Liebe Gemeinde,

heute geht’s um Bildung und Wissenschaft, um Brasilien, Preisbindung und mehr.

Ypsilon Buchladen, Frankfurt (c) ehlingmedia 2014

Ypsilon Buchladen, Frankfurt (c) ehlingmedia 2014

„An der Bildung hängt, zur Bildung drängt, doch alles“ – nein, das ist noch kein Sprichwort, aber wir können ja daran arbeiten. Amazon tut das jedenfalls, und wenn der freundliche Riese aus Seattle etwas anfasst, dann ist Musike drin. Vor allem auf Brasilien hat man offensichtlich mehr als nur ein Auge geworfen – tatsächlich setzt die dortige Regierung, trotz Ende des Wirtschaftsbooms – weiterhin auf beträchtliche Investitionen in den Bildungssektor. Klammer auf: Auch die Frankfurter Buchmesse sitzt in diesem Zug und hat im Februar mit der Contec Brasil ein eigenes Konferenzformat zum Thema gestartet. Klammer zu.
Für Amazon ist das größte Land Lateinamerikas allerdings wohl vor allem eine gute Gelegenheit um zu testen, was man mit dem Kindle in Sachen Bildung veranstalten kann, vor allem, weil man dort ein wenig abseits vom Blick der US-Medien üben kann. Das hat Folgen: Anders als an Colleges und Universitäten, wo Amazon eigene Kauf- und Verleihprogramme für Texte anbietet, spielt das Unternehmen in den US-Schulen keine Rolle; wo digital unterrichtet wird, führt der iPad das Feld mit 43 Prozent Marktanteil locker an. Aber: Der Riese positioniert sich, hinter den Kulissen werden Top-Manager angeheuert und passende Firmen gekauft. Mit Whispercast wurde 2012 ein eigener Übertragungsdienst für Schulen gestartet, der es möglich macht, das gekaufte Material in Klassenstärke zu beziehen.
amazonWie sich Amazon positionieren könnte, zeigt sich derzeit in Brasilien. Dort hat man mit dem Unterrichtsministerium einen Vertrag geschlossen und in einem ersten Schritt 200 Schulbücher per Whispercast zur Verfügung gestellt. Angeblich wurden mehr als 40 Millionen Kopien heruntergeladen. Dabei setzt Amazon nicht auf den firmeneigenen Kindle als Lesegerät: Die Bücher sind über die Kindle-App lesbar und damit auf allen gängigen Geräten zu nutzen. Das ist nicht dumm: Die Regierung hat rund 600.000 Tablets an Lehrer verteilen lassen, bei denen Android als Betriebssystem dominiert. Die Sache funktioniert aber auch mit Apple- oder Windows-Geräten.
Abgesehen von geringen Gebühren, die für die Konvertierung und Distribution von der Regierung gezahlt werden, verdient Amazon damit allerdings kein Geld – allerdings hat das Unternehmen in seiner gesamten Historie gezeigt, dass Profite auch langfristig sekundär sind, wenn denn am Ende eine marktbeherrschende Stellung dabei herauskommt. Möglicherweise setzt man auch darauf, dass Schulen, wenn sie einmal vom Amazon-Service angefixt sind, irgendwann auch einmal kostenpflichtige Angebote nutzen werden.
Wie lange Amazon in Brasilien der dominante Vertrieb für Schulbücher bleibt, ist abzuwarten. Der Vertrag mit dem Unterrichtsministerium endet 2015 und die Buchhandelskette Saraiva ist bereits jetzt ebenfalls aktiv.

Wo wir über Brasilien sprechen: Am 1. April war der 50. Jahrestag des Militärputschs in Brasilien, mit dem die zarten Ansätze von Demokratie und sozialen Reformen für Jahrzehnte begraben wurden. Vor allem auf die Intellektuellen hatte es das Regime abgesehen; ihnen warf man Zersetzung der guten Sitten vor und verfolgte sie nach Kräften. Waren die ausgemachten Zielpersonen nicht gefügig, so brauchte man Gewalt: Selbst Mord und Totschlag waren lediglich Mittel zum Zweck. Auf den Verlag Civilização Brasileira wurde ein Bombenanschlag verübt, der die gesamten Lagerbestände vernichtete. Zahllose Autoren, Verleger und Künstler gingen ins Exil. Wer blieb, hatte oft die Schere der Selbstzensur im Kopf. Felipe Lindoso, in den 1990er Jahren Chef des brasilianischen Buchbranchenverbands CBL hat einen beeindruckenden Artikel zur damaligen Situation verfasst – wenn Sie ein paar Brocken Portugiesisch können, werden sie spannende Lektüre finden.

Die Wissenschaftsverlage blicken ob der Veränderungen des Urheberrechts, die – horribile dictu – den Autoren wissenschaftlicher Publikationen die rechte zur Verbreitung der eigenen Texte einräumen, mit Bangen in die Zukunft. Wenigstens einem von ihnen geschieht damit ganz recht: Elsevier, der allergrößte von allen, ist wieder einmal auffällig geworden durch ungezügelte Gier: Für Beiträge, die im Open Access publiziert wurden, verlangte Elsevier tausende Dollar oder Pfund oder Euro – was ganz und gar dem Sinn der Sache widerspricht. Nachdem die Sache aufgeflogen ist, verweist der Wissenschaftsriese auf „third parties“ und Probleme der Systemanpassung – im Grunde bettelte man um Mitleid für den ach so gebeutelten Großverlag, der sich in seinen eigenen komplexen Strukturen verheddert hat. Das Mitleid hält sich erwartungsgemäß in Grenzen.
Elsevier ist in den vergangenen Jahren für den gesamten Wissenschaftsbetrieb zum Ärgernis geworden mit seiner Preispolitik. Erst kürzlich brach die Universität Konstanz Verhandlungen um die Weiterführung von Abonnements unter Absingen böser Lieder ab. Durchschnittlich koste ein Zeitschriftenabo bei Elsevier 3400 Euro im Jahr, dreimal so viel wie bei der Konkurrenz. Seit 2012 gibt es eine weltweite Protestaktion von Wissenschaftlern, die aufgrund der Preispolitik jegliche Zusammenarbeit mit Elsevier verweigern. Bislang haben knapp 15.000 Personen die Petition unterzeichnet.
Was die Sache mit den Gebühren für Open Access perfide macht, ist die Tatsache, dass Regierungen und Förderinstitutionen Millionensummern für den Aufbau von entsprechenden Plattformen an die großen Wissenschaftsverlage zahlen – und trotzdem die Wissenschaft zur Kasse gebeten wird. Merkwürdig finde ich in dem Zusammenhang immer wieder die reflexartige Solidarität, die die Verlage miteinander zeigen. Dabei sollte ihnen klar sein, dass sie sich mittlerweile auf extrem dünnem Eis bewegen: Die Gierhalserei à la Elsevier bedroht sie alle. Denn es ist nicht hinzunehmen, dass ein Wissenschaftler mit der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse dazu beiträgt, sich selbst die Forschungsgelder für die Zukunft zu beschneiden. Wenn das von den Verlagen nicht schleunigst erkannt wird, gibt es für sie keine Zukunft.

Sie wissen ja, dass ich ein Freund der Buchpreisbindung bin. Deshalb habe ich mit Freude vernommen, dass in Polen jetzt eine entsprechende Gesetzesinitiative ins Parlament eingebracht werden soll. Tatsächlich ist es höchste Zeit: In den vergangenen Jahren hat jede dritte Buchhandlung bei unseren Nachbarn dicht gemacht. Der Vortrag, den Preisbindungstreuhänder Dieter Wallenfels in Warschau gehalten hat, ist übrigens höchst lesenswert.
Weniger erfreut war ich allerdings, als ich las, dass in Griechenland die Buchpreisbindung auf Verlangen der Europäischen Union abgeschafft worden ist; nur „literarische Werke“ sind ausgenommen. Das zeigt erstens, dass in Brüssel die vernagelten neoliberalen Holzköpfe immer noch das Sagen haben, und dass sie zweitens nichts, aber auch gar nichts, verstehen von den Dingen, die sie anpacken. Was, bitteschön, sind literarische Werke? Tschechow oder Kazantzakis, ja sicher. Harry Potter? Tommy Jaud? Wieso nicht? Aber auch: wieso?

Zum Schluss darf der Buchtipp von Peter Hetzels Videoblog nicht fehlen – diesmal geht es um Donna Tartt. Viel Spaß beim Anschauen!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich hoffe, Sie bleiben mir treu. Ab morgen bin ich in London, wegen Buchmesse und einem neuen Buchprojekt. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Und natürlich gibt es morgen wieder das Gedicht zum Wochenende. Wenn Sie einen Wunsch dafür haben, her damit.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

 

Bis demnächst,

herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling