Liebe Gemeinde,
heute geht’s um Steuern, Ozon in Russland, elektrisiertes Arabien, Dinos in der Endzeit und mehr.

Orussay Market, Phnom Penh (c) Anne Taupitz Aus: "Der kambodschanische Buchmarkt"

Orussay Market, Phnom Penh (c) Anne Taupitz
Aus: “Der kambodschanische Buchmarkt”

Unsere verehrte Bundesregierung hat ja vor ein paar Wochen beschlossen, die Mehrwertsteuer auf E-Books und Hörbücher von 19 Prozent auf 7 Prozent absenken und damit an den verminderten Steuersatz angleichen zu wollen, der für gedruckte Bücher gilt. Bis es soweit ist, wird es noch lange dauern: Die EU-Kommission ist bislang eisenhart in ihrem Beharren darauf, dass E-Books grundsätzlich eine Software-Dienstleistung sind und deshalb dem in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten gültigen normalen Mehrwertsteuersatz unterliegen. Frankreich und Luxemburg sind auf eigene Faust vorgeprescht und haben elektronische und gedruckte Bücher gleichgestellt – dafür haben sie sich eine Klage der Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof eingehandelt. Die Bundesregierung hat schon durchblicken lassen, dass sie diesen Mut vor Kommissarenthronen nicht aufbringen wird. Naja, wer’s anders erwartet hatte, dem ist wohl nicht zu helfen.

In Großbritannien ist das Thema ebenfalls auf die Agenda geraten, die Tory-LibDem-Koalition hat den Aufschlag der Interessenvertreter von Bildung und Büchern aber bereits mit einem Long-Line-Smash beantwortet: Man sehe weder Gründe noch Möglichkeiten, in der Sache etwas zu tun. Das ist durchaus erstaunlich – normalerweise reagieren die Tories auf EU-Vorschriften wie ein Rudel Pawlow’scher Hunde und werden nicht müde zu betonen, dass man es den bösen Bürokraten in Brüssel schon zeigen werde. Großbritannien hat übrigens den größten Abstand bei der Steuer auf Bücher: gedruckte Bücher werden mit null Prozent besteuert, auf E-Books werden 20 Prozent fällig.

Russland ist dieser Tage selten aus den Nachrichten, wenn es auch wegen bedauerlicher Dinge ist. Eine interessante Meldung gab es allerdings dieser Tage, als bekannt wurde, dass der E-Commerce-Riese Ozon Holdings den größten E-Book-Anbieter des Landes, LitRes, übernehmen wird. Allzu viel dürfte die Übernahme nicht gekostet haben – E-Books machen mit Verkäufen von ca. 15 Millionen US-Dollar derzeit etwa ein Prozent des Marktvolumens in Russlands Büchermarkt aus. Das liegt nicht unbedingt daran, dass es kein Interesse gibt, oder keine Angebot – LitRes hat rund 400.000 Titel in seiner Liste. Hauptproblem für die Elektroverleger in Russland ist die Piraterie, die sogar die Regierung auf den Plan gerufen hat. Die drastischen Maßnahmen, die verkündet wurden, richten sich vor allem gegen illegale Video-Downloads, das Gesetz gilt aber grundsätzlich für alle urheberrechtlich geschützten Werke. Ob das wirklich greifen wird, ist derzeit nicht absehbar. Allerdings sieht die russische Investmentagentur für IT-Projekte ein ordentliches Potential von 100 Millionen US-Dollar E-Book-Umsatz innerhalb der nächsten drei Jahre durchaus als erreichbar an.

Wir ziehen weiter und schauen nach Kairo, wo ja im Januar mit kotobi.com ein neuer E-Book-Anbieter gestartet ist, hinter dem kein Geringerer als Vodafone steht. Ein gutes Vierteljahr später hat sich ein veritabler E-Book-Boom entwickelt: Alle Verlage, die ihren Job ernst nehmen, haben mit der massenhaften Produktion von E-Books begonnen.
Was in Europa vielleicht zu Zähneknirschen führt, ist in der Arabischen Welt eine sehr gute Nachricht: Der Markt ist mit seinen 300 Millionen Einwohnern riesig, allerdings haben die 22 arabischen Staaten in der Vergangenheit alles daran gesetzt, den Handel untereinander so schwierig wie möglich zu machen. Der Vertrieb von gedruckten Büchern in der Arabischen Welt ist ein notorisches Trauerspiel; E-Books, die eben nicht angewiesen sind auf die Gunst von irgendwelchen Einfuhrbürokraten, bieten einen Ausweg aus der Misere. Von allergrößter Bedeutung für dieser Entwicklung ist auch die Adaption von EPUB3, das arabische Schriftzeichen und den Zeilenverlauf von rechts nach links korrekt darstellen kann.
Der Erfolg von kotobi hängt eng mit seiner Konzernmutter zusammen: Anders als in Europa sind in der Arabischen Welt Kreditkarten nicht allzu weit verbreitet. Vodafone bietet eine einfache Lösung: Alle Gebühren können über die Telefonrechnung bezahlt werden – was wiederum zeigt, dass der Lesegerätetrend, auf den ich immer wieder hinweise, hier sogar zum Geschäftsmodell wird: E-Books werden bereits jetzt weltweit vor allem auf Smartphones gelesen; auch bei uns wird das in Zukunft nicht anders sein.

Die Gänseblümchen von unten... Borders Manhattan (c) ehlingmedia 2009

Die Gänseblümchen von unten…
Borders Manhattan (c) ehlingmedia 2009

Die Bücherwelt ist aber nicht nur elektrisch – betrachtet man die Welt, dann sieht man, dass E-Books außerhalb der englischsprachigen Märkte derzeit noch ein wirtschaftlich völlig unbedeutendes Phänomen sind. Gar nicht unbedeutend ist aber der stationäre Buchhandel – dass dort vor allem die Riesensaurier derzeit heftig röcheln, ist ja kein Geheimnis. Tatsächlich scheinen die Geschäftsmodelle der 1980er Jahre mit den Riesenflächen und dem Wachstum auf Teufel-komm-raus ihre Halbwertszeit deutlich überschritten zu haben: Borders in den USA, Virgin und Chapitre in Frankreich, Polare in Belgien und den Niederlanden schauen die Gänseblümchen von unten an; bei uns hängen Hugendubel und Thalia am Tropf, Empik in Polen guckt unerfreut aus der Wäsche, Ast und Eksmo in Russland haben die Plünnen zusammen geworfen. Von den Leiden bei Barnes & Noble will ich gar nicht erst anfangen – ich bin allerdings in den nächsten Wochen in den USA unterwegs, dann werde ich bestimmt ein paar Wörtchen dazu sagen.
Mich interessieren sowieso die unabhängigen Buchhändler mehr. In den USA hat der Buchhandelsverband ABA für die vergangenen beiden Jahre ein deutliches Umsatzplus bei den Indies festgestellt; das ist schön. Dort haben Initiativen wie „Indiebound“ und „Buy Local“ die Wahrnehmung der Kunden für die Wichtigkeit eines unabhängigen lokalen Einzelhandels geschärft, außerdem gibt es im E-Book-Geschäft eine sehr vernünftige Kooperation der Indies mit Kobo.

Zum Abschluss noch eine sehr britische Geschichte: Edward St. Aubyn hat in seinem Roman Lost for Words die Welt der Literaturpreise sehr köstlich aufs Korn genommen. Und bekam jetzt dafür den Wodehouse-Preis für komische Literatur. Glückwunsch! Man wünschte, auch hiesige Literaturjuries würden einen solchen Mut zur Selbstironie aufbringen.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Peter Hetzel macht bei seinem Buchtipp in Holz – viel Spaß beim Video.
Falls Sie sich darüber gewundert haben, dass ich so gar nichts zum Thema „Amazon als Erpresser“ habe verlauten lassen, so hat das seinen Grund in einer gewissen Ermüdung. Was ich dazu zu sagen habe und hatte, erfahren Sie in den aktuellen Beiträgen aus meiner Werkstatt – hier geht’s zum Audio beim Deutschlandfunk, hier ist das Audio im Bayerischen Rundfunk und hier der Beitrag für etailment.de.

Und morgen gibt’s natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende – wir nehmen die Vorhersage von Regen und Gewittern zum Anlass, Sie nach Portugal mitzunehmen.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling