Liebe Gemeinde, diesmal geht’s um arme und reiche Schreiber, Argentinien, Indonesien, Bücherklau und mehr.

Carl Spitzweg, Der Arme Poet (1839)

Carl Spitzweg, Der Arme Poet (1839)

Traumberuf Schriftsteller? Wenn man sich die stürmische Entwicklung des Self Publishing anschaut, könnte man das tatsächlich meinen. Umso ernüchternder ist dann der Blick auf den Verdienst, den die Schreiber erzielen. Eine Studie hat sich die Einkommenssituation von Autoren in den USA und Großbritannien angeschaut. Das traurige Ergebnis: bei den allermeisten kommen nicht einmal 1000 US-Dollar zusammen – im Jahr. Insgesamt 9210 Schreiber nahmen an der Befragung teil – von Anfängern (65 Prozent) über Verlagsautoren (8 Prozent), Selfpublisher (18 Prozent) und „Hybrid“-Autoren, also solche, die sowohl in Verlagen wie auch auf eigene Faust publizieren (6 Prozent). Dass bei Anfängern und Selfpublishern der finanzielle Ertrag eher niedrig ist, mag man wohl erwartet haben. Aber 53,9 Prozent der Verlagsautoren und 43,6 Prozent derer, die hybrid unterwegs sind, gaben an, weniger als 1000 US-Dollar im Jahr zu erzielen. Dass dann nur ein Fünftel der Befragten angaben, dass sie vom Schreiben leben wollen, ist da wenig überraschend. Hugh Howey (Wool), der als Selfpublisher hunderttausende Bücher verkauft hat, weist allerdings im Guardian darauf hin, dass die Studie die aktuelle Situation nur teilweise wiedergibt: „This survey does not capture the fact that self-publishing is going through a renaissance. It expects a group of authors with two or three years of experience and market maturity to line up against the top 1% of authors who have had several generations’ head start.“ Und: „The simple fact is this: getting paid for your writing is not easy. But self-publishing is making it easier. How much easier? We don’t have sufficient data to know. But a conservative estimate would be that five to 10 times as many people are paying bills with their craft today as there was just a few years ago. And that should be celebrated.“ Auch wieder wahr. Wer meint, dass es im deutschsprachigen Raum besser aussieht, täuscht sich. Ich empfehle einen Artikel aus der taz zur Lektüre – er ist zwar schon en paar Tage alt, die Situation hat sich seither allerdings eher verschlechtert. Selbst der ehrenwerte Paul Maar zuckt in einem Beitrag im Spiegel resigniert die Schultern, wenn er auf die Marktchancen für junge Autoren angesprochen wird. Nicht schön. Natürlich gibt es auch die Beispiele von Autoren, die enorme Summen verdienen: Die sind dann meistens in der Genre-Fiction zuhause und produzieren verlässliche Wegwerf-Bestseller – Janet Evanovitch, James Patterson und Dan Brown seien nur genannt, oder auch die unvermeidliche Joanne Rowling. Sie erwirtschaften mit ihren Ergüssen Millionensummen, sowohl für sich selbst wie auch für ihre Verlage. Mit dieser Erfolgsgarantie rechtfertigen sie die hohen Investments der Verlage ins Marketing ihrer Titel; die Erfolge dieser Bücher machen es in der üblichen Mischkalkulation der Verlage möglich, Experimente anderswo zu wagen. Besonders ärgerlich ist hingegen die Spezies der Promischreiber, die ihre manchmal recht zweifelhafte Berühmtheit mit Buch-Deals aufmöbeln, die von Verlagen – meist sind dies Konzernverlage – mit Irrsinnssummen honoriert werden, die in aller Regel nicht wieder hereinkommen. Die britische Prinzengattinsschwester Pippa Middleton bekam angeblich für einen Wälzer zum Aufregerthema Partyplanung mehr als 400.000 Pfund Vorschuss vom Penguin-Imprint Michael Joseph gezahlt. Das Buch wurde zum „Royal Flop“, Verlag und Agentur verabschiedeten sich diskret von der Nachwuchsautorin. Pippa und ihre Kollegen leisten nichts für ihren Verlag, außer Geld abzuziehen, das an anderer Stelle eingesetzt werden könnte. Da lobe ich es mir, wenn ab und zu mal ein Kritiker losholzt gegen diesen Quatsch. Im Daily Telegraph bekommt der Schauspieler BJ Novak einen Schuss vor den Bug, der mit einem Kinderbuch aufwarten will, ein „Bilderbuch ohne Bilder“. Kinder- und Jugendbücher sind ein höchst beliebtes Experimentierfeld für Promischreiber, angefangen von der ehemaligen Prinzengattin Fergie bis zum „Boxenluder“ Katie Pryce, die schon mehr als 30 Bücher verfasst hat oder verfassen ließ. „Ein Bilderbuch ohne Bilder ist – ein Buch“, motzt unser Kritiker und gibt gleich noch Jim Carrey, Madonna, John Travolta, Whoopi Golderg, Gloria Estefan und dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter einen auf die Nase, die in den vergangenen Jahren den Himmel über den Kinderbuchabteilungen der Buchläden verdunkelt haben. Wie man E-Books unter die Leute kriegt, ist für viele Verlage noch ein Buch mit sieben Siegeln. Ausleihmodelle sind für viele hierzulande noch Tabu. In den USA erleben diese Dienste, die gerne unter Schlagwörtern wie „Spotify für Bücher“ segeln, derzeit einen Boom. Scribd oder Oyster für den allgemeinen Publikumsmarkt, Reading Rainbow, BookBoard, Sesame Street und andere für Kinder- und Jugendbücher – ein Mangel an Anbietern existiert nicht. Jetzt geht noch ein weiterer solcher Ausleihdienst für elektronische Kinderbücher an den Start: Epic bietet zunächst 2000 Titel für Apple-Geräte an, Android kommt demnächst. 79,99 US-Dollar kostet der Spaß pro Jahr. Das Problem: Amazon bietet in den USA mit Kindle Free Time Unlimited ein Riesenangebot von Spielen, Videos, E-Books und Apps zur Ausleihe. Wir steuern also mal wieder auf einen Verdrängungswettbewerb zu. Ich habe auch schon eine Ahnung, wer am Ende der Gewinner sein wird. Die Buchmärkte in Lateinamerika sind seit Jahrzehnten gebeutelt von den wirtschaftlichen Fährnissen ihrer nationalen Volkwirtschaften. Jetzt scheint es mit Argentinien den – nach Spanien, Mexiko und den USA – viertgrößten spanischsprachigen Buchmarkt zu treffen: Die Inflation ist auf 25 Prozent gestiegen, der Peso hat dramatisch an Wert verloren. Ein erheblicher Teil der Bücher, die in dem Land verkauft werden, sind Importware, die auf Dollarbasis abgerechnet wird. Die neuen Preise wird kaum noch jemand bezahlen können. Und für Elektrogeräte, darunter auch Tablets und E-Reader, gab es in der vergangenen Woche nicht einmal mehr Preisangaben in den Läden. Immerhin: Die argentinischen Verleger haben seit den 1980er Jahren schon dermaßen viele Krisen überstanden, dass man hoffen darf, dass sie sich auch diesmal mit List und Tücke durchschlagen werden. Ich drücke die Daumen. Im Jahr 2010 hatte sich Argentinien als Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse präsentiert, für 2015 steht Indonesien auf dem Plan. Über den Stand der Vorbereitungen macht sich Literary Salon Gedanken und grummelt vernehmlich über fehlende Informationen und erkennbare Bemühungen, die Literatur Indonesiens für übersetzende Verlage schmackhaft zu machen. Schön zu sehen, dass das Schicksal der Buchmesse-Ehrengäste Interesse erregt, allerdings kann ich aus Erfahrung nur sagen, dass die beschriebene Situation seit 1988, als die jeweiligen Gastländer die Verantwortung für ihren Auftritt übernahmen, stets genauso war. Nur weil knapp zwei Jahre vor der Buchmesse noch nichts brauchbares im Internet zu finden ist, bedeutet das noch längst nicht, dass der Auftritt in Gefahr ist. Liebe Leser, Sie lieben Bücher – sonst würden Sie diesen Blog wohl nicht lesen. Und manchmal sehen wir Bücher, die wir unbedingt haben müssen, aber nicht bezahlen können. Ich selbst habe tatsächlich noch nie im Leben ein Buch geklaut (Ehrenwort!), aber da gibt es natürlich auch Leute, die eine weniger protestantische Erziehung genossen haben. Vor kurzem habe ich eine Lebensbeichte einer Buchdiebin entdeckt, die gleichzeitig eine Liebeserklärung an Buchläden ist. Sie möge Ihnen zur moralischen Stärkung dienen. hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich hoffe, Sie bleiben mir treu. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende. Herzlichst, Ihr und Euer hge Aus meiner eigenen Werkstatt:

  • Gespräch im WDR zur Weltbild-Insolvenz