Liebe Gemeinde,

diesmal geht’s um weise, geliebte und große Führer, kalte Schultern in Schweden, Zensur in den USA, ein Bücherparadies im Norden und mehr.

Der weise Führer Kim Renner erteilt spontane Weisung. Der geliebte Führer Kim Wowereit lächelt gütig.

Der weise Führer Kim Renner erteilt spontane Weisung. Der geliebte Führer Kim Wowereit lächelt gütig.

Reisen bildet, heisst es. Das stimmt manchmal sogar. Aber ich habe in der vergangenen Woche, als ich mich bei der Buchmesse in London rumgetrieben habe, völlig übersehen, dass die deutsche Buchbranche der Rettung ganz nahe gekommen ist. Danke deshalb an Kim Renner, der – ganz in der Tradition begnadeter Führungspersönlichkeiten – seinen Auftritt bei Readbox dazu genutzt hat, spontane Weisung zu erteilen.
Wir sind ihm dankbar dafür, denn bisher hat uns  noch niemand gesagt, dass Bücher jetzt auch elektrisch zu haben sind. Und wir haben uns auch sehr gefreut, dass die Weisung von jemand kommt, der sein segensreiches Wirken in der Musikbranche so überaus erfolgreich unter Beweis gestellt hat. Dort fließen dank der elektrischen Musikangebote ja jetzt sogar den kleinsten und ärmsten Gitarrenzupfern Millionenbeträge in die Tasche. Und dort gibt es ja auch außer den drei großen Anbietern noch tausende andere, die ganz erfolgreich Musik produzieren, vermarkten und ebenfalls Millionen scheffeln.
Schade nur, dass der weise Führer Kim Renner seinen Segen demnächst nur in Berlin erteilen wird. Immerhin trifft er dort auch auf den geliebten Führer Kim Wowereit und den großen Führer Kim Sarrazin, die uns schon länger Weisung erteilen in Sachen Effizienz und Nächstenliebe. Und es gibt Hoffnung: Hier ist nachzulesen, wie der weise Führer Kim Renner dereinst die Welt retten wird. Ich verneige mich vor ihm mit Tränen der Rührung und Zuversicht in den Augen. Der Kollege Thomas Montasser tut das auch. Sinnvolle Sachen gab es bei der Tagung auch zu hören, Kollege Steffen Meier (nein, kein Kim), hat das hier aufgeschrieben.

Die Tränen steigen einem auch in die Augen, wenn man die alljährliche Zensur-Liste der American Library Association anschaut. Aldous Huxleys Brave New World war nur einer von vielen Titeln, gegen die eifrige Verfechter von Religion und guten Sitten Beschwerden einlegten; die Nobelpreisträgerin Toni Morrison erregte ebenso Unmut wie die Hunger Games-Serie. Tatsächlich haben die Schulverwaltungen in den USA immer wieder damit zu kämpfen, dass eifrige Eltern sich erzürnen, und in diversen Bundesstaaten und in vielen Orten gibt es alle möglichen Verordnungen, die dem Sittenverfall entgegen wirken sollen – vom Verbot, bestimmte Kleidung zu tragen (in Mobile, Alabama, dürfen Damen keine spitzen High-Heels tragen) oder dem Händchenhalten in der Öffentlichkeit bis hin zu Vorschriften zum Eheleben (in Vermont brauchen Frauen die schriftliche Genehmigung ihrer Ehemänner, wenn sie sich ein Gebiss machen lassen) und eben zu solchen, die regeln welche Bücher in Bibliotheken stehen dürfen. Ich empfehle die Bilderstrecke der zehn am meisten zur Zensur vorgeschlagenen Bücher Ihrer freundlichen Beachtung.
Natürlich ist der Druck der selbsternannten “Moral Majority” in den USA nicht zu vergleichen mit der Zensur, die in Ländern wie China, dem Iran, der Türkei oder im größten Teil der Arabischen Welt ausgeübt wird, wo vermeintliche Übeltäter mit drastischen Haftstrafen überzogen oder sogar umgebracht werden – ich berichte ja in meinem Blog immer wieder darüber und poste Aufrufe des PEN zu Solidaritätsaktionen mit betroffenen Autoren oder Verlegern. Es ist aber trotzdem ärgerlich, wie im “Land of the Free” vor allem Großunternehmen in vorauseilendem Gehorsam kuschen. Apple hat jüngst wieder einen dämlichen Krach mit einem französischen Verlag gehabt, bei dem es um ein Cover ging, auf dem eine Dame den Busen entbößte. Ja, das ist sicherlich sexistisch (weshalb ich das Cover auch nicht abbilde) und nicht unbedingt geschmackvoll. Immerhin: Nachdem sogar das französische Kulturministerium auf Seiten des Verags intervenierte, stellte Apple das Buch wieder in den Shop. Allerdings haben auch Selfpublisher, die mit Erotika unterwegs sind, immer wieder mit Restriktionen zu kämpfen. Paypal hatte vor einiger Zeit Smashwords zur Katalogbereinigung gezwungen, weil mit der Beendigung der Kundenbeziehung gedroht wurde. Der Aufruhr um vermeintliche Pornographie in den Online-Katalogen von Kobo und anderen ist uns sicher auch noch in Erinnerung. Deshalb nochmal mein ceterum censeo: Blockwarte sollen gefälligst draußen bleiben, auch im Internet.

Dass Amazon sich allmählich daran macht, die Welt zu erobern, ist Ihnen ja nicht neu. In Schweden fängt sich der freundliche Riese aus Seattle allerdings derzeit eine geballte Ladung kalter Schultern ein: Die Domain www.amazon.se gehört seit 1997 einer Stockholmer Werbeagentur, und die will den Namen nicht herausrücken. Das ist misslich, denn Amazon hat vor kurzem einen Deal mit der Bücherdatenbank Bokrondellen abgeschlossen und hält damit theoretisch alle in Schweden verfügbaren Titel vorrätig.
Neben der Mutterseite amazon.com unterhält Amazon derzeit lokale Websites für Australien, Brasilien, China, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko und Spanien. Kunden aus allen anderen Ländern müssen über eine dieser Websites registriert sein.

Wir bleiben in Skandinavien, wo jüngst Norwegen zum Paradies für Schreiber und Verleger erklärt wurde. Tatsächlich machen die Nordmänner schöne Sachen, wenn es um Bücher geht: Bücher sind von der Mehrwertsteuer ausgenommen. Schriftsteller, die vom offiziellen Schriftstellerverband anerkannt sind, bekommen ein staatliches Stipendium von rund 15.000 Euro im Jahr. Und neue Bücher werden großzügig vom Staat für Bibliotheken angekauft: 1000 Exemplare bei Belletristik, Sach- und Fachbüchern, 1550 bei Kinderbüchern – zusätzlich zum normalen Bibliotheksbudget. Jeg tror det er helt fint!
Allerdings ist nicht alles glänzend im Land, das sich allmählich auf die Mitternachtssonne vorbereitet: Die norwegische Wettbewerbsaufsicht hat bei den vier Großverlagen Aschehoug, Cappelen, Gyldendal und Schibsted eine Razzia durchgeführt – angeblich haben die Verlage den ihnen gehörenden Auslieferer  Bladcentralen daran gehindert, bestimmte Kioske und Supermärkte zu beliefern. Das wiegt schwer, weil erstens Kioske und Supermärkte eine große Bedeutung haben für die Bücherversorgung in Norwegen, und weil zweitens Bladcentralen auch die Bücher fast aller kleineren Verlage ausliefert. Die beschweren sich schon lange über die dominante Position des Auslieferers, die so weit geht, dass jedes Buch, das ein Verlag dort distribuieren lasssen will, von einem der vier großen genehmigt werden muss. Nicht so schön.

Zum Abschluss noch ein Blick nach China: Ähnlich wie in Japan und Korea boomt dort seit Jahren die digitale Genre-Fiction. Das hat jetzt auch die ARD bemerkt, es gibt auf der Tagesschau-Website einen lesenswerten Beitrag zum Erfolg der “Groschenromane”, das dazugehörige Audio finden Sie hier.

 

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, die Lektüre hat Ihnen Spaß gemacht. Natürlich habe ich den Buchtipp der Woche von Peter Hetzel nicht vergessen; diesmal geht es um das wunderbare Fußballbuch von Axel Hacke. Viel Spaß damit!
Ach ja: Hier gibt’s noch etwas zum Hingucken für London-Fans: 20 wunderschöne Orte zum Schmökern, von Daunt’s in Marylebone bis zu Gray’s Inn. Genießen Sie’s!
In eigener Sache eine Anmerkung: Dieser Blog wird in den Social Media geteilt. Dabei ist es schwer zu vermeiden, dass der/die eine oder andere Leser/in die jeweiligen Postings mehrfach sieht. Solange diejenigen, die sich für Bücher und den Buchmarkt interessieren, nicht in einer einzigen Gruppe versammelt sind, schlägt leider die Mengenlehre durch. Ich bitte um Verständnis und Nachsicht.
Am Sonnabend gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende, diesmal schauen wir dabei nach Peru. Und zu Ostern gibt es nochmal Dichtung.

Mit besten Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling