Liebe Gemeinde,

heute geht’s um die BookExpo, eine Giga-Agentur, englischen Schulnationalismus und andere Dinge.

Andrand der Massen und Andrang in Maßen - Rechtschreibung ist wichtig. BEA 2014 (c) ehlingmedia 2014

Andrand der Massen und Andrang in Maßen – Rechtschreibung ist wichtig. BEA 2014 (c) ehlingmedia 2014

Der Blick zurück fällt diesmal etwas kürzer aus – die BookExpo America fordert ihren Tribut; wenn ich nach einigen Jahren Pause schon einmal hier bin, will ich auch sehen, was los ist. Früher war die BookExpo ein ernsthafter Konkurrent der Frankfurter Buchmesse. Das ist aber wirklich schon sehr lange her – seit die ehemalige „American Booksellers Association Convention and Trade Exhibition“ 1994 an ReedExpo, den größten Messeveranstalter der Welt verkauft wurde, geht’s bergab. Und das aus gutem Grund: Früher war die Messe eine reine Veranstaltung für Buchhändler, die von den Verlagen prima betütelt wurden. Das ist vorbei, und die Verlage suchen, ebenso wie die Messeleitung, nach einem Sinn für das Ganze. Wobei sich die Verlage durchaus Mühe geben: Seitenweise listet das Messeheft von Publishers Weekly die Rabatte und sonstigen Attraktionen auf, die für Bestellung während der Messe winken: 50 Prozent Mindestrabatt sind Standard, Zahlungsziel von 90 Tagen gibt es schon ab Bestellungen im Wert von 100 Dollar. Was auch noch nicht zum großen Run auf die Stände geführt hat.

Trotzdem macht es Spaß, hier zu sein, allein schon um zu erleben, dass die perfektionistischen Amerikaner ein ordentliches Gewusel zwar gerne veranstalten würden, es damit aber mangels Masse nix wird. Immerhin zeigt sich im Autogrammbereich der Messe, dass unsere Freunde auf dieser Seite des Atlantiks bei aller Begeisterung für christliche Erweckungsbotschaften doch eigentlich ganz und gar den Prinzipien des Darwinismus ergeben sind: Wer als unbekannter Autor in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Blockbuster-Schreiber signieren muss, braucht ein starkes Nervenkostüm. Ansonsten wäre es schwer, zu verarbeiten, dass bei einem selbst vielleicht nur ein verlorener Mensch mit dringender Frage nach der nächsten Toilette aufkreuzt, während nebenan sich die Kette der Autogrammhungrigen bis ins Foyer erstreckt.

 

Books à Gogo bei der BEA (c) ehlingmedia 2014

Books à Gogo bei der BEA (c) ehlingmedia 2014

Allüberall wird natürlich die Causa Hachette debattiert. Seit Amazon am Dienstag die Daumenschrauben noch einmal deutlich angezogen und vielen Hachette-Büchern die Bestell-Buttons entzogen hat, ist der Konflikt kurz vor der Stufe zur Eskalation in den Bereich der Bewaffnung. Ähnlich wie in Deutschland, wo die Bonnier-Verlage ja mit den Freunden aus Seattle über Kreuz geraten sind, geht es auch in den USA ausschließlich um das liebe Geld, das der eine (Amazon) haben will und der andere (der Verlag) rausrücken soll. Gewinner wird es in dem Konflikt nicht geben, und schon jetzt beklagen die US-Autoren lautstark, dass der Streit ihre Ertragssituation massiv beeinträchtigen kann. Der US-Buchhändlerverband ABA, der am Mittwoch seine jährliche Versammlung im Rahmen der BookExpo durchführte, schrieb sich denn auch auf die Fahnen, dass bei den Indie-Buchhändlern alle Bücher aller Autoren stets geschwind besorgt werden. Und Kobo, der Elektronik-Partner der Indies, setzte noch eins drauf. Man selbst setze gezielt auf eine Sache, an der es Amazon ganz und gar mangelt: Freunde. Schön gebrüllt. Ob’s was bringt wird man sehen, bei weniger als 5 Prozent Marktanteil bei E-Books in den USA ist Kobo jetzt nicht wirklich in der Rolle des Heilsbringers.

Wir bleiben auf dem Kontinent, wagen aber den Spagat zwischen New York und Barcelona: In beiden Orten ist demnächst die größte Literaturagentur der Welt zuhause, wenn denn das Vorhaben gelingt, die Agenturen von Carmen Balcells und Andrew Wiley zu verschmelzen. Allein Wiley hat fast 1000 Schreiber unter Vertrag, darunter viele Hochkaräter und Super-Bestseller. Carmen Balcells ist ähnlich aufgestellt, allerdings mit deutlichem Schwerpunkt in Europa und Lateinamerika. Die Kombination der beiden Agenturen ist deshalb auch sinnvoll, weil der spanischsprachige Markt in den USA seit einigen Jahren kräftig wächst – wirtschaftlich ist er hinter Spanien, aber vor Mexiko und Argentinien der zweitgrößte. Außerdem, und da ist der Amazon-Hachette-Konflikt ein warnendes Beispiel, können wohl in Zukunft nur noch solche Super-Imteressenvertreter dafür sorgen, dass Autoren nicht zum Spielball von Handel und Verlagen werden.

Der Penguin Book Truck für Indie-Buchhändler im ganzen Land (c) ehlingmedia 2014

Der Penguin Book Truck für Indie-Buchhändler im ganzen Land (c) ehlingmedia 2014

Wie bedeutend die neue Agentur Balcells & Wiley sein wird, zeigt ein rascher Blick auf den Autorenkatalog: Vladimir Nabokov, Yasunari Kawabata, Jorge Luis Borges, Italo Calvino, Gabriel García Márquez, Orhan Pamuk, Kenzaburo Oé, Czeslaw Milosz, Mario Vargas Llosa, Mo Yan, Philip Roth, Milan Kundera, Antonio Muñoz Molina, Javier Cercas, Juan Marsé, Salman Rushdie, Roberto Bolaño, Isabel Allende, Amos Oz, Claudio Magris, Colum McCann, Chimamanda Ngozi Adichie und, und, und… Das nenne ich beeindruckend.

Die britische Regierung ist spätestens seit den Europawahlen in Nöten, und dem will Erziehungsminister Michael Gove mit der Renationalisierung des englischen Schul-Literaturkanons begegnen: Künftig sollen nicht solche merkwürdigen Texte aus den USA gelesen werden wie Of Mice and Men oder To Kill a Mockingbird, sondern gute britische Wortware.
Jawollja. Ich begrüße das als ehemaliger Bürger des Königreichs mit einem dreifachen „God Save the Queen“. Wäre ja noch schöner, wenn die Kinderseelen mit fehlenden „U“s in „color“ und so etwas verschattet würden. Bücher von Schriftstellern aus Nigeria, Australien und Neuseeland gibt es künftig auch nicht mehr in der Schule. Wäre doch gelacht, wenn in ein paar Jahren die britische Seele damit nicht gerettet wäre.

Richtig. Ehling was here...

Richtig. Ehling was here…

Ein paar Eindrücke von der BookExpo habe ich Ihnen per Foto in den Blog geklebt – bleibt mir, mich bei Ihnen für die Lektüre zu bedanken, Ihnen Peter Hetzels Buchtipp der Woche ans Herz zu legen und Ihnen ein schönes Wochenende zu wünschen – natürlich mit dem passenden Gedicht, das Sie morgen hier finden.

 

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling