Hugendubel München (c) ehlingmedia 2014

Hugendubel München (c) ehlingmedia 2014

Liebe Gemeinde,

in dieser Woche geht es um hybride Leser, Indie-Buchhändler, Nook, Indien, China, Herrn Hitler, Buch-Tattoos und mehr.

In den vergangenen Jahren hatten die Kassandras Konjunktur, die uns verkündeten, dass das gute alte Buch mindestens am Abgrund der Lesergunst steht, aber eigentlich schon zum Sturzflug angesetzt hat. Das taugt natürlich, um die lieb gewonnene Branchendepression zu befeuern und passt prima in den digitalen Hype. Aber: Es stimmt nicht. Eine US-Studie für das Jahr 2013 hat jetzt ergeben, dass im „Land of the Free“ Lesen insgesamt Konjunktur hat. 28 Prozent der US-Amerikaner gaben an, mindestens ein E-Book gelesen zu haben (plus 5 Prozentpunkte), und rund 70 Prozent haben mindestens ein gedrucktes Buch gelesen (plus 4 Prozentpunkte). Nur 4 Prozent der Befragten gaben an, grundsätzlich nur E-Books zu lesen.
Im Umkehrschluss zeigt die Studie, dass 24 Prozent der US-Amerikaner im Jahr 2013 überhaupt kein Buch gelesen haben. Schön aber: Wer überhaupt liest, verschlingt im Schnitt 12 Bücher, ob gedruckt oder elektrisch, pro Jahr.

Dazu passt die gute Stimmung, die vom Winter Institute des amerikanischen Buchhändlerverbands vermeldet wird. Besonders die unabhängigen Buchhändler in den USA haben im vergangenen Jahr gute Geschäfte gemacht, und es wurden mehr Läden eröffnet als geschlossen. Dabei halfen auch Aktionen wie der „Indies First Day“ bei dem Autoren in die Läden gingen und die Kunden bedienten.
Des einen Freud ist des anderen Leid: Barnes & Noble, der größte stationäre US-Buchhändler, musste im Weihnachtsquartal heftige Umsatzrückgänge hinnehmen. In den Läden stand ein Minus von 6,6 Prozent zu Buche, der schwer angeschlagene Ableger Nook Media steckte mit einem Minus von mehr als 60 Prozent sogar einen spektakulären Tiefschlag ein. Dort laufen jetzt die Top-Manager in wilder Fluchtbewegung davon, zuletzt der für die internationale Expansion zuständige Jim Hilt. Ob das heißt, dass wir in Deutschland weiterhin auf den Nook verzichten müssen? Nun ja, wir haben BN bisher noch nicht besonders schmerzlich vermisst.

Dass der größte US-Buchhändler Amazon sich mit seinem Verlagsprogramm schwer tut, wissen wir schon länger. Jetzt sucht man offensichtlich höhere Weihen: Amazon startet ein religiöses Imprint mit dem schönen Namen „Waterfall Press“. Ob der Herrgott sich Herrn Bezos wirklich erbarmt, steht auf einem anderen Blatt…

Nach den USA und Großbritannien hat sich Indien in den vergangenen Jahren zum drittgrößten englischsprachigen Buchmarkt der Welt entwickelt: Eine Studie des Verbands der indischen Industrie- und Handelskammern beziffert das Volumen des gesamten Buchmarkts auf etwa 100 Milliarden Rupien (ca. 1,2 Milliarden Euro), mit einem jährlichen Zuwachs von 30 Pozent. Von den 90.000 Neuerscheinungen, die jährlich auf den Markt kommen, erscheinen etwa 26 Prozent auf Hindi und 24 Prozent auf Englisch. Der Rest entfällt auf andere große Sprachen des Subkontinents wie Urdu, Marathi oder Bengali. Größter Verleger ist der Staat, der den Schulbuchsektor dominiert. Im  Publikumssegment hat sich in den vergangenen Jahren ein veritabler Markt für Genre-Fiction entwickelt, von Krimis über Fantasy bis Liebesromanen; Autoren wie Chetan Bagat oder Preeti Shenoy haben Millionen Fans. Ein großer Teil der Buchproduktion entfällt allerdings auf den Billigsektor: Wegwerfbücher, die zu Preisen von knapp über einem Euro an Bahnhöfen und Kiosken angeboten werden.
Wie in vielen anderen Lebensbereichen leidet allerdings auch der indische Buchmarkt unter den religiösen und ethnischen Spannungen des Landes: In dieser Woche drohte die Nachwuchsorganisation der Hindu-Partei Bharatya Janata damit, das Jaipur Literature Festival zu sprengen, weil dort Autoren aus Pakistan vorgestellt werden sollten. Im vergangenen Jahr hatten muslimische Fundamentalisten das Festival aufs Korn genommen, weil dort Salman Rushdie per Videolink auftreten sollte.

Wir bleiben bei den Freunden des freien Wortes: China, das wissen wir, sperrt mit grimmiger Freude alles und jeden Weg, der auch nur leise Kritik am Regime äußert oder solche Kritik veröffentlicht. Den Verleger Yao Wentian aus Hongkong (Morning Bell Press) hat es Ende Oktober getroffen, wie jetzt bekannt wurde. Er wurde unter einem Vorwand nach Shenzen gelockt und dort inhaftiert. Sein Verbrechen: Er plante die Veröffentlichung eines Buches über den Staatspräsidenten Xi Jinping. Die Botschaft des Staatsapparats ist deutlich: „Störe meine Kreise nicht“.

In der vergangenen Woche hatte ich ihnen vom Rummel um das Buch eines gewissen Herrn Hitler berichtet, das angeblich in einer 99-Cent-Ausgabe die US-amerikanischen E-Book-Charts gestürmt hatte. Der Kollege David Gaughran ist der Sache nachgegangen. Sein Ergebnis: alles Quatsch. Der Amazon-Salesrank der entsprechenden Ausgabe von Mein Kampf lag irgendwo im 8000er-Bereich, was auf 10 verkaufte Exemplare pro Tag schließen lässt. Wir sind beruhigt und loben den Kollegen!

Zu guter Letzt: Die Liebe zu Büchern geht ja vielen von uns unter die Haut. Bei manchen wird die Haut zum Liebesbeweis, wie die Buch-Tattoos zeigen, die auf tumblr präsentiert werden. Manche sind echte Hingucker – viel Spaß beim Schauen!

Aus meiner eigenen Werkstatt gibt es in dieser Woche nichts zu vermelden.

Ich wünsche Ihnen und Euch ein schönes Wochenende – morgen gibt es wieder das „Poem for the Weekend“

Herzlichst

hge