Liebe Gemeinde, heute geht’s um zu viele Frauen, bestsellende Self Publisher, Amazon im Teetassensturm, Baja Libros, Leben in der Wüste und mehr. Und eine Buchempfehlung gibt’s auch.

 

Buch & Wein, Frankfurt (c) ehlingmedia 2014

Buch & Wein, Frankfurt (c) ehlingmedia 2014

Dass Mädchen viel mehr Bücher lesen als Jungs wissen wir seit längerem. Warum das so ist, wissen wir jetzt auch: die Frauen sind schuld. Es gibt nämlich zu viele von ihnen in der Buchbranche, vom Personal in den Verlagen bis hin zu den Rezensenten in den Zeitungen. Das sagt jedenfalls der schottische Kinderbuchautor Jonathan Emmett. Weil nach seinen Angaben 95 Prozent aller Bilderbücher von Frauen gekauft werden, würden deren Vorlieben besonders bedacht – Bilderbücher mit Astronauten und Piraten hätten da einen schweren Stand. Außerdem sei zwar das Verhältnis von weiblichen und männlichen Verfassern von Kinder- und Jugendbüchern in etwa ausgeglichen, aber die allermeisten Rezensionen dieser Bücher würden von Frauen geschrieben – und auch da komme der weibliche Geschmack besonders zum Tragen. Für Jungs bleibe dann mangels geeigneter Leseangebote vor allem der Weg zu Videospielen. Äh, ja…

Das E-Book-Fieber in den USA mag allmählich abflachen, verkauft werden die Dinger aber weiterhin sehr ordentlich. Die Kollegen bei Digital Book World haben jetzt eine Rangliste der erfolgreichsten E-Book-Verleger im ersten Quartal des Jahres veröffentlicht. Wenig überraschen lag Penguin Random House mit 122 Bestsellern vorne – mehr als 40 Prozent aller Besteller. Was für DBW einen Besteller ausmacht, wird nicht erläutert, wir nehmen das aber einfach einmal so hin.
Bemerkenswert an der Liste ist wieder einmal die Tatsache, dass Self Publisher mühelos in die Phalanx der großen Verlagskonzerne einbrechen konnten und einen geteilten fünften Platz belegen. Amazon rückt auf Platz vier vor – die Schwanengesänge auf die Nöte von Amazon Publishing scheinen etwas verfrüht gewesen zu sein. Die meisten Nummer-Eins-Platzierungen konnte HarperCollins für sich verbuchen: In zehn der zwölf Wochen des Quartals stand Veronica Roth mit Divergent auf dem ersten Platz.
Hier ist die Liste:

 

Platz Verlag Anzahl Platzierungen
 No. 1 
1 Penguin Random House 122  0
2 HarperCollins 67 10
3 Hachette 42 1
4 Amazon 30 1
5 Simon & Schuster 12  0
Self-published 12  0
7 Scholastic 7  0
8 Macmillan 4  0
9 Harlequin 2  0
10 Kensington Books 1  0
Houghton Mifflin Harcourt 1  0

 

Baja LibrosWas Amazon kann, das kann die lateinamerikanische Konkurrenz zuweilen auch. Jetzt will die argentinische E-Book-Plattform Baja Libros, die bisher in 13 lateinamerikanischen Ländern sowie Spanien und den USA vertreten war, auch in Brasilien an den Start gehen. Zielpublikum sind die drei Millionen in Brasilien lebenden Menschen, die Spanisch sprechen oder lernen. Damit unterscheidet sich Baja Libros deutlich vom Angebot der beiden brasilianischen E-Book-Platzhirsche, Amazon und Livraria Cultura. Für Firmenchef Ernesto Sidelsky besteht denn auch gar keine Konkurrenz – der spanischsprachige Nischenmarkt in Brasilien wird von den Kollegen bislang kaum beackert.
Interessant sind Sidelskys Ausführungen zum erwarteten Markteintritt Amazons in Argentinien und zum Thema E-Book-Ausleihe. Für Amazon wäre ein solcher Schritt äußerst sinnvoll, den die Gesetzgeber am Rio de la Plata haben ihren Bürgern ordentliche Hürden beim Online-Shopping im Ausland in den Weg gestellt: Satte 35 Prozent (!) Einfuhrsteuer müssen beim Bestellen von Büchern und anderen Dingen, die aus dem Ausland kommen, berappt werden. Das schützt einerseits die heimischen Produzenten und Händler, weil Billigimporte etwa von Möbeln oder Lebensmitteln verteuert werden. Es hat aber auch dazu geführt, dass ein Unternehmen wie Apple sich ganz zurückgezogen hat. Auch weil E-Book-Lesegeräte und Tablets in Argentinien sehr teuer sind, kommt der E-Book-Markt nur schleppend in Schwung: 1 Prozent Marktanteil macht Sidelsky aus. In anderen Ländern Lateinamerikas sieht das durchaus besser aus, weshalb Baja Libros demnächst auch seine Präsenz in Mexiko und Chile nach oben fahren will.
Das brisante Thema E-Book-Ausleihe geht Baja Libros ebenfalls mit einem interessanten Konzept an: Man schließt Verträge mit Universitäten und anderen Institutionen, die diesen für jeweils ein Jahr den Zugriff auf den gesamten Katalog erlauben. Allerdings wird technisch sichergestellt, dass immer nur eine Kopie eines Titels gleichzeitig von den Nutzern der jeweiligen Bibliothek abgerufen werden kann – damit wird die Nutzungssituation von gedruckten Büchern nachgebildet, die ja auch nur jeweils mit einem Exemplar gleichzeitig entliehen werden können.

Amazon ist Ärger durchaus gewohnt, jetzt braut sich wieder einmal ein Sturm zusammen, der wahrscheinlich nicht über die Teetasse hinaus kommen wird: Im US-Bundesstaat Washington ist eine Klage anhängig, bei der es um angeblich unfaire Berechnung von Versandkosten im Prime-Programm geht. Prime-Mitglieder in den USA zahlen derzeit 99 US-Dollar im Jahr für kostenlose Lieferung innerhalb von zwei Tagen. Die Kläger argumentieren, dass Amazon Händlern, die ihre Waren von dem Riesen versenden lassen, Preiserhöhungen nahelegt und durch die anfallenden Provisionen die Lieferkosten subventioniert. Das geschehe zum Nachteil der Prime-Mitglieder.
Es macht nicht den Eindruck, als würde Jeff Bezos schlaflose Nächte über diese Sache verlieren. Dass Versender, die kostenlose Lieferung versprechen, die Kosten dafür in ihre Preise hineinkalkulieren, dürfte ausnahmsweise mal keine weltbewegende Innovation aus Seattle sein.

Wo wir schon bei Amazon sind: Die BBC bietet ein interessantes Lesestück über den Geschäftsethos des Riesen aus Seattle, der aus eine Mischung aus hartleibiger Wall-Street-Denke und entspannter Techie-Kultur sei. Allerdings ist, außer im Vorspann des Texts, nicht viel Entspanntes zu entdecken. Immerhin erfahren wir, dass Jeff Bezos Power-Point-Präsentationen verabscheut. Doch nicht so unsympathisch, der Mann.

Der in der Schweiz lebende Libyer Ibrahim al-Koni gehört sicherlich zu den herausragenden Autoren der Arabischen Welt. Als Tuareg in der Sahara aufgewachsen, steht in seinen Büchern das Leben in der Wüste immer wieder im Mittelpunkt. Auf dem sehr empfehlenswerten Kulturportal Louisiana Channel habe ich ein Video-Interview mit ihm gefunden, das ich sehr anregend fand. Ich hoffe, es gefällt Ihnen.

vonLuciusIch gebe eigentlich keine Buchtipps, aber heute mache ich eine Ausnahme: In unserer Branche gibt’s zwar eine Menge Schlaumeier, wirklich herausragende Köpfe sind aber – wie schon der Begriff sagt – ziemlich selten. Einer von diesen Köpfen gehört Wulf D. von Lucius, Wissenschaftsverleger und einfach ein rundherum angenehmer und kluger Mensch. Jetzt hat er sein Standardwerk Verlagswirtschaft aktualisiert, und ich empfehle es jedem zur Lektüre, der mehr tun will als Papier zu bedrucken oder Epubs zu basteln. Nein, UTB bezahlt nix für diese Werbeeinblendung. Wenn ich etwas gut finde, dann trommele ich ganz von selbst. Ein Interview zum Buch gibt es bei BuchMarkt online.
Wo wir schon bei den bemerkenswerten Köpfen sind, darf ich auch gleich noch auf ein Interview mit Ulrich Hopp vom be.bra Verlag hinweisen, der über die wirklich interessanten Ideen der Regionalbuch AG erzählt. Lesenswert.

 

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich hoffe mein Rückblick hat Ihnen gefallen. Machen Sie sich selbst eine Freude und schauen Sie sich Peter Hetzels Tipp der Woche an – diesmal geht es um einen höchst interessanten italienischen Krimischreiber. Um morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende; wir schauen dabei nach Harlem.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

Mit besten Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling