an einem Bombenanschlag auf einen Markt in Istanbul beteiligt gewesen zu sein, bei der im Jahr 1998 sieben Menschen ums Leben gekommen waren. Selek war 2001, 2006 und 2011 freigesprochen worden; im Januar 2013 war die Autoren, die in Frankreich im Exil lebt, in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Patterson-AnzeigeSeien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich Ihnen anvertraue, dass ich kein Fan der Bücher von James Patterson bin. Als professioneller Schreiber bin ich aber ziemlich neidisch auf die gut geölte Maschine, die es ihm erlaubt, alle sechs Wochen irgendein neues Buch auf den Markt zu werfen. Der Mann verdient Millionen, das sei ihm gegönnt, er hat schließlich Millionen Fans in aller Welt. Erwärmen kann ich mich allerdings für Herrn Patterson, weil er in den vergangenen Monaten sehr lautstark für den unabhängigen Buchhandel die Trommel rührt. In der New York Times und in Publishers Weekly schaltete er eine ganzseitige Anzeige, in der er für die Buchhändler warb, und zwar mit dem Argument, dass es ohne sie keine gute Literatur geben würde. Und insgesamt schüttet er im laufenden Jahr eine Million US-Dollar aus seinem Privatvermögen an unabhängige Buchhändler aus, die Unterstützung brauchen. Das verdient Respekt.

Wenn gut 100.000 neue Bücher im Müllcontainer landen, verbirgt sich dahinter selten eine schöne Geschichte. Da ist hier nicht anders: Im nordirischen Derry verfügte der Insolenzverwalter der Pleite-Buchhandlung Bookworm, das der gesamte Lagerbestand weggeworfen werden muss. Ob der Intelligenz der Entscheidung nehmen wir an, dass der verantwortliche Herr nach seinem Diplom in Betriebswirtschaft einige Zeit bei Ernst & Young, PwC oder sonstigen milliardenvernichtenden Erbsenzählern verbracht hat. Ob das so ist, wissen wir aber auch nicht. Die Geschichte hinter der Geschichte ist jedenfalls nicht lustig: Im Jahr 2012 ging Bookworm in die Insolvenz. Und wir wissen ja seit Basel II, dass Bücher keine Wertgegenstände sind, sondern eigentlich nur Sondermüll. Deshalb wurde der Müllcontainer bestellt und an einem grauen Tag begannen die Ausräumhelfer damit, die Bücher aus der Buchhandlung hinein zu kippen. Der frühere Bookworm-Inhaber Peter MacKenzie machte die Aktion bekannt und lud die Bevölkerung ein, sich zu bedienen. Was auch geschah: Hunderte Menschen griffen sich Bücher, es kam sogar zu Verkehrsstaus in der Stadt, weil besonders lesewütige Zeitgenossen das entsorgte Totholz gleich kofferraumweise abtransportierten.
Die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen in Großbritannien ist übrigens 2013 erstmals auf weniger als 1000 gefallen. Über diese dramatische Entwicklung hatte ich schon vor einiger Zeit berichtet. Die konservativ-liberale Regierung sorgt mit ihren Streichungen für Bibliotheken und andere Kulturtäger auf lokaler Basis dafür, dass das Buchhandelssterben im Königreich fröhlich voranschreitet. May God save the Queen – Cameron und seine Spießgesellen werden wohl in der anderen Abteilung versorgt werden.

Wir kommen zur Abteilung Digitales: Dass Google mit seinem Buchangebot ziemlich kläglich dasteht, wissen Sie sicher schon. Da hat die Firma nun schon Millionen Bücher einscannen lassen, ohne sich groß darum zu scheren, ob das rechtens ist, und trotzdem wird dem Angebot so gut wie gar keine Beachtung geschenkt. Aber, und das ist doch auch eine Leistung, Google Play und seine Bücher werden jetzt schon in 45 Ländern ignoriert – 13 sind in der vergangenen Woche dazu gekommen, nämlich Paraguay, Bolivien, Costa Rica, Nicaragua, El Salvador, Ecuador, Uruguay, Panama, Honduras, Kolumbien, die Dominikanische Republik, die Niederlande und Norwegen. Auffallend ist die Konzentration auf kleine Märkte in Lateinamerika: Offensichtlich will man die Zurückhaltung von Amazon und Apple in diesen Ländern nutzen, um sich einen Startvorteil zu verschaffen.
Besonders hübsch ist die Sache mit dem Google-Shop in Norwegen: Den gibt es zwar, aber die norwegischen Verlage spielen nicht mit, jedenfalls nicht die größeren wie Aschehoug, Gyldendal und Cappelen Damm, die auch den Löwenanteil der Bücher im Land produzieren. Der Grund für die Abstinenz sind natürlich die Konditionen. Merke: Google ist kein Amazon.

Auch elektrisch: Die neue US-Botschafterin in der Schweiz leistete ihren Amtseid auf einem Kindle. Das berichtet die Washington Post, und die muss sowas wissen – die Zeitung gehört Jeff Bezos.

Und zum Schluss empfehle ich Ihnen einen angelegentlichen Blick auf dieses Video, in dem Foyles zeigt, wie man den Umzug in das neue Stammhaus bewerkstelligt hat (das Ding ist riesig groß, es geht unten noch weiter).

 

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, Sie fanden den Rückblick interessant und bleiben mir treu. Natürlich darf der Hinweis auf Peter Hetzels Buchtipp nicht fehlen und natürlich auch nicht der Hinweis auf das Gedicht zum Wochenende, das sie auch am heutigen Sonnabend hier im Blog lesen können.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

Mit besten Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling