Liebe Gemeinde,

heute geht es um amazonische Querelen, Rettungsring für den Nook, elektrische Verwirrung und Prognosen zum Kopfkratzen.

Longfellow Bookshop, Portland ME (c) ehlingmedia 2014

Longfellow Bookshop, Portland ME (c) ehlingmedia 2014

Ich bin nun schon ein Weilchen in God’s Own Country unterwegs und natürlich schaue ich dieser Tage vor allem darauf, was hier in den USA so passiert. An erster, zweiter, dritter Stelle jeglicher Diskussion zum Buchmarkt steht: Amazon vs. Hachette, vor allem, nachdem Amazon pünktlich vor Start der BookExpo America die Gangart verschärft hatte (ich hatte vergangenen Woche darauf hingewiesen). In der Tat: Die Vorbestellmöglichkeiten für Hachette-Bücher zu entfernen, ist ziemlich brutal. Jetzt verdichten sich die Anzeichen, dass Amazon ein weiteres Mal auf die treuen Dienste der Freunde vom US-Justizministerium (DoJ) bauen kann: Eine Reihe von Großverlagen sind aufgefordert worden, darüber Auskunft zu geben, ob und in welcher Form sie miteinander über die aktuellen Forderungen von Amazon gesprochen haben.
Das ist höchst gefährlich: Erst im vergangenen Jahr waren die US-amerikanischen Verlagsriesen wegen angeblich illegaler Preisabsprachen bei E-Books, die sie mit Apple getroffen haben sollen, auf Vergleiche eingegangen, die sie insgesamt 166 Millionen US-Dollar gekostet haben. Auch dabei war das DoJ diensteifrigster Interessenswalter von Amazon: Die Verlage hatten mit Apple feste Preise verabredet, um sich dem Dumpingdruck von Amazon zu widersetzen. Erst dadurch war so etwas Ähnliches wie ein offener E-Book-Markt in den USA entstanden. Das interessierte die Kartellwächter allerdings wenig. Sollten die Verlagsmanager sich tatsächlich gegenseitig über Amazons Konditionenforderungen ausgeweint haben, dürfte ein ebenso heftiges Nachtreten des DoJ folgen.
Ach ja: Auch die neoliberalen Staubgnome in Brüssel sind auf die Spur gegangen: Man bemühe sich um ein Verständnis der Hintergründe im Streit zwischen Amazon und Hachette, berichtet der Bookseller. Aus solchen Ankündigungen ist bisher noch selten etwas Brauchbares entstanden.
Interessant an dieser Stelle ist die Rolle, die der ubiquitäre Hugh Howey spielt: Er verteidigt in seinem Blog vehement den David Amazon gegen die bösen Goliaths aus den Verlagen. Die seien die eigentlichen Monopolisten, meint er zu wissen. Und: wenn die großen fünf US-Publikumsverlage  nicht mehr über Amazon verkaufen, dann füllen die Selfpublisher die Lücke. Ah ja.
Der Mann verdient viel Geld durch seine Geschäfte mit Amazon. Ein Schelm, wer Böses denkt.

Weiter in den USA: Dass ich früher mal ein großer Anhänger des Nook von Barnes & Noble war, wissen Sie als treue Leser ja schon. Deshalb schimpfe ich in den vergangenen Jahren auch umso heftiger über die vielen vergeigten Chancen dieser einstmals echten Alternative zu Amazon. Immerhin: Nach vielen Slapstick-Einlagen in der Unternehmensentwicklung scheint man endlich einmal einen richtigen und vernünftigen Weg einzuschlagen: Künftig gibt es eine Hardware-Partnerschaft mit Samsung, und Nook konzentriert sich darauf, attraktive Inhalte zu besorgen. Geht doch…
Wie wenig von einstigen Nook-Enthusiasmus bei Barnes & Noble übrig geblieben ist, habe ich vergangene Woche beim Besuch im Superstore am New Yorker Union Square gesehen: Früher kam man in den Laden hinein und wurde sofort von der rechten Seite angesprungen mit einem funkelnden Display mit Geräten und Accessoires, dazu kam ein ganzer Schwung von freundlichen und gut ausgebildeten Mitarbeitern, die wirklich kompetent beraten konnten. Die Botschaft war deutlich: Hier ist die Zukunft.
Jetzt ist die Nook-Abteilung an die hinterste Wand im Erdgeschoss verbannt, wer nicht gezielt Ausschau danach hält, wird sie nicht finden. Vier Geräte habe ich gezählt, dazu zwei gelangweilte Mitarbeiter, die sich durch meine Fragen sichtlich im Gespräch gestört fühlten. Auch diese Botschaft ist deutlich: Hier ist Heute schon Gestern.

Für den deutschen Buchmarkt hat der Börsenverein unlängst Entwarnung gegeben in Sachen digitaler Revolution: Bei knapp 4 Prozent Marktanteil flacht sich das E-Book-Wachstum bereits ab und auch der Online-Buchhandel sei geschrumpft, hieß es. Abgesehen davon, dass ich meine Skepsis bezüglich der Brauchbarkeit der Erhebung anmelden möchte (aus einschlägig aktiven Verlagen werden eher E-Book-Anteile von 20 bis 30 Prozent gemeldet; zwischen den Online-Handelszahlen von Börsenverein und Online-Handelsverband klaffen satte 50 Prozent Differenz), hat mich die branchenübergreifende Gückseligkeit darüber, dass der Elektrospuk wohl vorbei sei, nicht in ebensolche Glückseligkeit versetzt: Es wird nun noch schwerer sein, einen vernünftigen Umgang zu erreichen, ohne diese ewigen Rufe nach Hosianna oder Kreuzigung der E-Books.
Für die E-Book-Freunde im Königreich Ihrer Majestät sieht es dagegen ganz anders aus: Bis 2018 werden in Großbritannien mehr Umsätze mit elektronischen als mit gedruckten Büchern gemacht werden. In den nächsten vier Jahren soll sich im Publikumsmarkt der E-Book-Umsatz von 380 Millionen Pfund auf eine Milliarde Pfund fast verdreifachen; gleichzeitig werde der Umsatz mit gedruckten Büchern um ein Drittel auf dann 912 Millionen Pfund fallen. Auslöser ist der angeblich weiterhin anhaltende Boom bei Tablets – bis 2018 soll jeder zweite Brite ein solches Ding besitzen.
Sie werden verstehen, dass ich auch bei solchen Prognosen recht zögerlich bin, zumal die Studie von PwC stammt – das ist eine der Erbsenzählerfirmen, die ihre Kompetenz in Wirtschaftsdingen dadurch nachgewiesen haben, dass sie marode Banken solange prima gefunden haben, bis die Pleite da war. Trotzdem: Bloomsbury-Chef Nigel Newton findet die Sache grundsätzlich ganz prima und wird im Guardian wie folgt zitiert:

Ebooks have been a force for good for authors and publishers … We can now reach a worldwide market 24 hours a day, seven days a week – everywhere there is mobile telephony and credit card usage. It has hugely opened up the market for us beyond that which could be reached only by bookshops. We live in a golden age of reading, where more recent works are consumed than at any time in history through digital delivery.

 

Das sind kräftige Worte, die allerdings den Sinn und die Chancen von E-Books sehr präzise beschreiben. Ich wünschte mir ähnlich klare Worte auch von deutschen Verlags und Verbandsleuten.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein kurzer Rückblick war für Sie interessant. Natürlich weise ich wieder gerne auf Peter Hetzels Buchtipp hin und natürlich auf das Gedicht zum Wochenende, das Sie wie gewohnt hier am Sonnabend finden.

 

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling