Liebe Gemeinde,

in dieser Woche geht es um die London Book Fair, einen meinungsstarken Herren, E-Books im Sinkflug, Dauerleserei in China und mehr.

LBF 2014 (c) ehlingmedia 2014

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Am Donnerstag ist hier die London Book Fair zu Ende gegangen und ich würde Ihnen gerne erzählen, wie mitreißend das wieder einmal war. Nun ja, so doll war es leider nicht. Die Messemacher werden sich zwar sicherlich in die Brust werfen und ausgewählte Kunden erzählen lassen, wie effizient die Messe war und wie superwichtig es ist, herzukommen. Geschenkt. Aber wenn ein Deal für das Buch des Ex-Chefs der Bank of England die herausragende Lizenz-Nachricht der Messe ist, dann werden Sie verstehen, warum ich ein wenig gelangweilt war.
Tatsächlich ist die London Book Fair wichtig, und im Agentenzentrum wurde auch fleißig verhandelt. Vorträge und Seminare gab’s auch in Hülle und Fülle, alles so, wie es sich gehört. Trotzdem blieb die Begeisterung in diesem Jahr aus. Möglicherweise hat man sich inzwischen sattgehört an den ständigen Wasserstandsberichten zur Gegenwart und Zukunft der Branche; gerade jetzt im Frühjahr könnte man ja trockenen Fußes von einer Messe oder Konferenz zur nächsten schlurfen. Im Frühsommer würde man dann wohl erschöpft die Brocken hinwerfen und heilige Eide schwören, niemals wieder ein Sterbenswörtchen zu diesen Themen sagen und hören zu wollen.

Bevor es soweit kommt, hören wir einen verdienten Helden der Buchkultur: Kurz vor der London Book Fair hatte einer der großen Altvorderen der englischen Bücherszene die Stimme erhoben –  Tim Waterstone, Gründer des gleichnamigen Filialisten. Seine Läden hat er schon lange verkauft, seit ein paar Jahren gehören sie dem russischen Oligarchen Aleksandr Mamut – sie müssen sich also nicht darüber wundern, wenn Sie in dem Riesen-Waterstones am Picadilly Circus einen eigenen russischen Bookshop finden. Aber das ist eine andere Geschichte, ich wollte ja vor Herrn Waterstone berichten.
Also: Wenn er sich zu Wort meldet, hört man hin. Jedenfalls hier im Königreich. Jetzt befand er, dass die E-Books ihre Zukunft eigentlich schon hinter sich haben. Das Gerede über und der Hype um die Dinger sei „garbage“, das gute alte gedruckte Buch werde sich auf jeden Fall behaupten.
Das könnte man als verärgertes Gebrüll eines altersschwachen Löwen abtun, der nicht einsehen will, dass seine Zeit abgelaufen ist. Aber der Mann hat ja Recht. In Großbritannien wurden 2013 ungefähr 80 Millionen E-Books gekauft, was einen Umsatz von 300 Millionen Pfund ergab. Im gleichen Jahr wurden mehr als 320 Millionen gedruckte Bücher gekauft, mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Pfund. Mehr als 80 Prozent des Geschäfts findet also mit Papier statt. Ebenso wie in den USA ist im Königreich der Zuwachs der E-Books im vergangenen Jahr extrem flach ausgefallen. Und wenn wir von den USA reden, sollten wir auch daran denken, dass dort der E-Book-Anteil beim verkauften Titelvolumen zwar bei um die 30 Prozent liegt – beim Geld sieht es aber dramatisch aus: weniger als 15 Prozent der Umsätze kommen durch elektronische Bücher herein.
Es ist wichtig, sich wenigstens ab und zu mal diese wirtschaftlichen Realitäten zu vergegenwärtigen. Die echten Herausforderungen für die Branche liegen erst in zweiter Linie beim Thema Elektronik: Die Sicherung der physischen Vertriebswege ist es, die über die Zukunft entscheiden wird. Die Trauergeschichten um Chapitre in Frankreich und Polare in den Niederlanden, die Insolvenz bei Weltbild und die Probleme bei Thalia und Hugendubel – das sind die Stoffe, aus denen Dramen entstehen.

Bevor Sie mich jetzt endgültig im Lager der Reaktion einsortieren: Wir müssen uns auf die Bedeutung der buchhändlerischen Strukturen besinnen – aber das heißt längst nicht, dass wir uns bei E-Books auf die faule Haut legen dürften. Als Antwort auf Waterstones Kopfwäsche erschien im Daily Telegraph ein Beitrag, der die elektronische Revolution nicht nur als nicht beendet einordnete, sondern darauf hinwies, dass sie noch gar nicht richtig begonnen hat. Und auch das stimmt: Tatsächlich könnten E-Books viel mehr als das, was die meisten Verlage mit ihnen anstellen; der Ansatz, schlichten Text ohne große Anstrengung in ein Epub zu konvertieren, ist zwar keine Strategie, reicht aber den meisten Verlagen aus, um das Häkchen im entsprechenden Formular zur Verwertungskettenausweitungserfassung setzen zu können. Da kann, da muss mehr kommen. Wirkliche innovative Ideen waren bei der London Book Fair nicht zu sehen.

Ich hatte den Buchhandel gepriesen, und zum Schluss erzähle ich Ihnen deshalb noch davon, dass Sie in Peking jetzt rund um die Uhr Bücher kaufen könnten, wenn Sie denn dort wären und chinesische Bücher kaufen wollten: Der „Sanlian Taofen Bookstore“ (STB) im Dongcheng-Viertel der Hauptstadt lässt seit dem vergangenen Dienstag die Bücherwürmer ohne Zeitbegrenzung ein. Platz und Lektüre gibt es genug: STB hält 80.000 Titel auf 1500 Quadratmetern bereit.
Die Daueröffnung bei STB ist keine Einzelaktion: Insgesamt 56 Buchläden in China sollen mit finanzieller Unterstützung der Regierung zu kulturellen und sozialen Zentren werden; dafür wurden 90 Millionen Yuan (ca. 11 Millionen Euro) bereitgestellt, außerdem wurden die Buchläden von der Mehrwertsteuerzahlung befreit. Ein wesentlicher Grund für diese Anstrengung sind die Ausweitungen der Piraterie in China: Ein erheblicher Teil der gedruckten und elektronischen Bücher, die im Land gelesen werden, sind illegal. Tatsächlich ist auch die Zahl der stationären Sortimente in China seit Jahren rückläufig, und auch die Zeit, die Chinesen mit Lesen verbringen, ist bescheiden: gerade einmal 15 Minuten pro Tag. So wird das nix mit weiteren großen Sprüngen; wenn die Buchläden beim Erfüllen des Bildungsplansolls helfen, mag es recht sein.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich lege Ihnen aber natürlich wieder Peter Hetzels Büchertipp ans Herz. Und morgen gibt es eines meiner Lieblingsgedichte als „Poem for the Weekend“ – wo ich schon in England bin im April…

Beste Grüße
Ihr und Euer

Holger Ehling