Liebe Gemeinde,

heute geht’s um freche Indies, Daumenschrauben, Kopierwut und mehr.

 

Anti-Amazon Indies USAIch bin immer noch fröhlich in den USA unterwegs und sehe hier im Nordosten die Verwüstungen, die im Buchhandel in den vergangenen Jahrzehnten angestellt worden sind. Selbst in Großstädten wie Hartford, Connecticut oder Portland, Maine gibt es kaum unabhängige Buchhandlungen zu besichtigen. Das besinnungslose Flächenwachstum von Barnes & Noble und Borders haben seit den 1980er Jahren viele Indies aus den Städten gefegt. Die Preiskämpfe, die von Amazon und den Supermarktketten ausgefochten wurden, haben auch nicht zur Gesundheit beigetragen. Aber immerhin: Die Indies sind nicht komplett verschwunden. In den vergangenen fünf Jahren hat der amerikanische Buchhändlerverband ABA sogar stets einen leichten Mitgliederzuwachs verzeichnen können. Die Borders-Pleite hat neue Räume für die kleinen Anbieter geschaffen; das Missbehagen an Amazon, das auch in den USA deutlich spürbar ist, hat den Indies ebenfalls auf die Füße geholfen.
Und: Die Indies haben inzwischen ein solides Selbstvertrauen entwickelt. Ein Beispiel dafür ist die gemeinsame Reaktion auf den Konditionenstreit zwischen Amazon und Hachette.  Ja, ich weiss, dass Sie von den Querelen nichts mehr hören wollen. Ich habe auch keine große Lust mehr auf die Sache. Aber ich finde es doch sehr hübsch, dass die unabhängigen Buchhändler in den USA den Stier bei den Hörnern packen und den Streit für sich nutzen. Mit einem rotzfrechen „Thank you, Amazon“ verkünden sie der werten Kundschaft, dass es bei Ihnen mehr gibt als Algorithmen und Rabatte. Nebenan finden Sie das Banner, das eine Reihe von Indies auf ihre Webseiten und Facebook-Pages geladen hat. Ich finde, das hat Charme.

Wo wir schon beim „Streit des Jahrhunderts“ sind, möchte ich gerne hinweisen auf Zahlen, die Hachette jetzt bezüglich seiner Geschäfte mit Amazon veröffentlich hat: Demnach werden in den USA 60 Prozent der E-Books des Unternehmens über Amazon verkauft; in Großbritannien sind es sogar 78 Prozent. Dass eine solche Geschäftsbeziehung höchst gefährlich ist für den Lieferanten, lernt man hoffentlich im ersten Semester BWL. Allerdings scheinen es die allermeisten Verlage bisher nicht begriffen zu haben – die von Hachette genannten Anteile sehen bei allen Großverlagen ähnlich aus, bei vielen unabhängigen Verlagen ist die Quote sogar noch höher, und das auch in den deutschsprachigen Märkten. Wenn deshalb der Börsenverein lautstark nach einer Prüfung der Marktmacht von Amazon durch die Kartellaufsicht ruft, dann hat das durchaus seinen Sinn: Der Markt ist tatsächlich nicht mehr im Gleichgewicht. Ebenso tatsächlich werden aber die verschiedenen Kartellaufsichtsbehörden, ob in Berlin, Brüssel oder Washington, keinen Finger krumm machen, um die Situation zu entschärfen: Amazons Marktmacht hat ja weniger damit zu tun, dass das Unternehmen am Rande der Legalität operiert sondern viel mehr damit, dass die liebe Konkurrenz in den vergangenen 20 Jahren schlichtweg nicht aus dem Quark gekommen ist. Die Indies in den USA zeigen immerhin, dass mit Intelligenz und Kreativität ein Überleben im Schatten von Amazon möglich ist, und das auch ohne Preisbindung. Vielleicht ist ja genialokal ein Weg, der auch bei uns Erfolg bringen könnte?

Recht unschöne Nachrichten habe ich zum Abschluss meiner Reise zu bieten: Ein New Yorker Gericht hat Bibliotheken das massenhafte Kopieren von geschützten Texten ausdrücklich gestattet. In dem Prozess ging es um eine Klage der US-amerikanischen Authors Guild gegen ein vom HathiTrust gefördertes Vorhaben, das eine höchst mögliche Zahl von Texten scannen und per Volltextsuche recherchierbar machen will. Bemerkenswert ist der Zirkelschluss der Urteilsbegründung: Weil für eine Volltextsuche so viele Texte wie möglich so komplett wie möglich kopiert werden müssen, könne von exzessivem Kopieren nicht die Rede sein. Das entspricht der Logik der alten Säuferweisheit: Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche – demnächst gibt es auch wieder Neues aus dem Rest der Welt zu lesen. Ihnen empfehle ich wieder angelegentlich den Buchtipp von Peter Hetzel und natürlich das Gedicht zum Wochenende, das Sie wie immer am Sonnabend im Blog finden.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling