Liebe Gemeinde,

heute geht’s um einen Drachentöter und die Bücher, arme Dichter, eine Lesereise nach Osten, fixe Deutsche, eine Bibliothek mit Sauna, Literatur-TV in Afghanistan, eine afrikanische Welthauptstadt, einen Schriftsteller in Freiheit und mehr.

cov01Der Welttag des Buches am 23. April hat in Deutschland, trotz eifriger Bemühungen des Börsenvereins und anderer, noch nicht so richtig Fuß gefasst. Ganz anders ist das in Katalonien, wo der Día de Sant Jordi seit 1926 als Bücherfest begangen wird. Dort kommt zu Hilfe, dass seit dem 15. Jahrhundert die Katalanen den Ehrentag ihres Schutzparons am 23. April damit feiern, dass sie einander Rosen schenken – und seit knapp 90 Jahren eben auch Bücher. Der wackere Günni Rodewald berichtet darüber; insgesamt zeigten sich die Buchhändler wohl zufrieden mit ihren Kunden, die eifrig kauften. Neben Herrn Jonasson waren vor allem die Werke von Gabriel García Marquez gefragt, wohl als Hommage an den kürzlich verstorbenen Meister. Trotzdem sieht in Spanien die Lage düster aus: im ersten Quartal lag der Buchumsatz um 35 Prozent (!) unter den Zahlen von 2012.
Zur Erinnerung: Sant Jordi kennen wir als den Heiligen Georg, der dereinst eine Jungfrau vor einem schröcklichen Drachen rettete. Georg ist unter anderem auch Schutzheiliger in, jawohl, Georgien und in England. Und: Er war Araber. Der Verweis darauf hat mir bei einigen Pub-Besuchen in meiner alten Heimat schon ziemlich ungläubige Blicke eingetragen (diesen Nachsatz dürfen Sie getrost als Werbeeinblendung für mein Buch England, glorious England auffassen – eine Leseprobe finden Sie in der rechten Spalte. Der Erwerb wäre für Sie und mich ein Gewinn. Ende der Werbung).

Der Hinweis auf mein Buch bringt mich zur nächsten Geschichte, die ich in dieser Woche hoch interessant fand: Der US-Autor Patrick Wensink berichtet in Salon von den finanziellen Segnungen, die ein Bestseller so mit sich bringen kann: Zeitweise war sein Roman Broken Piano for President eines der meistverkauften Bücher in den USA, gleich hinter den 50 Schattierungen von Frau James und diversen Vampirgeschichten, stand bei Amazon sogar eine Woche lang an Nummer eins (am gestrigen Donnerstag lag es auf Platz 328,852 bei Amazon). Was das heißt? 4000 verkaufte Exemplare und Tantiemen in Höhe von 12.000 US-Dollar. Es scheint also, dass der Begriff „Bestseller“ ein äußerst flexibles Wörtchen ist. Und: Reichtum stelle ich mir anders vor.

Vor knapp 30 Jahren schob ein gewisser Herr Gorbatschow mit „Glasnost“ und „Perestroijka“ einen politischen Prozess an, an dessen Ende der Zerfall der Sowjetunion und die Emanzipation der Satellitenstaaten in Mittel- und Osteuropa stand. Zwar macht Herr Putin treffliche Anstalten, die alte Herrlichkeit wieder herzustellen, das ändert aber nichts daran, dass in den meisten Ländern der Region der alten Zeit kaum Tränen nachgeweint werden.
Zum Verständnis dessen, was dort getan und gedacht wird, hilft natürlich die Literatur; und es ist schön, dass in Österreich jetzt die literarische Osterweiterung mit ordentlichem Kawumm in die Öffentlichkeit gebracht wird. Der großartige György Dalos hat dazu einen Grundsatzartikel im Standard verfasst, den ich freundlichst zur Lektüre anempfehle.

Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarische Ost- und Süderweiterung, erfordert auch weiterhin Anstrengungen (György Dalos)

Dalos gibt darin zu bedenken, dass der Sinn der historischen Veränderungen der späten 80er- und frühen 90er-Jahre darin bestand, die Diktaturen in den Ex-Ostblockstaaten durch funktionsfähige demokratische Systeme zu ersetzen, samt einer Öffnung nach außen. Tatsächlich befinden sich viele der betroffenen Regionen in Ost-, Mittel- und und Südosteuropa politisch, wirtschaftlich und institutionell in einem chronischen Rückstand gegenüber den westlichen Staaten. Für die Kultur und die Literatur trifft dies allerdings überhaupt nicht zu.  Die Nobelpreise für Imre Kertész und Herta Müller zeigen dies, Autoren wie Peter Nádas, Mircea Cartarescu, Olga Tokarczuk oder Juri Andruchowitsch sind längst auch bei uns selbstverständliche und hoch geachtete Teile des Kanons der Gegenwartsliteratur.
Von 2006 bis 2012 hat sich der Preis BANK AUSTRIA LITERARIS diesen Literaturen angenommen, die seither ausgezeichneten Bücher sind im Rahmen der Standard-Aktion unter dem Namen „Das europäische Karussel“ gesammelt beim Wieser Verlag erhältlich.

Bücher bringen Menschen und Kulturen näher zusammen, jedenfalls können sie das, wenn man ihnen die Chance gibt. Dass mit dem Aufstieg der E-Books (der in fast allen Ländern der Erde nicht feststellbar ist) auch die alte Buchkultur am Ende ist, scheint bei den Kassandras unserer Tage ausgemacht. Da kommt ein Artikel in der New York Times gerade recht, um Hoffnung zu machen. Naja, eine Sorte Hoffnung jedenfalls: Bücher erfreuen sich bei den ganz coolen Leuten höchster Beliebtheit. Jawohl! Niemand, der etwas auf sich hält, würde heute in sein Loft einladen, wenn dort nicht halbkilometerweise gedruckte Bücher die Wände dekorieren würden. Kein Hollywoodstar kann es sich leisten, eine Homestory ohne Bücherwand fotografieren zu lassen. Kein-Buch-haben ist out. Schön so.
Wenn man weiter liest, kratzt der Autor allerdings am schönen Lack. Gedruckte Bücher sind heutzutage weitgehend als Deko-Elemente populär und werden von Raumausstattern auch gleich in passender Farbstellung angeboten. Nach dem Motto: „Ich hätte gerne einen halben Meter in beige“. Oder: „Ach Schatz, was hältst Du von einem Regal mit lila?“ Immerhin: Vielleicht ist das ja ein lukratives Nebengeschäft für den Buchhandel, mit dem sich die Müffelecke mit dem Modernen Antiquariat zum Umsatzbringer verwandeln lässt?

Wer liest weltweit am meisten, wer am schnellsten? Antworten auf solche Fragen, die einem nicht unbedingt den Schlaf rauben, gibt jetzt Scribd mit einer Infografik. Und: Die Deutschen lesen am schnellsten. Ob das auch ein Ausweis unserer überragenden Auffassungsgabe ist, mag ich hier nicht erörtern. Nachstehend die Grafik. Ja, sie ist groß (sonst könnte man ja auch nix erkennen) – aber wenn Sie weiter nach unten scrollen, finden Sie den Rest des Beitrags.

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Der Scribd-Grafik können wir entnehmen, dass die nordischen Elchliebhaber am liebsten Science Fiction lesen und dass die Finnen besonders pflichtbewusst Bücher zu Ende lesen. Deutlich erhellender ist aber ein Artikel im Börsenblatt, der den finnischen Buchmarkt vorstellt: Bei 10.000 Neuerscheinungen im Jahr kam 2013 ein Umsatz von 253,6 Millionen Euro heraus, was einem Minus von 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auf die zehn größten Verlage entfallen 30 Prozent des Umsatzes, E-Books liegen mit 17,7 Millionen Euro Umsatz auf gutem Kurs. Unschön: Der stationäre Buchhandel verkauft weniger als ein Drittel der Bücher im Land, allerdings kommen Kioske und andere Verkaufsstellen noch einmal auf 20 Prozent. Dagegen erfreuen sich die Bibliotheken großen Zulaufs: mehr als 6,7 Millionen Bibliotheksbesuche gab es im vergangenen Jahr – bei knapp mehr als 5 Millionen Einwohnern eine stolze Zahl. Und dass die neue Nationalbibliothek in Helsinki sogar eine Sauna bekommt, erfahren wir auch.
Dass Finnland in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist, ist wohl inzwischen bekannt: Hier finden Sie aktuelle Informationen dazu.

Die Wissenschaftsverlage und die Akademiker pflegen seit Jahren eine unfreundliche Symbiose. Vor allem, weil die ganz großen Verlage immer wieder Mittel und Wege finden, die nicht eben üppig gefüllten öffentlichen Geldsäckel zu schröpfen. Jetzt hat der Vizekanzler der Universität Cambridge, Leszek Borysiewicz, seinem Unmut Luft gemacht; der Adressat, wie kann es anders sein, war wieder einmal Reed Elsevier, der Tyrannosaurus Rex unter den Wissenschaftsverlagen.

Do I regret spending money with Elsevier? By and large yes I do because I think they’re rich enough already. (Leszek Borysiewicz)

Borysiewicz, selbst Biologe, sieht aber auch die Wissenschaftler in der Pflicht: Es sei für ihn unverständlich, warum Naturwissenschaftler heute selbstverständlich auf Open Access setzen für ihre Publikationen, während Geisteswissenschaftler immer noch erpicht darauf sind, ihre Erkenntnisse in möglichst opulenten gedruckten Bücher in die Welt zu bringen.

Dass die Intervention westlicher Streitkräfte in Afghanistan nicht zu den größten Erfolgen der Menschheitsgeschichte zählt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Ob und wie lange es der gewählten Regierung gelingt, sich nach Abzug der ausländischen Soldaten die Taliban vom Hals zu halten, steht in den Sternen. Aber manches kleine Lichtlein strahlt, und dazu gehört auch Azghin (Offene Tür), eine Literatursendung im afghanischen Fernsehen, die der Internationale PEN mit angestoßen hat. Bisher wurden zwölf Folgen produziert, mit Videoclips von afghanischen Schriftstellern, Diskussionen über neue Bücher und politischer Satire. Ich würde mich freuen, wenn das weitergehen würde.

Gar nicht so weit weg von uns, aber im Geiste den meisten wohl Lichtjahre entfernt, ist Afrika. Und dort hat die nigerianische Ölmetropole Port Harcourt jetzt für ein Jahr den Staffelstab als „World Book Capital“ übernommen. Sie werden jetzt möglicherweise sagen, dass es in einem derart instabilen Land vielleicht andere Dinge zu tun gibt. Ja, möglicherweise. Aber: Ohne Bücher und Bildung gibt es nirgendwo eine Chance auf Entwicklung und Stabilität. Und deshalb drücke ich den Kollegen dort die Daumen. Ich erzähle Ihnen demnächst mehr über die Sache.

À propos Afrika: Am vergangenen Sonntag starb in Frankfurt die Schriftstellerin Stefanie Zweig, die mit ihrem Roman Nrgendwo in Afrika berühmt wurde. Sie war eine beeindruckende Person, eine hervorragende Journalistin und eine glänzende Erzählerin. Geärgert aber habe ich mich über die Überschrift in der FAZ, die sie als „Afrikas Stimme in der deutschen Literatur“ bezeichnet. Nein, das war sie nicht. Ihr Roman spielt in Kenia, sie hatte große Sympathie für Land und Leute – aber eine „Stimme Afrikas“ sollte ja wohl etwas beitragen zum Verständnis des Kontinents. Das war niemals ihr Anliegen, was auch nicht weiter schlimm ist. Wenn Sie etwas über Afrika wissen wollen, lesen Sie bitte afrikanische Autoren, angefangen bei Chinua Achebe und Wole Soyinka bis hin zu Buchi Emecheta, Mongo Beti, Helon Habila oder Chimamanda Ngozi Adichie. Der Quellenkatalog der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika hilft Ihnen bei der Büchersuche. Und wenn Sie etwas wissen wollen über das Büchermachen in Afrika, schauen Sie doch mal in meiner Facebook-Gruppe Publishing in Africa vorbei. Und nein, Frau Hofmann mit ihren erotischen Abenteuern im Lande der Massai ist keine Hilfe…

Vor einer Weile hatte ich auf das Schicksal des kurdischen Schriftstellers und Menschenrechtlers Muharrem Erbey aufmerksam gemacht, der von den türkischen Behörden seit 2009 in Untersuchungshaft gehalten wurde. Jetzt kam eine gute Nachricht: Erbey wurde freigelassen. Warum die Hintersassen von Premier Erdoğan das gemacht haben, kann sich Erbey, der selbst Rechtsanwalt ist, auch nicht erklären – er sagt, dass es juristisch weder Gründe für seine Inhaftierung noch für seine Entlassung gegeben habe. Mit der Entlassung wurden allerdings die Vorwürfe gegen Erbey nicht fallen gelassen: ihm wird unter anderem vorgeworfen, Mitglied einer „terroristischen Vereinigung“ zu sein und die türkische Regierung durch Auftritte vor den Parlamenten mehrerer EU-Mitgliedsländer „erniedrigt“ zu haben. Wir drücken ihm weiterhin die Daumen.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, meine Ein- und Aussichten haben Ihnen gefallen. Hinweise, Kritik und Kommentare sind ausdrücklich erwünscht. Natürlich verabschiede ich mich nicht von Ihnen ohne auf Peter Hetzels Buchtipp hingewiesen zu haben; diesmal geht es um einen eindrucksvollen Iren. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende – so viel sei verraten: Es wird seeehr romantisch…

 

Mit herzlichen Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling