Liebe Gemeinde,

heute geht es um Salman Rushdie, Zensur, ängstliche Schotten, Selfpublishing, unehrliche Kunden und mehr.

Stanford's, London (c) ehlingmedia 2010

Stanford’s, London (c) ehlingmedia 2010

Ich hatte Ihnen in der vergangenen Woche von der Hinrichtung des iranischen Lyrikers Hashem Shaabani berichtet, der sich außer seinem Eintreten für die Rechte der arabischen Minderheit nichts hat zuschulden kommen lassen. Dieser Tage erinnerte der einflussreiche Mullah Ahmad Khatami wieder einmal daran, warum man keine allzu große Toleranz für das Regime in Teheran aufbringen sollte: Beim Freitagsgebet in Teheran ließ er wissen, die Fatwa gegen Salman Rushdie sei weiter aktuell. Das Kopfgeld für die Ermordung des Autors der Satanischen Verse steht jetzt bei 3,3 Millionen US-Dollar.
Khatami ist ein äußerst reaktionärer Hardliner, der schon bei geringem Dissens gegen die Staatsführung davon faselt, dass dies mohareb sei – Krieg gegen Gott, und darauf steht bei den Menschenfreunden im Iran die Todesstrafe. Auch Shaabani wurde deswegen verurteilt und vom Regime ermordet.
Das Todesurteil gegen Rushdie, verbunden mit dem Aufruf zum Mord am Autor selbst und allen, die an der Verbreitung seines Buches beteiligt sind, wurde 1989 erlassen. In der Folge verschwand Rushdie für knapp ein Jahrzehnt in der Versenkung und wurde rund um die Uhr bewacht. In der Folge wurde sein japanischer Übersetzer Hitoshi Igarashi ermordet und seine Verleger in Norwegen und Italien bei Attacken schwer verletzt; in der Türkei kam es beim Angriff auf den Übersetzer Aziz Nesin zur massiven Reaktion der Polizei, bei der 37 Menschen starben.

Mordlustiges Gesindel findet sich aber nicht nur in der iranischen Staatsführung. In Indien setzten Hindu-Fundamentalisten jetzt durch, dass Penguin Random House die dort erschienene Ausgabe des Buches The Hindus: An Alternative History der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Wendy Doniger vom Markt nimmt. Vier Jahre lang wurde um die Sache prozessiert, jetzt warf der größte Publikumsverlag der Welt entnervt das Handtuch. Zwar garantiert die indische Verfassung die Freiheit der Rede, aber das Strafrecht bedroht alle Veröffentlichungen, die geeignet sind, den religiösen Frieden zu stören. Angesichts der indischen Historie von blutigen Religionskämpfen, besonders zwischen Hindus und Muslimen, mag solch ein Gesetz klug sein. Es öffnet allerdings Tür und Tor für radikale Grüppchen, die schon theologisch fundierte Erörterungen als beleidingend ansehen. Rushdies Satanische Verse sind übrigens in Indien ebenfalls verboten, auch dabei geht es um den Religionsfrieden.
Für Penguin Random House könnte mit der Entscheidung, den Kampf aufzugeben, der Ärger jetzt erst richtig losgehen: Viele indische Autoren, allen voran Arundathi Roy, zeigten sich entsetzt ob des Einknickens des Verlagsriesen und werten die Sache als gefährlichen Präzedenzfall, der zu weiteren willkürlichen Einschränkungen der freien Rede führen kann. Die Sachbuchautoren Siddarth Varadarajan und Jyotirmaya Sharma forderten den Verlag auf, auch ihre Bücher aus dem Verkauf zu nehmen und die Rechte daran zurück zu geben. Inzwischen existiert eine Online-Petition, die sich gegen die „Talibanisierung“ im Umgang mit der Religion wendet und auch die Times of India nimmt in einem besorgten Kommentar eindeutig Stellung gegen die Radikalisierung unter dem Vorwand der Religion.

Dass religiöse und politische Zensur keineswegs auf die üblichen Verdächtigen in nahen und fernen Osten beschränkt ist, sollten wir aber auch zur Kenntnis nehmen. Beispiele gefällig? Seit Jahren schlagen sich Autoren, Verlage, Buchhändler und Bibliothekare in den USA mit christlichen Fanatikern herum. Ob moderne Klassiker wie Ralph Ellisons The Invisible Man, Märchen wie „Rotkäppchen“, die „Harry Potter“-Serie bis hin zu Wörterbüchern – stets findet sich irgendein verwirrtes Menschenkind, das sich bemüßigt fühlt, die Welt vor so etwas zu schützen. Jüngst gingen konservative und rechtsradikale Politiker in Frankreich auf Kinderbücher los, denen sie die Verbreitung von „Unmoral“ vorwarfen – allerdings setzte es eindeutige Worte der Kulturministerin Aurélie Fillipetti, die alle Anwürfe rigoros zurückwies.

Deutlich gottgefälliger als andernorts geht es in der Regel im schönen Schottland zu, wo man sich das meist miserable Wetter stets mit einem „wee dram“ des feinen Malt schöntrinken kann. Um weniger Prozente als beim Nationalgetränk geht es bei der Frage, wie es um die Mehrwertsteuer auf Bücher bestellt ist. Derzeit wird in Großbritannien gar keine Mehrwertsteuer auf Bücher erhoben – eine Ausnahme von der EU-Regel, die einen Mindestsatz von 5 Prozent vorsieht. So weit, so gut. Allerdings haben die schottischen Verleger jetzt die Befürchtung, dass diese schöne Steuerbefreiung bald vor dem Aus stehen könnte. Wenn nämlich ihre Landsleute sich am 18. September in einem Referendum für eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich entscheiden, müsste das dann unabhängige Schottland seine EU-Mitgliedschaft neu verhandeln. Und dabei dürfte die Mehrwertsteuer-Ausnahme für Bücher nicht allzu hoch auf der Agenda stehen. Jetzt will man Druck auf die schottische Regionalregierung ausüben.
Bei Umfragen zu dem Referendum steht es derzeit Spitz auf Knopf – die vorauseilende Schwarzmalerei der Verleger passt deshalb in die derzeitige Negativpropaganda der britischen Regierung: Schatzkanzler Osborne verkündete kürzlich, dass ein unabhängiges Schottland auch nicht mehr das Pfund Sterling verwenden dürfe; angebliche EU-Experten weisen mit sorgenvoller Miene darauf hin, dass Schottland nicht so ohne weiteres auf eine Mitgliedschaft in der Union hoffen dürfe: Die Aufnahme kann nur einstimmig erfolgen und Spanien, das mit Katalonien und dem Baskenland seine eigenen abspaltungswilligen Regionen hat, werde dem Beitritt niemals zustimmen. Wenn jetzt auch noch die machtvollen Verleger das Zittern kriegen – welcher aufrechte Schotte wollte sich dann noch von Mutter Englands Busen reißen?

Dass Selfpublishing inzwischen ein ernstzunehmender Faktor im Verlagswesen ist hat sich, jedenfalls in den englischsprachigen Märkten, inzwischen in die Hirne eingebrannt. Und das liefert natürlich jede Menge Stichwörter für die Auguren, die bereits das Ende der „Midlist“ bei den traditionellen Verlagen kommen sehen. Besonders in der „Genre-Fiction“ des Massenmarkts – also Science Fiction, Fantasy, Krimis, Liebesromane – verzeichnen tatsächlich einige Verlage deutliche Rückgänge. Hand aufs Herz: Die oft lieblos zusammengeschusterten Produkte aus einem der großen Papierverschmutzungsbetriebe, die für eine Regalhaltbarkeit von sechs Wochen ausgelegt sind, bieten bei Aufmachung, Lektorat und schreiberischer Qualität nun wirklich keinen nennenswerten Vorteil gegenüber der Konkurrenz aus den Stuben der Selbstverleger. Wenn dann die notorische Zurückhaltung der Verlage in Sachen Marketing und Pressearbeit für Autoren eben jener „Midlist“ dazu kommt, dann ist der Exitus nicht nur selbstgemacht, sondern wohlverdient. Allerdings halte ich die Schwarzmalerei für wild übertrieben – die großen Verlagskonzerne steigen ja allüberall mit eigenen Selfpublisher-Plattformen ein, wobei ich bislang noch auf Argumente warte, warum ein Selbermacher von Amazon zu einer dieser Plattformen wechseln soll. Denn nennenswerte Bemühungen darum, die Bücher dieser Klientel – ob elektronisch oder gedruckt – ans werte Publikum zu bringen, sind weithin Fehlanzeige. Und solange die Verlage in diesem Bereich die versammelten edelsten Körperteile nicht hochkriegen, wird das wohl auf Dauer nichts werden.

Eine Art, wie man als Plattform mit Autoren Geschäfte macht, scheint sich dem Ende zuzuneigen: Das Prinzip des Weihnachtsgans-Ausnehmens nämich, das Author Solutions, ein Ableger von Penguin Random House, in den vergangenen Jahren verfolgt hat. Berichte von irrsinnigen Preisen für Marketingaktionen gibt es zuhauf, Beschwerden von Autoren, denen unzureichende oder falsche Abrechnungen präsentiert wurden, ebenfalls. Im vergangenen Jahr wurde eine Sammelklage gegen diese Praktiken initiiert, und jetzt hat das britische Branchenblatt The Bookseller verkündet, künftig keine Anzeigen mehr von Author Solutions und seinen Tochterfirmen mehr entgegenzunehmen. Ich ziehe den Hut vor meinem alten Kollegen Philip Jones!

Wo wir gerade bei merkwürdiger Zahlungsmoral sind: Der britische Medienhändler WHSmith hat jetzt zähneknirschend seine „Honesty Boxes“ eingestampft, die in 60 Bahnhofsbuchläden installiert waren. Aus München, Wien und anderen Städten kennen wir das Prinzip: Zeitungen liegen in einer Box, die für jedermann zugänglich ist, man vertraut darauf, dass die werte Kundschaft den Obolus entrichtet. Das ging für WHSmith nach hinten los: Viel Müll und wenig Geld fand sich in den Boxen. Schade.

Zum Schluss noch etwas für die Augen: Für Bücherwürmer auf Reisen hat die Huffington Post einige schöne Ideen für besondere Orte zum Lesen, von Dublin über New York bis Bolivien. Viel Spaß beim Gucken!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Meine journalistische Werkstatt macht derzeit Pause, ich bastele weiter an einem Buch. Und morgen gibt es wieder das „Poem for the Weekend.“

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling