Liebe Gemeinde,

heute geht es um einen klugen Kollegen, Bücher und Pubs, hoffnungslose E-Book-Riesen, Elefantenhochzeit in Russland, Dichtermord in Teheran und mehr.

sochi-thunderclap-Copy-211x300Bevor wir in die Ferne schweifen, möchte ich kurz hinweisen auf eine Kontroverse, die kürzlich das Paralleluniversum, das wir Buchbranche nennen, erschüttert hat, jedenfalls in Teilen. Da hatte der Säzzer Friedrich Forssmann im Suhrkamp-Blog eine wütende Abrechnung mit der E-Book-Welt vorgenommen und seinen geliebten Arno Schmidt herangezogen, dessen Werke es nie elektronisch geben werde. Abgesehen von der Tatsache, dass ein großer Teil der Schmidt’schen Texte als Digitalisate im Internet herumtoben und dass Forssmann bei seiner schäumenden Suada ein bisschen zu sehr den Wutbürger raushängen lässt, hat der Mann nicht ganz Unrecht: E-Books sind typographischer Müll, und wir liefern uns ziemlich naiv der Datensammelwut der Großanbieter aus.
Wichtiger aber als der Forssmann-Rant, der niemanden auch nur ein Stück weiterbringt, ist die Replik, die Volker Oppmann, ebenfalls im Suhrkamp-Blog, veröffentlicht hat. Dort schreibt er der Buchbranche einige grundlegende Dinge hinter die Ohren, die man gerne öfter so deutlich formuliert sehen würde:

„Wir als Branche haben uns hier zwar zuhause gefühlt, haben es uns so weit wie möglich hübsch eingerichtet, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass wir weder Quell noch Hort der (Schrift-) Kultur sind, sondern ihr Diener. Unsere Hauptfunktion besteht darin, zwischen Text-Produzenten = Autoren und Text-Konsumenten = Lesern zu vermitteln, wozu wir uns heute anderer Methoden, Techniken, Abläufe, Produkt- und Organisationsformen bedienen müssen als in der Vergangenheit. Und wenn wir es nicht schaffen, unsere Rolle an die neuen Erfordernisse anzupassen, werden wir den Weg aller Hausangestellten gehen, d.h. es wird uns schlichtweg nicht mehr geben.“

Ja, und nochmals ja! Oppmann liefert eine Situationsbeschreibung, die intelligent, konstruktiv und zukunftsweisend ist. Mit ein bisschen Glück nehmen sich das ja die Meister des hohlen Wortes auf konservativer wie vermeintlich progressiver Seite zu Herzen. Ich empfehle angelegentlich die Lektüre. Und wenn wir schon von Volker Oppmann sprechen, dann soll auch seine LOG.OS-Initiative erwähnt sein; vielleicht kommt die Branche ja wirklich zusammen, um die Zukunft gemeinsam anzupacken.

Dass geistvolle Lektüre und geistige Getränke seit Jahrhunderten eine Symbiose eingehen, ist Ihnen wohlvertraut. Im schönen Cornwall gehen zwei Pubs jetzt weiter: Sie fungieren gleichzeitig als Bibliotheken. Dahinter stecken zwei große Strukturkrisen, die mein geliebtes Königreich erschüttern: Zum einen sind seit Beginn der Koalition von Tories und LibDems die Mittel für Bibliotheken drastisch zurückgefahren worden, hunderte haben in den vergangenen drei Jahren dicht gemacht (so wurde in dieser Woche bekannt, dass in Liverpool der Bibliotheksetat um die Hälfte gekürzt werden muss). Besonders perfide: Viele Bibliothekare, die ihren Job verloren haben, werden eingeladen, als freiwillige Helfer ihren alten Job weiter zu machen – natürlich ohne Bezahlung.  Sie finden das schamlos? Man hat sich in Britannien an solche Aktionen gewöhnt – das alte Diktum von Margaret Thatcher: „there is no such thing as society“ wird von Cameron und seinen Konsorten eifrig mit Leben gefüllt.
Die zweite Krise betrifft die Pubs: Anders als in Deutschland gehören die meisten Kneipen zu riesigen Ketten, die allerdings wenig Interesse haben am Bierausschank – es geht um wertvolle Immobilien. Pro Woche, so hört man, werden 40 Pubs in Großbritannien geschlossen. Das nenne ich eine echte Krise!
Hinter der Idee, die Pubs auch als Bibliothek zu nutzen, steckt die Initiative „Pub ist he Hub“, und die wird kräftig gefördert von Prince Charles. Sage keiner, die Royals wären unnütz!

Dass Barnes & Noble unnütz ist, werden Sie von mir nicht zu hören bekommen. Bei seinem Nook-Ableger zeigt der US-amerikanische Buchhandelsriese aber seit Jahren, wie man durch miserables Management auch die schönsten Ansätze ruinieren kann. Was war das eine Freude, als ich 2010 meinen ersten Nook Color auspackte – endlich mal ein Lesegerät, das nicht als ästhetisches Abfallprodukt daherkam. Schon damals hieß es immer wieder, die internationale Ausbreitung stünde kurz bevor – außer Ankündigungen ist seither nichts passiert, außer einer Mini-Präsenz in Großbritannien. Im vergangenen Jahr hieß es dann, der Nook-Shop werde in 30 Ländern verfügbar gemacht, allerdings über die Windows 8-Lese-App des Anteilseigners Microsoft – und dessen Anteil am App-Markt ist kaum messbar. Haben Sie schon bemerkt, dass der Nook-Shop auch in Deutschland verfügbar ist? Eben. Immerhin gibt es seit zwei Jahren einen BN-Briefkasten am Potsdamer Platz in Berlin. Angesichts der lausigen Geschäftsentwicklung beim Nook ist das auch wohl alles, was man sich leisten kann. Jetzt sorgte eine Email für Aufregung bei Verlegern in Brasilien: Ob man geneigt sei, Bücher auch über eine neue BN-Plattform zu verkaufen, hieß es da. Und dass der Start unmittelbar bevorstehe. BN hatte im Vergangenheit mit dem brasilianischen Filialisten Saraiva über eine Kooperation verhandelt, natürlich (wie eigentlich immer) ohne konkretes Ergebnis. Die brasilianischen Verlage sollten nicht in verfrühte Begeisterung ausbrechen – BN hat es bislang immer geschafft, sich ins Knie zu schießen.

Minimale Marktanteile sind auch der Grund dafür, dass Sony sich jetzt aus dem E-Book-Geschäft zurückzieht, zunächst in den USA und Kanada. Der Reader-Shop wird Ende März geschlossen, die treue Kundschaft wird gebeten, zu Kobo zu wechseln. Auch hier können wir aufs Feinste bewundern, wie Fehlleistungen des Managements ein eigentlich erfolgsversprechendes Projekt kaputt gemacht haben. Ausgerechnet der Entertainment-Riese Sony, der jahrzehntelang die schönsten und innovativsten Produkte auf den Markt brachte, hat den mobilen Markt so ziemlich verpennt. Auf iTunes hatte das Unternehmen, das den Walkman erfunden hat, ebenso wenig eine Antwort wie auf den Kindle-Shop von Amazon. Bei der Hardware sieht es nicht besser aus: Ob Tablet oder Smartphone – Apple und vor alle Samsung sind rotzfrech vorbeigezogen. Im vergangenen Jahr machte Sony mit Billig-Aktionen für E-Books kurzfristig von sich reden; Amazon konnte das mit müdem Schulterzucken parieren. Die

neueste Version des Sony-Lesegeräts wurde in den USA schon gar nicht mehr an den Start gebracht. Auch bei uns wurden im Buchhandel die Sony-Lesegeräte von den Kunden geschätzt; ob es die noch lange geben wird, ist zweifelhaft.

Wir verlassen die gebeutelten Unternehmen und schauen nach Russland, wo die Großverlage Eksmo und AST ihr Zusammengehen besiegelt haben. Bereits 2012 wurde ein Joint Venture der beiden Riesen verkündet, deren gemeinsamer Marktanteil auf rund 20 Prozent beziffert wird; der kombinierte Umsatz beträgt knapp 400 Millionen US-Dollar. Damit  Beide Unternehmen waren in den vergangenen Jahren stark gewachsen, AST hatte allerdings zuletzt mit finanziellen Problemen zu kämpfen gehabt. Für die lieben Kollegen ist die Freude begrenzt: Beide Firmen sind in der Vergangenheit nicht aufgefallen durch allzu fürsorglichen Umgang mit der Konkurrenz, und ich kenne so manche Geschichte von leidgeprüften internationalen Verlagen, deren Lizenz-Kooperationen sich auf wundersame Weise in Luft auflösten und deren lizensierte Produkte sich in verdächtig ähnlicher Aufmachung als Eigenprodukte des einst geschätzten Partners im Buchhandel wiederfanden. Die größte Buchhandelskette Russlands entsteht bei der Veranstaltung übrigens auch, mit insgesamt 500 Filialen.

Wo wir bei Russland sind: Präsident Putin

und seine Anhänger sonnen sich derweil im Glanz der Olympiade von Sotschi. Die Proteste und Diskussionen, die es im Vorfeld gab, sind aus den Köpfen verschwunden. Daran hat auch der Appell von mehr als 200 Schriftstellern nichts geändert, die von Putin Achtung vor der Menschenwürde und der Freiheit des Wortes eingefordert hatten. Putin kann so etwas locker aussitzen: Wenn das Milliardenspektakel vorbei ist, wird kein Hahn mehr krähen nach Menschenrechten in Russland. Business as Usual, wieder einmal.

Nochmal zurück zu E-Books: Inzwischen ist die Zahl der Anbieter und Dienstleister beträchtlich. Rüdiger Wischenbart, Autor des Global Ebook Report, startet jetzt die internationalen Gelben Seiten für diesen Markt. Bis 10. März werden Eintragungen entgegen genommen – ich finde so etwas nützlich und unterstütze das gerne.

Hashem Shaabani

Hashem Shaabani

Wenn hierzulande jemand etwas schreibt, das unliebsam ist, gibt es als Reaktion allenfalls hochgezogene Augenbrauen. Andernorts ist das anders, wie wir wissen. Im Iran ist, wie jetzt bekannt wurde, am 27. Januar der Lyriker Hashem Shaabani hingerichtet worden. Seit drei Jahren war er inhaftiert, wurde gefoltert und verurteilt wegen Anstiftung zum „Krieg gegen Gott“ und anderer Merkwürdigkeiten. Shaabani hatte sich in der Vergangenheit für die Rechte der arabischen Minderheit im Iran eingesetzt. Seit Jahresbeginn wurden im Iran mindestens 40 Menschen hingerichtet.

Hashem Shaabani wurde nur 32 Jahre alt. Er ist bei weitem nicht der erste Schriftsteller oder Intellektuelle, der dem Wüten der iranischen Mullahs zum Opfer gefallen ist. Der Dichter Sa’id Sultanpur wurde an seinem Hochzeitstag auf Geheiß des Ayatollah Khomeini verschleppt und in einem Teheraner Gefängnis erschossen. Rahman Hatefi, der unter dem Pseudonym “Heydar Mehregan” schrieb, wurden im Evin-Gefängnis die Pulsadern aufgeschlitzt, man ließ ihn verbluten. Unter der Führung des Präsidenten Rafsanjani wurde versucht, gleich einen ganzen Bus voll iranischer Dichter auszulöschen, die auf dem Weg zu einem Festival in Armenien waren; der Plan misslang. Trotzdem: Unter Rafsanjanis Ägide wurden mehr als ein Dutzend Schriftsteller ermordet, in der Regentschaft von Präsident Khatami traf es mehr als 80 Intellektuelle, darunter die Lyriker Mohammad Mokhtari und Mohammad-Ja’far Pouyandeh.

قد حرق القتلة في الجحيم

hge (c) 2013 ehlingmediaMit dieser traurigen Nachricht soll es genug sein für diese Woche. Ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen gefallen und dass Sie mir treu bleiben. Und morgen gibt es wieder das „Poem for the Weekend“.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling