Liebe Gemeinde,

heute geht es um die Buchmesse in Teheran, Brasilien, Autoren als Marke, tschechische Steuern, mehr Haut als üblich und andere Dinge.

 

Lang ist's her: Tschechischer Stand auf der Zimbabwe International Book Fair 2003 (c) ehlingmedia 2003

Lang ist’s her: Tschechischer Stand auf der Zimbabwe International Book Fair 2003 (c) ehlingmedia 2003

Wir machen den Anfang in Teheran, wo in den vergangenen Tagen die Internationale Buchmesse stattfand. Nach Angaben der Veranstalter kamen jeden Tag etwa eine halbe Million Besucher auf das Messegelände, was für mich, gelinde gesagt, etwas optimistisch klingt. Angeblich waren auch 3000 Verlage vertreten, was die Buchmesse zur zweitgrößten in der Welt machen würde. Nun ja. Das Dauerproblem Zensur war natürlich wieder präsent, obwohl der amtierende Präsident Rohani zur Eröffnung der Messe noch verkündet hatte, dass Literatur und Kunst keiner Zensur bedürften. Seine härter aufgestellten Revolutionswächter präsentierten ihm auch prompt die Quittung: Die „Unrasierten“, wie meine iranischen Freunde hier diese Steinzeit-Fundis nennen, bezogen Posten vor dem Eingang und filzten die Besucher. Das ist natürlich ein deutlicher Hinweis auf die regierungsinternen Machtkämpfe, wo die Hardliner nach wie vor den Ton angeben. Vor nicht allzu langer Zeit war ja der Mordaufruf gegen Salman Rushdie noch einmal öffentlichkeitswirksam erneuert und das Kopfgeld für ihn erhöht worden (ich hatte hier darüber berichtet). Grundsätzlich ist der Iran weiterhin ein böses Pflaster für kritische Köpfe: Am 27. Januar wurde der Lyriker Hashem Shaabani vom Regime ermordet. Sein Verbrechen: Er hatte sich für die Rechte der arabischen Minderheit im Land eingesetzt.
Da passt es doch hervorragend ins Bild, dass die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt aus dem Programm „Städte der Zuflucht“ aussteigen wollen, mit dem weltweit verfolgten Schriftstellern wenigstens für eine begrenzte Zeit Ruhe verschafft wird. Solche Signale brauchen wir! Löcher im Kopf auch…

Wo wir bei den Freunden der Freiheit des Wortes sind: In China wurde der Verleger Yao Wentian zu zehn Jahre Haft verurteilt, weil er ein kritische Buch über Premier Xi Jinping veröffentlich hat. Der 73-jährige Yao, der in Hongkong lebt und arbeitet, war unter einem Vorwand nach Shenzhen gelockt und dort verhaftet worden.

Zensur ist in Brasilien kein besonderes Problem, allerdings galten dort bislang scharfe Beschränkungen, wenn es um Biographien ging: Die dargestellte Person oder ihre Erben mussten ihr Einverständnis zur Veröffentlichung geben, was kritischen Darstellungen von Menschen der Zeitgeschichte natürlich nicht förderlich war. Das brasilianische Parlament hat jetzt den Weg frei gemacht für kritische Biographien, was von den Verlagen und auch der brasilianischen Buchkammer mit Enthusiasmus aufgenommen wurde. Sergio Machado vom Branchenführer Record sprach sogar von einem „goldenen Gesetz“, das den Verlagen Rechtssicherheit gibt. In der Presse wird die Sache ebenfalls positiv dargestellt, man erwartet, dass die neue Regelung zu einem deutlichen Aufschwung für die Büchermacher führen könnte.

Wozu gibt es eigentlich Google+? Nicht einmal Google hat darauf bislang eine vernünftige Antwort gefunden; die erhoffte Konkurrenz zu Facebook ist es jedenfalls nicht. Deshalb wird es jetzt auch mit den erfolgreicheren Diensten von Google verzahnt und soll wohl zuküftig vor allem als SEO-Instrument eine Rolle spielen. Immerhin hat man sich etwas einfallen lassen, was Google+ zumindest für Schreiber interessant machen könnte: Google Authorship. Damit werden Autoren bei den Suchergebnissen ihrer Inhalte mit angezeigt, die Sache linkt dann zum Google+-Profil, jedenfalls wenn mann den HTML-Link (rel=”author”) bei jedem Post einfügt. Ob das jetzt besonders hilfreich ist, um eine Art Branding für Autoren zu betreiben, vermag ich nicht zu sagen – allerdings: „Every little helps“, wie man in England so schön sagt. Probieren kann man es jedenfalls einmal.
Dass Autoren Marken bilden können, wissen wir eigentlich. Trotzdem stellen sich gerade im deutschsprachigen Raum Verlage und Schreiber nicht immer besonders geschickt dabei an. Das ganz kleine Einmaleins des Author Branding erklärt Writer’s Relief. Da fehlt auch nicht der Hinweis darauf, dass man zunächst einmal sein Genre finden sollte und dann konstant bleiben muss bei Stil und Präsentation. Für Ausflüge in andere Genres gibt es Pseudonyme – auch die können natürlich zur Marke werden.

Wer spät dran ist im E-Book-Markt, der muss sich etwas einfallen lassen. Das zeigt der britische Supermarktkonzern Tesco, der seine Plattform blinkbox jetzt attraktiver gemacht hat: Für jeden E-Book-Kauf gibt es 100 Punkte auf der Club-Karte, mit der man bisher auch schon beim Kauf von Zahnpasta und Toilettenpapier hat punkten können. Tatsächlich haben die britischen Supermarktkonzerne wie Tesco und Sainsbury das Thema Medien für sich entdeckt und bieten seit einiger Zeit Musik, Filme und eben E-Books an. Die Sache funktioniert einigermaßen, obwohl Amazon den Markt auch auf der Insel dominiert – in den Supermärkten wird massiv Werbung gemacht für die Plattformen und dank der auch dort schlechten Presse für Amazon steigen die Kunden gerne einmal um. Dass der britische Buchhandel, ebenso wie der in Frankreich oder Deutschland, kein brauchbar kommuniziertes eigenes Angebot hat, hilft natürlich auch.

Leser vom Lesen abzuhalten, ist eigentlich nirgendwo in der Welt ein erklärtes Staatsziel. Die tschechische Regierung hat allerdings in der Vergangenheit ihr Möglichstes getan, um Bücher zu Luxusgütern zu machen. Ihr Instrument der Wahl: die Mehrwertsteuer auf Bücher. Die wurde seit 2008 von 8 Prozent auf 15 Prozent angehoben, der Durchschnittspreis für Bücher beträgt heute knapp 10 Euro – bei deutlich geringerer Kaufkraft als hierzulande. Entsprechend miserabel sieht die Lage aus für die Verlage und Buchhändler im Land; die Titelproduktion ist in den vergangenen Jahren kräftig gesunken, die Umsätze auch. Jetzt wollen Verlage und Buchhändler die Regierung zum Umdenken bringen und lassen sich dabei so Einiges einfallen: So gab es einen Aktionstag, an dem Bücher um 15 Prozent billiger – de facto als mehrwertsteuerfrei – abgeben wurden. E-Books spielen bei unseren Nachbarn übrigens überhaupt keine Rolle, ihr Marktanteil wird für 2013 mit 0,35 Prozent beziffert. Für sie gilt übrigens der volle Mehrwertsteuersatz von 21 Prozent. Was nicht wirklich hilfreich ist.

Auch die Abteilung zum Gruseln wollen wir heute bedienen: Unsere Freunde von Melville House erinnern daran, dass bis ins 19. Jahrhundert Bücher gerne auch einmal einen Einband aus Menschenhaut verpasst bekamen – manchmal als Erinnerung an einen Verblichenen, öfters aber auch, bei medizinischen Handbüchern, mit der Haut von Toten, die vorher auf dem Seziertisch gelandet waren. Menschenhaut sei übrigens großporiger und wächsernen als die von Schweinen oder Kälbern, erfahren wir. Und damit soll es auch genug sein davon.
Allerdings noch nicht ganz: Auch um Haut geht es bei einer Geschichte über die Outdoor Co-ed Topless Pulp Fiction Appreciation Society in New York, die sich regelmäßig zum hüllenlosen Genuss ihrer Lieblingslektüre trifft. Der Club will damit Lesen „more sexy“ machen. Das dürfte funktionieren.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Streifzug hat Ihnen gefallen. Peter Hetzels Buchtipp sei Ihnen natürlich ans Herz gelegt, und außerdem, das wissen Sie ja, gibt es morgen wieder das Gedicht zum Wochenende. Es kommt aus Lateinamerika.

Bis demnächst,

herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling