Liebe Gemeinde,

heute geht es um die lieben Selbstverleger und Bücherpreise, Verlegen in Kenia, Zwillings-Epidemien bei Umschlägen, Lesestoff für Panzerknacker und mehr.

Waterstones Bradford (c) ehlingmedia 2009

Waterstones Bradford (c) ehlingmedia 2009

Dass die Selfpublisher auch in Deutschland inzwischen eine echte Marktgröße geworden sind, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Der wackere Matthias Matting, dessen Blog Die Self-Publisher-Bibel an dieser Stelle ausdrücklich zur Lektüre empfohlen sein soll, erhebt wöchentlich die Anteile der Selfpublisher an den Top-100 bei Kindle – zuletzt waren das 56 von 100 Titeln. Das ist mehr als ordentlich. Auffällig dabei ist die Tatsache, dass keiner der SP-Titel mehr kostet als 3,99 Euro, Matting ermittelt einen Durchschnitt von 2,62 Euro. Das ist insofern bedenklich, als hier eine Tendenz unter den Selbermachern zum Ausdruck kommt, sich vor allem über niedrige Preise die Aufmerksamkeit des geneigten Publikums zu erwerben. Ist das sinnvoll?
Der US-Autor Dean Wesley Smith hält das jedenfalls für Unsinn: seiner Meinung nach gibt es keinen Grund dafür, dass Indie-Autoren ihre Erzeugnisse billiger anbieten sollen als Verlage, die im Massenmarkt der Genre-Fiction unterwegs sind – der Bereich also, in dem sich auch die meisten der erfolgreichen Selfpublisher tummeln. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass in den USA in diesem Segment die Selfpublisher die großen fünf Verlagskonzerne in den meisten Kategorien sogar überflügeln. Qualitätsunterschiede zwischen den Texten professioneller Selfpublisher und bei Verlagen veröffentlichter Genre-Schreibern gibt es sowieso nicht zu erkennen. Bleibt die Frage, ob das etwas mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun hat. Smiths Hinweis, dass ein Autor, der sein Buch mit 0,99 US-Dollar oder Euro anbietet wohl selbst der Meinung sei, die Sache sei von zweifelhafter Qualität, sollte man nicht gleich wegwischen.
Die niedrigen Preissetzungen der Selfpublisher zeigen aber inzwischen Wirkung: Auch Verlage bepreisen ihre Massenmarkt-E-Books inzwischen deutlich niedriger als noch vor einem Jahr; eine abwärts drehende Preisspirale scheint in Bewegung gesetzt zu sein. Was die Käufer durchaus erfreut, ist weniger lustig für die Verlage und erst recht nicht amüsant für die Autoren. Außerhalb des Massenmarkts ist diese Spirale noch nicht zu beobachten, dort gibt es in den deutschsprachigen Märkten in der Regel nur geringe Abschläge für E-Books– wobei zu fragen ist, ob angesichts des Mehrwerts, den E-Books liefern (können), Preisabschläge überhaupt nötig sind. Aber das ist eine andere Geschichte.
Tatsächlich haben ja die großen US-Verlagskonzerne gemeinsam mit Apple ab 2009 versucht, bei E-Books ein vernünftiges Preismodell zu etablieren, das eben nicht den Dumpingstrategien von Amazon ausgesetzt ist. Durch dieses Agency-Modell, bei dem die Verlage die Preise festlegen konnten, war es überhaupt möglich, dass Amazon-Konkurrenten in den E-Book-Markt einsteigen konnten, der Marktanteil von Amazon ging jedenfalls deutlich zurück. Die Quittung dafür haben die Verlage und Apple erhalten: Die meisten US-Bundesstaaten und das US-Justizministerium zettelten einen Prozess an wegen illegaler Preisabsprachen. Rund 166 Millionen US-Dollar Strafzahlungen für die Verlage wurden in einem Vergleich vereinbart, Apple könnte die Sache sogar eine satte Milliarde US-Dollar kosten. Amazon reibt sich derweil die Hände und setzt sein Preisdumping fort. Und der E-Book-Marktanteil des Riesen aus Seattle steigt wieder.
Bei den Selbstverlegern hat Amazon mit KDP inzwischen sowohl in den USA wie auch bei uns eine beherrschende Marktstellung – weshalb Matthias Mattings Auswertung der Kindle-Charts dort ansetzt, wo wirklich die Musik spielt. Wie gefährlich diese Marktstellung ist, hat Amazon kürzlich bei Hörbüchern gezeigt: Ich hatte ja vor ein paar Wochen darüber berichtet, dass die Provisionen der Hörbuch-Selbstverleger kräftig zusammengestrichen wurden. Bis zum März gab es bei der Audible-Plattform ACX, die 2011 gestartet wurde, satte 50 bis 90 Prozent für die Selbstmacher, abhängig vom Verkaufserfolg. Das lockte vor allem diejenigen Autoren und ihre Agenten an, deren Verlage sich bei der Vermarktung von Hörbuchrechten uninteressiert, unwillig oder unfähig gezeigt hatten. Ab 12. März werden nur noch 40 Prozent gezahlt. Das geht, weil ACX eine übermächtige Stellung erreicht hat. Ohne die Plattform können selbstverlegende Hörbuch-Autoren die Hoffnung auf ordentliche Verkaufszahlen in den Wind schreiben. Bei KDP ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Amazon auch dort seine dominierende Stellung dazu nutzt, ein klein wenig zu sparen – schließlich ist der Börsenkurs seit Anfang Januar um mehr als 20 Prozent abgestürzt, da ist alles hilfreich, was die Bilanz aufhübschen kann.

Damit soll es für heute genug sein zum Thema Amazon, Aufruhr um das Unternehmen gibt es auch noch andernorts…

Nun ja, nicht so ganz. Wir kommen ins schöne Italien, wo gerade der Filialist Giunti al Punto verkündet hat, dass in seinen 170 Läden zukünftig die Kindles angeboten werden sollen. Die Kunden bekommen für jede Bestellung sogar Treuepunkte, die sie beim Filialisten gegen Bücher einlösen können. Hintergrund der Sache: Wie die meisten italienischen Buchhändler hat auch Giunti al Punto die Sache mit den E-Books bisher grandios verpennt, jetzt soll ein eigener Webstore auf die italienische Amazon-Seite aufgepflanzt werden. Wie sinnvoll das ist, wird die Zukunft zeigen – derzeit gibt es nur rund 75.000 E-Books in italienischer Sprache. In Großbritannien kooperiert Amazon bereits mit dem Filialisten Waterstones, was Waterstones-Chef James Daunt allerdings nicht daran hindert, saftige Kommentare zur steuerlichen Ethik des Partners abzugeben. Dort war allerdings von Anfang an klar, dass die Sache beileibe keine Liebesheirat ist.

Wir bleiben im Land, wo die Zitronen blühen und erfreuen uns an einer schönen Idee aus Kalabrien: Knackis, die eifrig lesen, können damit ihre Strafe verkürzen. Pro Buch gibt es einen Rabatt von drei Tagen, bei 48 Tagen (oder 16 Büchern) im Jahr kommt allerdings ein Deckel drauf. Wie unsere klugen Kollegen bei Melville House wissen, lehnt sich das Programm an eine brasilianische Idee an, wo seit 2012 Gefängnisinsassen durch eifriges Lesen Strafrabatte bekommen können. Allerdings müssen sie dort pro Monat mindestens ein Buch lesen und einen Aufsatz darüber schreiben, der orthographisch halbwegs ordentlich daherkommen muss und auch solche Feinheiten wie Seitenränder, Absätze, Punkte und Kommas und solcherlei Dinge berücksichtigen muss.

Wenn es um Verlegen und Schreiben in Afrika geht, zucken die meisten von uns mit den Schultern. Ein paar Autoren haben es in die internationale Szene geschafft – allerdings leben die meisten in den USA, Großbritannien oder Frankreich. Wie es um Schreiben und Verlegen in Kenia bestellt ist, erzählt Billy Kahora, Chef der Literaturzeitschrift Kwani, in einem höchst interessanten Video-Interview.

Nochmal Afrika. „Exotik“ ist ja das Stichwort, unter dem der Kontinent bei den meisten Leuten abgespeichert ist. Weshalb wohl auch die Cover-Designer der Versuchung selten widerstehen können, so oft wie möglich Baobabs, Akazien und Sonnenuntergänge abzubilden, ganz gleich, ob das irgendwas mit dem Buch zu tun hat. Im Blog Africa is a Country wird das sehr schön zusammengefasst abgebildet. Ein Blick reicht, um die Absurdität der Veranstaltung zu erkennen.

 

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Was für Afrika gilt, gilt auch für Bücher aus der oder über die Arabische Welt, auch hier bedanke ich mich bei Africa is a Country.

 

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Zum Abschluss noch etwas zum Schmunzeln: Dass in der bunten Bücherwelt die Tinte nicht die einzige bedeutsame Flüssigkeit ist, wissen wohl nicht nur die Eingeweihten. Wie schön so manche literarische Getränkebereitstellungsinstitution sein kann, zeigen diese Bilder. Viel Spaß beim Durchstöbern!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein kleines Panorama hat Sie erfreut. Natürlich weise ich auch wieder angelegentlich auf Peter Hetzels Literaturtipp hin. Wenn Sie Spaß an Holz und Lust auf Hacken haben, ist das Buch genau richtig.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

Morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende – ein Klassiker der afro-amerikanischen Poesie erwartet Sie. Viel Spaß damit.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling