Jacqueline Kennedy in Fort Worth, Texas, November 22, 1963

Jacqueline Kennedy in Fort Worth, Texas, November 22, 1963

Erinnern Sie sich an Jackie Kennedy, die spätere Jacqueline Onassis? Und wissen Sie auch, was sie machte, nachdem ihr zweiter Gemahl sich auf den ewigen Segeltörn im Himmel verabschiedet hatte? Lektorin wurde sie, bei Doubleday in New York. Ein schöner, ein strahlender Beruf sei dies einst gewesen, konstatiert die kanadische Zeitung „Globe and Mail“. Und sie fragt mit einigem Recht, was denn eigentlich geworden ist aus der alten Verlegerkultur des intensiven Kontakts zwischen Büchermacher und Autor, und sie bedauert, dass die „liquid lunches“ der Vergangenheit immer mehr einem Akkord-Arbeitsprinzip gewichen sind, in dem unterbezahlte freie Lektorats-Dienstleister nach Zeile bezahlt werden und entsprechend wenig Herzblut an ihre Arbeit verschwenden, was nicht unbedingt beiträgt zum Strahlen der Gegenwartsliteratur.

Gut, es geht hier um Kanada, einen Markt also, der deutlich kleiner ist als der deutsche und zusätzlich mit der Dominanz britischer und US-amerikanischer Autoren und Verlage (und, in Québec, mit den Kollegen aus Frankreich) zu kämpfen hat. Aber die Situationsbeschreibung, die da vorgelegt wird, ist nicht allzu weit entfernt von dem, was auch bei uns immer mehr zum Standard werden dürfte. Sämtliche großen literarischen Verlage in Kanada haben in den vergangenen Jahren ihre Lektorate empfindlich zusammengestrichen und nutzen die Dienste von Freiberuflern. Der Verband der freien Lektoren ist inzwischen der mitgliedsstärkste Branchenverband in der kanadischen Buchindustrie. Typisch für die Situation ist ein Zitat, das eine nicht genannte Agentin aus einem Gespräch mit einem Verlagschef kolportiert: „Wir können nicht 40 Stunden Arbeitszeit für das Lektorat eines Romans aufwenden“, soll ein Verlagsvertreter gesagt haben.

40 Stunden Arbeit, um einen Roman zu bearbeiten, um gemeinsam mit dem Autor/der Autorin einen Text zu schaffen, der ein bisschen besser ist als das Rohmanuskript – zu viel Arbeit? 40 Stunden Arbeit, um die Leseerfahrung zu verbessern und damit auch die Verkaufbarkeit des Buches – zu viel Arbeit?

Nicht nur bei solchen Aussagen stellt sich die Grundsatzfrage: Warum zum Teufel soll ein Autor darauf warten, dass sich ein Verlag seiner erbarmt? Und wenn dann ein Blick auf die Bestsellerlisten offenbart, dass die Verlage ihre Ressourcen lieber in beliebige TV-Nasen oder in Dünnpfiff à la Sarrazin (jetzt will auch noch die Gattin schreiben, Himmel hilf!) oder in bisswütige Serientäter wie Stephenie Meyer investieren, wenn der kurzfristige Hype (erinnern Sie sich noch an das kleptoscribierende Fräulein Hegemann?) alles überstrahlt, was für das Marketing wirklich ernstzunehmender Literatur unternommen wird, dann stellt sich wirklich die Frage nach dem Rollenverständnis und der Funktion der Verlage, jedenfalls derer, die nicht ausdrücklich in der Nische ihr zuhause haben:  Sind die Massenmarkt-Dompteure wirklich noch Verlage oder sind sie eigentlich eher als Papierverschmutzungsanstalten aktiv?

Besonders drastisch macht sich die Lektoratsverweigerung im Sachbuch und im Ratgebereich  bemerkbar. Ein Beispiel: Bei fast jedem Kochbuch, das ich zur Rezension zugeschickt bekomme, entdecke ich Schlampereien in der Warenkunde, falsche Gewichts- und Flüssigkeitsangaben oder vergessene Rezeptbestandteile. Gut, dann geht halt mal der Kuchen nicht auf oder der Fisch bleibt an seinen Gräten kleben, das ist bedauerlich, aber nicht gefährlich. Aber immerhin ist in den USA der Leidensdruck, der durch falsche oder unwahre Schilderungen in Sachbüchern ausgeht so groß, dass das Branchenmagazin „Publishers Weekly“ eine eigene Konferenz zum Thema „Truth in Nonfiction: What Is the Publisher’s Responsibility?“ abhält.

In Nordamerika ist als Reaktion auf die Verweigerungshaltung der Verlage gegenüber ihrer ureigensten Aufgabe inzwischen eine schwergewichtige Selbstverlegerkultur erwachsen, die pro Jahr etwa doppelt so viele Titel auf den Markt bringt wie die Verlage. Es ist absolut nicht mehr unüblich, dass Autoren auf eigene Faust und eigene Rechnung freie Lektoren beauftragen, die ihre Texte zu Marktreife entwickeln; und viele dieser Autoren/Verleger bedienen sich mit großem Geschick der Klaviatur der Social Media, um den Absatz ihrer Texte zu befeuern.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen:  Ich halte nichts vom Selbstverlegen aus Prinzip. Verlage sind in meinen Augen durchaus eine literarische Hygienevorrichtung, deren Schutz ich nicht missen möchte. Und bisher hat mich auch noch niemand zu überzeugen versucht, dass ich falsch liege, wenn ich sage dass 99 Prozent der von Verlagen abgelehnten Manuskripte völlig zu recht unveröffentlicht bleiben. Und natürlich weiß ich auch, das nicht alle Verlage knausern beim Lektorat.

Aber die Tendenz, die für Kanada und die USA konstatiert wird, macht sich auch hierzulande inzwischen deutlich bemerkbar. Und das finde ich bedauerlich.