(c) Joanne Walsh

(c) Joanne Walsh

Liebe Gemeinde,

heute geht’s um Bücher und Frauen, Amazons Geschäftsmodell, Krise der Filialisten, Coming Out in Afrika, schlechte Christen, Selfpublisher, vergessliche Leser und mehr.

Wussten Sie, dass 2014 das Jahr ist, im dem wir Frauen lesen? Nein? Nun ja, jetzt wissen Sie’s. Wenn es nach Joanne Walsh geht, sollten wir in diesem Jahr vor allem Bücher von Frauen lesen und, insofern wir Rezensionen verfassen, auch darüber schreiben. Nötig wäre es. In den USA und in Großbritannien ist das Missverhältnis bei der Aufmerksamkeit, die schreibenden Männern und Frauen zuteil wird, krass: Nimmt man die Zahlen von Vida zur Hand, der US-amerikanischen Organisation von Frauen in der Literatur, sieht man, dass im New York Review of Books im Jahr 2012 schäbige 16 Prozent der Rezensionen von Frauen verfasst wurden und nur 22 Prozent der besprochenen Bücher von Frauen stammten. Der Guardian kam bei einem Blick auf die Situation im März 2013 darauf, dass im London Review of Books nur 8,7 Prozent der besprochenen Bücher von Frauen stammten. Im New Statesman waren es 26,1 Prozent, im Guardian selbst 34,1 Prozent. Vielleicht zählt ja mal jemand die Werte für die FAZ, die Zeit, Süddeutsche und die Neue Zürcher Zeitung aus?

Dass Amazon einen ungeheuren Umsatz macht, wissen wir schon lange. Auch 2013 war das nicht anders: 75 Milliarden US-Dollar kamen weltweit zusammen – zum Vergleich: Der deutsche Buchmarkt, der größte in Europa, kommt auf einen Jahresumsatz von um die 9 Milliarden Euro. Bei diesem Riesenumsatz verbuchte Amazon allerdings nur 275 Millionen US-Dollar Gewinn, das ist eigentlich lausig schlecht. Allerdings haben geringe Gewinne bei Amazon Tradition: Seit Unternehmensgründung vor 19 Jahren hat Jeff Bezos seinen Investoren niemals wirklich saftige Renditen beschert. Das hat weniger mit unfähigem Management zu tun, sondern damit, dass Amazon bis heute Riesensummen in Technik und Logistik investiert, nicht zu vergessen die unzähligen Preisaktionen, mit denen der Riese aus Seattle immer wieder die Konkurrenz zur Verzweiflung treibt. Der Kollege Will Oremus hat Jeff Bezos einen „King Midas in Reverse“ genannt: Alles Gold, das er anfasst, verwandelt sich in irgendetwas anderes – vor allem in Marktanteile. Seit 19 Jahren wird Bezos dafür von seinen Investoren gefeiert. Man darf getrost davon ausgehen, dass er auch in Zukunft Mittel und Wege findet, um jeden Dollar, den das Unternehmen einnimmt, auch wieder auszugeben.

Erinnern Sie sich noch an Rocket eBook oder Softbook? Zugegeben, es ist lange her, dass damit der Versuch gemacht wurde, elektronische Lesegeräte für das Publikum im Markt zu etablieren. Es ging damals schief. Ich bin über eine etwas ältere Geschichte zur Entwicklung von E-Books gestolpert, in der anschaulich die Entwicklung seit 1971 gezeigt wird. Klicken Sie mal rein, die Sache liefert Stoff für den Smalltalk. Natürlich setzt der Autor den Start der E-Books bei der legendären Digitalisierung der US-Unabhängigkeitserklärung an, die Michael Stern Hart am 4. Juli 1971 in das System der Universität von Illinois stellte und später das Project Gutenberg startete. Gerne übersehen bei solchen Darstellungen wird aber, dass bereits 1949 die Galizierin Ángela Ruiz Robles ihre „Enciclopedia Mecánica“ in Spanien patentieren ließ, mit der sie viele Funktionen unserer Lesegeräte vorweg nahm. Womit Sie noch etwas mehr Futter für den Smalltalk bekommen haben.

 

es wurde eine zunehmende Konkurrenz in Form von Großflächenbuchhandlungen, Ketten- und Filialunternehmen prognostiziert, die zwar neue Käuferschichten bedienen können, für ihren Unternehmenserfolg jedoch mehr Kapital benötigen sowie mehr Kompetenz in Sachen Marketing und Betriebsführung
Klaus Bramann

 

SelexyzIch hatte Ihnen ja bereits am Mittwoch erzählt, dass Polare die Türen seiner 20 Läden in Belgien und den Niederlanden „vorübergehend“ geschlossen hat, darunter auch einer meiner Lieblingsläden, das Selexyz Dominicanen in Maastricht. Die Chancen, dass diese Türen irgendwann wieder geöffnet werden, stehen nicht allzu gut. Weltbild schüttelt derzeit die deutsche Buchbranche durch, Virgin und Chapitre in Frankreich haben dicht gemacht, Thalia wird seit Jahren künstlich beatmet und auch Hugendubel, Partner von Weltbild in der DBH-Allianz, steht alles andere als gut da.
Klaus Bramann – vielen von Ihnen aus seiner Tätigkeit am mediacampus (früher: Buchhändlerschule) des Börsenvereins bekannt, erinnert sich im BuchMarkt an Prognosen vom Anfang der 1990er Jahre: „es wurde eine zunehmende Konkurrenz in Form von Großflächenbuchhandlungen, Ketten- und Filialunternehmen prognostiziert, die zwar neue Käuferschichten bedienen können, für ihren Unternehmenserfolg jedoch mehr Kapital benötigen sowie mehr Kompetenz in Sachen Marketing und Betriebsführung“.
Wenn man sich die Leidensgeschichten der großen Filialisten anschaut – und dazu gehören auch die Pleiten von Borders in Großbritannien und den USA, Whitcoull’s in Neuseeland und Angus & Robertson in Australien, liegt bei den beiden „K“, also Kapital und Kompetenz, wohl überall der Hase im Pfeffer. Nichts gegen Betriebswirte, aber in den meisten Fällen ging die Chose in die Hose, sobald die Zahlenheinis das Ruder übernommen hatten und mit ihren ewigen Kostendrückereien die Kernkompetenzen des stationären Buchhandels, nämlich inhaltliche Kompetenz, Beratungsstärke und Servicequalität, gegen den Baum fuhren. Waterstones in Großbritannien ist vielleicht der beste Beleg: Erst seit der leidenschaftliche Büchermensch James Daunt dort das Ruder übernommen hat, geht es allmählich wieder aufwärts, langsam und mit Schmerzen, aber doch eindeutig.
Polare, Weltbild und die anderen sind kein Anzeichen einer strukturellen Krise, sie sind eine deutliche Aufforderung, sich auf die Kernkompetenzen des Buchhandels zu besinnen und diese mit Nachdruck einzusetzen.

Homosexualität ist in Afrika ein schwieriges Thema: In vielen Ländern bestehen drastische Gesetze und die traditionelle Kultur hat für gleichgeschlechtliche Liebe fast überall nur Verachtung übrig. Umso bemerkenswerter ist das Coming Out des kenianischen Schriftstellers Binyavanga Wainaina, das er in den vergangenen Wochen mit einer klugen Medienkampagne inszeniert hat. Zunächst veröffentlichte er einen Blogpost mit dem Titel „I‘m a homosexual, mum“, in dem er sich seiner verstorbenen Mutter offenbart. Nachdem dies bereits für einiges Aufsehen gesorgt hatte, folgte ein sechsteiliges Manifest auf Youtube, in dem er über sich selbst, sein Leben, die Probleme in Afrika und der afrikanischen Literatur spricht und die Gründe für sein Vorgehen darlegt. Die Reaktionen in Afrika waren heftig: Drohungen und Beschimpfungen erntete er zuhauf, Zustimmung und Verständnis waren rar.

Wainaina ist nicht irgendwer: 2002 gewann er den renommierten Caine Prize, 2007 wurde er vom Weltwirtschafts-Forum als „Young Global Leader“ nominiert – was er allerdings ablehnte. Seine Literaturzeitschrift Kwani? hat große Bedeutung für junge afrikanische Autoren. Derzeit lebt Wainaina in den USA, wo er am Bard College im Bundesstaat New York in die Fußstapfen des großen Chinua Achebe tritt.
Ob sein Schritt folgen haben wird für den Umgang mit Homosexualität in Afrika? Ich fürchte nicht. Meine Bewunderung für seinen Mut ist ihm gleichwohl gewiss.

Dass Self Publishing ein für die Zukunft höchst bedeutender Faktor sein wird, ist mittlerweile in der Branche angekommen. Allüberall hängen sich Verlage jetzt hinein und gründen eigene Plattformen, um in dem Geschäft nicht abgehängt zu werden. Dabei gibt es natürlich auch schwarze Schafe, und ein besonders unschönes Exemplar dieser Spezies hat jetzt in den USA dicht gemacht: Wine Press Publishing. Mit christlichen Inhalten (religiöse Themen sind im US-Buchmarkt enorm wichtig) der Klientel sollte das Seelenheil der Welt gerettet und das Säckel der „Sound Doctrine Church“, die hinter der Sache steht, gerettet werden. Leider gab es in den vergangenen Jahren vor allem Betrugsvorwürfe und viel Streit, Ärger und Prozesse, die Kunden und Ex-Mitarbeiter gegen das Unternehmen führten. Jetzt hat die schwarze Seele von Wine Press also Ruhe. Ob nach dem Exitus der Weg zur seligen Ruhe oder ins Höllenfeuer geführt hat, ist wohl an höherer Stelle entschieden worden.

Viele Verlage und Selfpublisher sehen in Buchtrailern ein probates Mittel zur Werbung für ihre Erzeugnisse, und auch viele Verlage sind eingestiegen. Auch das scheint mehr das Ergebnis von Hoffnung als Erfahrung zu sein, jedenfalls wenn man eine Studie der Uni Mainz zum Thema glaubt: Die Werbefilmchen steigern das Leseinteresse auch nicht mehr als ein Klappentext. Und spannender erscheint das Buch den Lesern auch nicht, von denen hatte im Übrigen nur jeder Fünfte den Trailer zum Buch überhaupt wahrgenommen. Fazit: Ist das Filmchen auch recht schön, bleibt es meist doch ungesehen.

Die Spuren des Lesens sind in vielen Büchern zu finden, vom Eselsohr über Kaffeeflecken bis hin zu mehr oder weniger gescheiten Randnotizen. Ich habe kürzlich einen vergnüglichen Artikel einer Bibliothekarin gefunden, in denen sie beschreibt, was so die Ausleiher so alles mit den Büchern anstellen.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen gefallen und dass Sie mir treu bleiben. Und morgen gibt es wieder das „Poem for the Weekend“.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

Beitrag bei etailment.de über die E-Book-Verschenkaktion des Supermarktriesen Sainsburys.

Herzlichst

Ihr und Euer

hge