Liebe Gemeinde,

heute geht’s um einen doofen Engländer, Chancen in China, blutigen eCommerce, Hörbücher, elektrisches Eigentum und einen tollen Kollegen.

Altair, Barcelona (c) ehlingmedia 2012

Altair, Barcelona (c) ehlingmedia 2012

Dass es in der Politik mehr auf spitze Ellenbogen ankommt als auf einen scharfen Verstand, dürfte uns nicht unbekannt sein. Wie dämlich man aber sein und doch ein Ministeramt innehaben kann, zeigt derzeit der britische Justizminister Chris Grayling. Er hat bereits im November untersagt, dass Häftlinge von Freunden und Angehörigen Bücher zugeschickt bekommen, er wolle „right wing solutions“ für Probleme anbieten, wo die Linke versagt habe. Dieser Hirnriss sickerte erst jetzt durch und hat zu massiven Protesten von Schriftstellern geführt. Und auch der Chefinspektor der englischen Gefängnisse, Nick Hardwick, bezeichnete das Vorgehen seines Ministers jetzt als unnötiges „micro management“.
Die Sache passt zur bildungsfeindlichen Agenda der Konservativen, die 2010 die Regierung im Königreich übernommen haben. Als eine der ersten Maßnahmen wurden alle Zuwendungen für diejenigen gestrichen, die jenseits des Alters von 16 Jahren noch zur Schule oder Universität gehen wollen. Dann wurden die Studiengebühren verdreifacht, auf derzeit 9000 Pfund pro Jahr. Und schließlich wurden den Bezirksverwaltungen die Zuwendungen für die öffentlichen Bibliotheken derart zusammengestrichen, dass seither hunderte Büchereien schließen mussten. Vielen arbeitslosen Bibliothekaren wurde angeboten, ihren alten Job künftig als „Volunteers“ weiter zu machen – ohne Bezahlung natürlich.
Ein großer Teil der Minister in der konservativ-liberalen Regierung hat übrigens Eliteschulen wie Eton besucht, mit anschließendem Studium in Oxford oder Cambridge. Um Geld brauchten sich diese Goldlöffel-Darlings natürlich nie sorgen, Papi hatte genug davon. Das Privatvermögen der Familie von Premier David Cameron, vom Papa als Börsenhai angesammelt, liegt steuergünstig in Panama und anderen schwarzen Steuerlöchern. Wie sagte Maggie Thatcher einst so schön: „There is no such thing as society…“. Ihre Nachfolger haben den Zynismus der Eisernen Lady wahrlich verinnerlicht.

China ist unter den Buchmärkten der Welt sicherlich derjenige mit dem größten Potential – auch für internationale Verlage. Ich habe einen interessanten Beitrag gefunden, der sehr nüchtern die Chancen und Risiken eines Engagements im E-Book-Sektor beleuchtet. Das größte Problem für ausländische Verlage ist sicherlich immer noch die unberechenbare Zensur: Jeder Titel, der in China veröffentlicht werden soll, muss vorab zur Genehmigung vorgelegt werden. Selbst bei politisch wenig brisanten Titeln fanden dann Autoren und Verleger immer wieder kräftige Eingriffe, die auch gerne einmal ohne Rücksprache erfolgen. Zweites Hindernis ist die Verpflichtung, mit chinesischen Partnern zusammen zu arbeiten. Auch dort gab es in der Vergangenheit böse Überraschungen, wenn lizensierte Titel sich plötzlich in einer chinesischen Klon-Ausgabe wiederfanden oder der chinesische Partner deutlich mehr Exemplare produzierte als vereinbart war.
Die wirtschaftlichen Chancen aber sind groß: Der chinesische Buchmarkt ist etwa 20 Milliarden US-Dollar groß, das ist vom Umsatz her doppelt so viel wie in Deutschland. Während hier aber gerade einmal 80 Millionen Menschen Bücher kaufen können, sind es in China mehr als 1,3 Milliarden, und die Herausbildung einer Mittelschicht steht gerade erst am Anfang.
Grundsätzlich steht auch der E-Book-Markt in China am Anfang, und die Preise, die erzielt werden können sind niedrig: Im Schnitt kosten E-Books in chinesischer Sprache umgerechnet einen Euro. Lernmittel und wissenschaftliche Titel erzielen allerdings ähnliche Preise wie in Europa. Wer mit viel Umsicht agiert, hat durchaus Chancen auf Erfolg; die deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchverlage haben dies im Lizenzmarkt bereits vorgemacht. Der Schritt zum eigenständigen Publizieren ist dann zwar immer noch groß – es ist aber wohl das Risiko wert.

Dass  in Asien so manches anders ist als bei uns, sollten wir wissen. Trotzdem ist es nicht angenehm zu erfahren, dass der japanische Online-Riese Rakuten, der u.a. auch Kobo besitzt, über seine Online-Shops Elfenbein und Walfleisch anbietet. Kulturelle Differenz hin und her – wenn es um Elefanten geht, bin ich ziemlich intolerant. Zeit für einen ordentlichen Shitstorm?

Hörbücher hatten bei uns ihren Boom im vergangenen Jahrzehnt, zuletzt gab es kaum noch Wachstum in diesem Segment, trotz MP3-Downloads und trotz der Tatsache, dass mittlerweile jeder Smartphone-Besitzer gleichzeitig ein wunderbares Abspielgerät für diese Files in der Tasche hat. In den USA dagegen haben Hörbücher in den vergangenen Jahren gehöriges Kawumm entwickelt: Während 2009 nur mickrige 4600 Titel auf den Markt kamen, waren es 2012 schon mehr als 13.000; für 2013 wurden mehr als 20.000 Titel erwartet. Das hat damit zu tun, dass der Amazon-Ableger Audible die Preise kräftig drücken konnte und damit Hörbücher für einen größeren Kundenkreis interessant machte; das hat aber auch damit zu tun, dass es dort, im Gegensatz zur Situation hierzulande, eine große Zahl von selbst publizierten Hörbüchern gibt. Und nein, die Selbstsprecher sind in der Regel keine Nuschelkönige. Es wäre schön, wenn die US-Entwicklung auch zu uns herüberschwappen würde; ich mag die Dinger.

 

Wem gehört eigentlich das E-Book, das man sich heruntergeladen hat? Die meisten Leser wissen inzwischen, dass sie mit dem Kauf in einem der Online-Shops nicht zum Eigentümer der Sache werden, sondern lediglich den Besitz eines Leserechts erwerben. Ein englisches Gericht ist jetzt noch weiter gegangen: Was digital abgespeichert ist, kann niemandem gehören, so die ehrenwerten Richter. In dem verhandelten Fall ging es um einen Streit zwischen einem Verlag und einem IT-Dienstleister. Der hatte die Kundendaten des Verlags administrieren sollen, war aber vom Vertrag entbunden worden und hatte das Eigentum an der entsprechenden Datenbank für sich beansprucht. Die Richter entschieden:

“An electronic database consists of structured information […]Although information may give rise to intellectual property rights, such as database right and copyright, the law has been reluctant to treat information itself as property. When information is created and recorded there are sharp distinctions between the information itself, the physical medium on which the information is recorded and the rights to which the information gives rise. Whilst the physical medium and the rights are treated as property, the information itself has never been.”

Wenn wir das Argument weiterdrehen, kommen wir zu einer Art Freibrief für Piraten: Wenn Information keinem Eigentumsschutz unterliegen kann, dann kann sie logischerweise auch nicht geklaut werden. Hmmm….

 

Zum Schluss ein Tipp: Der Kollege Peter Hetzel hat viele Jahre lang im Sat1-Frühstücksfernsehen aktuelle Bücher vorgestellt, mit Geist, Witz und viel Sachverstand. Künftig präsentiert er seine Tipps in seinem Videoblog. Wir wünschen ihm alles Gute und schauen fröhlich zu, und empfehlen Ihnen den regelmäßigen Klick.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich hoffe, meine Ein- und Aussichten haben Ihnen gefallen. Anregungen, Hinweise und kritische Kommentare sind stets willkommen. Und morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende. Auch bei den Gedichten gilt: Wenn Sie Anregungen und Wünsche dazu haben – bitte immer her damit.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

  • Gespräch bei „Echo der Zeit“ im SRF über Amazon Publishing.
  • Gespräch bei „Fazit“ im Deutschlandradio Kultur zum Auszug von Hugendubel vom Marienplatz in München.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling