Liebe Leser,

in dieser Woche geht es um Buchhandel in Argentinien, weltweite Leseratten, Facebook beim Bildungsschmusen, Audio-Selbstmacher beim Röhrengucken  und mehr

Ateneo El Splendid, Buenos Aires (c) ehlingmedia 2010 Ich hatte Ihnen ja in der vergangenen Woche angekündigt, dass ich mich heute aus Buenos Aires melde. Und Sie sehen: Ich halte mein Versprechen. Ausnahmsweise bin ich einmal nicht in Sachen Buchmarkt unterwegs, sondern wegen eines völlig anderen wirtschaftlichen Themas. Was mich aber in den vergangenen Tagen nicht davon abgehalten hat, mit Kulleraugen den prächtigen Buchtempel El Ateneo Splendid in der Avenida Santa Fé zu betreten und mich an der wunderschönen Inszenierung der Bücher zu freuen und natürlich auch bei vielen anderen Läden hereinzuschauen.

Insgesamt macht das einen guten Eindruck: Kunden fanden sich zuhauf, und sie waren nicht nur dort, um zum Ende der monatelangen Sommerferien (ja, hier in Argentinien ist Sommer) neue Schulbücher zu kaufen. Auch die gallopiernde Inflation von mehr als 30 Prozent tut dem keinen Abbruch, und dank der ziemlich hirnrissigen Importsteuern, die die argentinische Regierung auf alles Mögliche erhebt, sind elektronische Lesegeräte weiterhin ein seltener Anblick. 80 Prozent der Bücher werden immer noch über den stationären Buchhandel verkauft, 2012 kam ein Umsatz von 535 Millionen US-Dollar dabei heraus. Und insgesamt haben sich die unabhängigen Buchhändler durch geschicktes Einrichten in Nischen recht gut behauptet gegen die Ketten wie Yenny-Ateneo oder Cuspide. Im November hat Ana Prieto bei Publishing Perspectives einen umfassenden Artikel über die Buchhandelsszene geschrieben, ich empfehle ihn sehr zur Lektüre.

Eine Frage, die Sie bestimmt schon schlaflose Nächte gekostet hat, ist: Wo wird am meisten gelesen? Die Antwort: Die eifrigsten Bücherwürmer wohnen in Indien. Das ist jedenfalls das Ergebnis des aktuellen „NOP World Culture Score Index“.
Jede Woche verbringen die braven Leser vom Subkontinent 10 Stunden und 42 Minuten mit der Nase im Buch. In Deutschland kommen wir gerade einmal auf beschämende 5 Stunden und 42 Minuten, was uns Platz 22 auf der Liste einträgt. Die eifrigsten europäischen Leser kommen aus der Tschechischen Republik, die rote Laterne trägt (Süd-)Korea, wo man nur knapp über 3 Stunden pro Woche mit Lesen verbringt. Die gesamte Liste finden Sie nachstehend.

1. Indien — 10 Stunden, 42 Minuten
2. Thailand — 9:24
3. China — 8:00
4. Philippinen — 7:36
5. Ägypten — 7:30
6. Tschechische Republik — 7:24
7. Russland — 7:06
8. Schweden — 6:54
8. Frankreich — 6:54
10. Ungarn — 6:48
10. Saudi Arabien — 6:48
12. Hong Kong — 6:42
13. Polen — 6:30
14. Venezuela — 6:24
15. Südafrika — 6:18
15. Australien — 6:18
17. Indonesien — 6:00
18. Argentinien — 5:54
18. Türkei — 5:54
20. Spanien — 5:48
20. Kanada — 5:48
22. Deutschland — 5:42
22. USA — 5:42
24. Italien — 5:36
25. Mexiko — 5:30
26. Großbritannien — 5:18
27. Brasilien — 5:12
28. Taiwan — 5:00
29. Japan — 4:06
30. Korea — 3:06

 

Wir blicken über den Rhein nach Frankreich und erfahren, dass die öffentlichen Bibliotheken in Paris einen Großangriff auf elektroaffine Leser gestartet haben: 1100 Sony-Lesegeräte wurden angeschafft und sollen bis Juni zur Verfügung gestellt werden. Danach sollen auch 250 iPads dazukommen, die vor allem für Kinderbücher genutzt werden sollen.
Die Nutzer können die Geräte jeweils für drei Wochen ausleihen, zunächst stehen 1300 Titel bereit, darunter auch E-Books auf Deutsch, Englisch und Spanisch. Die meisten der Titel sind urheberrechtsfrei, was die Sache für die Bibliotheken natürlich erheblich vereinfacht. Später sollen dann auch andere Titel hinzukommen, die Stadtverwaltung von Paris will dafür eine eigene elektronische Bibliothek einrichten. Bis die allerdings wirklich an den Start geht, dürfte noch einiges Wasser die Seine herabfließen.

Dass die allgemeine Begeisterung für Facebook allmählich abklingt, dürfte nicht allzu viele Leute zu Tränen rühren. Tatsächlich ist es ja so, dass, wenn Oldies wie ich und diverse andere Silberrücken aus der Verlagsszene das Ding eifrig nutzen, von „Cool“ nicht mehr die Rede sein kann. Höchste Zeit also für Herrn Zuckerberg, zum Jüngelchen-Gesicht auch noch ein paar Engelsflügel anzulegen. Jetzt will er nämlich Ruanda mit einer Bildungsinitiative beglücken. Gemeinsam mit der Regierung des ostafrikanischen Lands sollen nach dem Prinzip der „Massive Open Online Courses“ (MOOC) jede Menge kostenlose Programme angeboten werden. Die Kurse werden von renommierten Absendern bereitgestellt, darunter die Universitäten Berkeley, Harvard, Delft oder die ETH in Zürich.
Ruanda soll allerdings nur der Beginn des Projekts sein: „Milliarden Menschen“ wolle man auf diese Weise in die „Ökonomie des Wissens“ einbinden, so ein Facebook-Sprecher, der die Leute vielleicht besser nicht mit solchen Worten erschrecken sollte.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Jede Initiative zur Förderung von Bildung in Afrika ist mir herzlich willkommen. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es auch bei dieser hehren Sache in erster Linie um den Ausbau der Kundenbasis des „Fratzenbuchs“ geht, wie ein verehrter Kollege das Ding nennt. Wenn Sie übrigens Interesse an einem Projekt haben, das leise und effizient in Ruanda hilft, empfehle ich Ihnen, sich anzuschauen, was Joachim Graf dort veranstaltet.

Wo wir schon bei den Menschenfreunden aus dem US-Digitalbusiness sind, soll auch Amazon nicht fehlen. Dort hat man beim Hörbuch-Ableger Audible jetzt getan, was diejenigen, die stets misstraisch gegenüber den Manövern aus Seattle sind, schon lange erwartet hatten: Die Provisionen der Hörbuch-Selbstverleger wurden kräftig zusammengestrichen. Bisher gab es bei der Audible-Plattform ACX, die 2011 gestartet wurde, satte 50 bis 90 Prozent für die Selbstmacher, abhängig vom Verkaufserfolg. Das lockte vor allem diejenigen Autoren und ihre Agenten an, deren Verlage sich bei der Vermarktung von Hörbuchrechten uninteressiert, unwillig oder unfähig gezeigt hatten.
Die schönen Zeiten sind jetzt vorbei: Ab 12. März werden nur noch 40 Prozent gezahlt. Amazon kann sich das leisten, weil ACX eine übermächtige Stellung erreicht hat, ohne die Plattform können selbstverlegende Hörbuch-Autoren die Hoffnung auf ordentliche Verkaufszahlen in den Wind schreiben. Ähnlich entwickelt sich die Kindle-Plattform für Selfpublisher – es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Amazon auch dort seine jetzt schon dominierende Stellung dazu nutzt, ein klein wenig zu sparen.

Damit Sie ob meiner Unkerei jetzt nicht in Schwermut versinken, möchte ich Ihnen noch eine gute Nachricht für das Wochenende mitgeben: Pippa Middleton ist von ihrem Verlag fallengelassen worden. Falls Sie nicht wissen sollten, wer das ist: Pippa (ja, sie heißt wirklich so) ist die jüngere Schwester der englischen Prinzengattin Kate Middleton. Für ein Buch über Party-Planung hatte sie von Penguin angeblich 400.000 Pfund Vorschuss kassiert; das Erzeugnis lag in den Regalen so bleischwer wie ein guter englischer Plumpudding im Magen. Erstens war der Inhalt laut überwältigender Meinung der Verreißer absolut hohl, zweitens durfte sie keine Interviews geben, weil man fürchtete, sie könnte royale Geheimnisse ausplaudern und drittens wird berichtet, dass die holde Dame in der Zusammenarbeit wohl so bekömmlich war wie eine faule Auster. Den Vorschuss darf sie behalten.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe Sie bleiben mir treu. Und morgen gibt es das „Poem for the Weekend“.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

P.S.: Man sieht sich in Leipzig, hoffe ich. Sie finden mich zumeist am Stand des BuchMarkts.