Liebe Gemeinde,

 

in dieser Woche geht es um Preisbindung in Israel, arabische E-Books, koreanische Übersetzungen, Science Fiction in China, fiktive Wissenschaft und mehr.

 

Das Grauen hat ein Gesicht. Playa Americas, TF (c) 2014 ehlingmediaFreunde der Preisbindung schauen dieser Tage freudig nach Israel, wo die Knesset das seit langem diskutierte Gesetz zum Schutz des Autors beschlossen hat. Darin geht es um eine Schutzfrist von 18 Monaten, in denen Rabatte verboten sind, und ebenso gibt es Regelungen zur Mindestvergütung der Autoren. Das Gesetz an sich, das zunächst für drei Jahre gilt, ist zahm genug und drückt sich vor Regelungen, wie wir sie in Deutschland kennen. Trotzdem hagelte es Kritik. Besonders verärgert waren die Kommentatoren, dass die beliebten Sonderaktionen wie „Zwei für eins“ oder „4 Bücher für 100 Shekel“ nicht mehr gelten. Dadurch würden Bücher zu teuer und vor allem für weniger betuchte Familien unerschwinglich.
Eine wesentliche Ursache für das neue Gesetz ist die Dominanz der beiden großen Buchketten Steinmatzky (mit 160 Läden) und Tzomet Sfarim, die mit aggressiven Preisaktionen Verlagen und Konkurrenten das Leben schwer machen. Kritiker des Gesetzes befürchten, dass künftig weniger Titel produziert werden und verweisen auf das positive Beispiel Großbritanniens, wo die Titelproduktion nach Ende des Net Book Agreements drastisch gestiegen sein. Dass im Königreich seit 2006 mehr als die Hälfte aller Buchläden dicht gemacht haben, wird dabei allerdings verschwiegen. Es würde ja auch die neoliberale Scheinwelt eintrüben.

Wir schauen ins Nachbarland Ägypten, wo die derzeit herrschende Militärregierung die Jag auf kritische Autoren und Journalisten eröffnet hat. Das hinderte Vodafone nicht daran, während der Kairoer Buchmesse den neuen E-Book-Shop Kotobi zu eröffnen. Die Behauptung, dies sei der erste arabische Anbieter für E-Books ist natürlich Unsinn; schon vor Jahren ist mein Freund Ramy Habeeb mit Kotobarabia an den Start gegangen. Der geschäftliche Erfolg blieb seinerzeit aus – wahrscheinlich war er schlichtweg zu früh dran. Für die 300 Millionen Arabisch-Sprecher ist das aber trotzdem eine gute Nachricht, vor allem weil die physische Distribution von Büchern allüberall in der Arabischen Welt immer noch absurd schlecht ist. Marcia Lynx Qualey von Arabic Literature (in English) hat Ashraf Maklad, den Kopf hinter Kotobi interviewt und auf Publishing Perspectives die Sache auch insgesamt eingeordnet. Beides empfehle ich zur Lektüre.

2005 war Korea Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, sehr viel getan hat sich seither nicht in Sachen Übersetzungen – was bedauerlich ist. Immerhin startet jetzt das koreanische Literature Translation Institute eine Initiative um die Autoren des Landes bekannter zu machen: 20 kurze Texte von bedeutenden Schriftstellern gibt es kostenlos als E-Books in englischer Übersetzung zum Download und für Leser hierzulande gibt es dabei so manche Entdeckung zu machen. Zwei Sachen stehen aber einem durchschlagenden Erfolg möglicherweise im Weg: Zum einen sind die Texte nur als pdfs erhältlich – das ungeeignetste Format für Reader und Tablets. Zum anderen konzentriert sich das LTI wieder einmal auf die großen alten Männer, was schon 2005 nicht den erhofften Erfolg brachte. Allerdings hat man sich dabei wohl wieder einmal den sachfremden Entscheidungen aus dem verantwortlichen Kulturministerium gebeugt, das die heute erfolgreichen jungen Schreiber nicht als satisfaktionsfähig betrachtet. Ich weiß nicht, wie viele Workshops ich zu dem Thema in Seoul schon abgehalten habe; ich weiß aber, dass die Mitarbeiter beim LTI mit dieser Politik höchst unglücklich sind. Sei’s drum: Schauen Sie mal vorbei, lesen Sie ein paar der Texte, sie werden es nicht bereuen.

Wir bleiben in Asien und haben aus China ausnahmsweise einmal keine Zensurmeldung zu berichten: Science Fiction boomt dort, und das seit Jahren. Besonders die Landung der Mond-Sonde hat dem Genre noch einmal Auftrieb verschafft, und Jeffrey N. Wasserstrom verfolgt in einem unterhaltsamen Artikel dessen Geschichte zurück bis zur Literatur-Ikone Lu Xun, der Anfang des 20. Jahrhunderts Jules Vernes Von der Erde zum Mond übersetzte und anmerkte, Science Fiction können einen großen Beitrag zur Entwicklung Chinas liefern. Interessanterweise haben die chinesischen SF-Autoren des 20. Jahrhunderts auch schon massive Umweltverschmutzung und die totalitäre Unterdrückung Andersdenkender zum Thema gemacht. Sage keiner, SF sei pure Phantasie!

Die Frankfurter Buchmesse wird im Herbst Finnland als Ehrengast begrüßen. Hand auf’s Herz: Wissen Sie besonders viel über den finnischen Buchmarkt? Nein, Sie müssen sich jetzt nicht schämen. Immerhin hat die finnische Kulturstiftung ein paar Dinge zum Leseverhalten der Nordmänner preisgegeben, und die will ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten.
„Finnen lieben ihre Bibliotheken“ ist eine Pressemitteilung überschrieben. Als Begründung hält die Statistik her: pro Nase werden pro Jahr 13 Bücher aus öffentlichen Bibliotheken entliehen. In Deutschland kommen wir gerade mal auf drei Bücher pro Nase und Jahr. Die Finnen nannten auch das Bibliothekssystem als wichtigste Kultureinrichtung des Landes. Es gibt für die 5,4 Millionen Einwohner 827 öffentliche Bibliotheken; davon sind 151 auf Rädern unterwegs und bedienen 12.000 feste Haltestellen. Es gibt sogar ein Büchereischiff, das 11 Häfen anläuft. Ob das Boot ein Eisbrecher ist, wurde nicht mitgeteilt. Aber: Die Nutzung der Bibliotheken in Finnland ist grundsätzlich kostenlos. So, jetzt wissen wir schon einmal en wenig mehr; in Leipzig erzählen uns die Finnen wohl noch so einiges.

Wissenschaftsverlage sind die Hüter der Qualität bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen. Sagen jedenfalls die Wissenschaftsverlage. Dass dieses Versprechen in den vergangenen Jahrzenten vor allem als Instrument zum Gelddrucken verwendet wurde, wissen Forscher und Institute, die von den lieben Kollegen von Reed Elsevier, Springer, Wolters Kluwer und dergleichen ausgeplündert wurden. Dass es mit dem Versprechen zuweilen rein gar nichts auf sich hat, haben jetzt eine Reihe von Wissenschaftlern nachgewiesen, die in diversen Portalen und Fachzeitschriften blanken Unsinn veröffentlicht haben – computergenerierten Sprachmüll, der von den angeblichen Qualitätswächtern unbeanstandet blieb. Springer und das Institute of Electrical and Electronic Engineers haben jetzt mehr als 120 solcher Quatschbeiträge gelöscht – allerdings erst, nachdem sie von den Übeltätern informiert wurden. Wonit die Daseinsberechtigung des wissenschaftlichen Verlegens wieder einmal auf das Schönste unter Beweis gestellt wäre.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen gefallen. Und morgen gibt es wieder das „Poem for the Weekend“. Nächste Woche melde ich mich aus Buenos Aires, mal sehen, was es dann zu erzählen gibt.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling