Stanfords London (c) ehlingmedia 2011

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Liebe Gemeinde,

die Weltbild-Insolvenz hat in der vergangenen Woche die Nachrichten aus der Bücherwelt beherrscht. Ich erzähle darüber allerdings nichts: Heute berichte ich Ihnen und Euch von schreibwütigen Briten, russischem Quark, gallischen Helden und mehr. Viel Spaß! Ich freue mich auf Rückmeldungen.

Dass ich das Thema Self Publishing mit besonderem Interesse verfolge, haben Sie ja inzwischen bemerkt. Allerdings habe ich eine Meldung auf Female First mit gebremster Freude gelesen: 28 Prozent der Briten haben sich vorgenommen, im neuen Jahr ein eigenes Buch zu veröffentlichen. Gleichzeitig sagt gut die Hälfte, dass sie keine Ahnung hat, wie das zu bewerkstelligen ist. Nun ja – die Erfolge von Frau James und ihren 50 Shades spuken wohl in vielen Köpfen herum. Interessanterweise wollen die meisten aber Kochbücher schreiben, an zweiter Stelle folgt die persönliche Lebensgeschichte, die man erzählen will. Beide Aussichten erfüllen mich mit Sorge: Kochbücher sind vertrackte Dinger – ich rezensiere sie seit Jahren und bin immer wieder entsetzt über die handwerklichen Fehler, die selbst bei erfahrenen Lektoraten durchgehen. Und kaum jemand beherzigt die alte Kochbuchschreiber-Weisheit: Wenn schon Fehler unterlaufen, darf es keine überlebenden Zeugen geben. Die Idee „persönliche Lebensgeschichte“ erinnert mich an die schlimmsten Zeiten der Druckkostenzuschuss-Verlage, als krachend langweilige und peinlich schlecht geschriebene Machwerke gegen enorme Summen produziert und ihren terminal verwirrten Autoren ins Haus geliefert wurden, von wo sie dann zur Qual von Freunden und Verwandschaft verwendet wurden.
Das hat mit ernsthaftem Self Publishing, wie es sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, nichts zu tun. Dort sind heute oft echte Schreibprofis am Werk, deren Bücher es mit den Erzeugnissen aus Verlagen durchaus aufnehmen können. Ich bin sicher, dass wir im neuen Jahr in diesem Segment weitere Fortschritte und Erfolge sehen werden, und ich hoffe, dass zumindest der lokale Buchhandel sich auf die Spur dieser Autoren setzen wird, um mit ihnen Veranstaltungen zu machen, die beiden Seiten sicherlich dienen können. Falls Sie sich für das Thema interessieren, schauen Sie doch einmal in der Gruppe Self Publishing auf Facebook vorbei – dort diskutieren inzwischen mehr as 2000 Mitglieder sehr ernsthaft die Probleme und Chancen dieser Art des Veröffentlichens.

Ich friste mein Leben mittlerweile seit mehr als 30 Jahren als Journalist, und ich habe wirklich mehr als genug Unsinn erlebt. Jüngstes Beispiel: In der vergangenen Woche machte die Meldung Furore, Russland habe sich zum drittgrößten E-Book-Markt der Welt emporgeschwungen und Großbritannien verdrängt. Zunächst setzten die Freunde von Publishing Perspectives die Meldung in die Welt, dann zogen die Kollegen von Good e-Reader nach. Was sich beeindruckend anhört, ist nichts weiter als eine wild mit den Flügeln schlagende Ente: Lausige 16,2 Millionen US-Dollar Umsatz werden für 2013 in Russland ins Feld geführt. Der britische E-Book-Markt 2012 belief sich dagegen auf satte 216 Millionen Pfund, war also schon damals gut 20-mal größer als der russische Markt.
Publishing Perspectives ist eine Veranstaltung der Frankfurter Buchmesse, und eigentlich sitzen in der Redaktion ausgeschlafene Leute, die einen solchen Quark ebenso eigentlich nie verzapfen würden. Möglicherweise war die Neujahrs-Party in New York ein wenig heftig… Über den Wachheits-Status bei Good e-Rreader kann ich nichts sagen. Die ganze Geflügelfarm geht zurück auf eine Meldung des Beratungsunternehmens IDC, das sich damit zumindest Aufmerksamkeit gesichert hat. Leider wird dieser Quatsch wohl in die E-Book-Diskussion der nächsten Monate Einzug halten – zwei Klicks im Internet, um die Angaben zu überprüfen, hätten ausgereicht, um das zu vermeiden.

Wenn Sie einen seriösen Einblick erhalten wollen in die internationalen E-Book-Märkte, sollten Sie unbedingt den Global E-Book Report des wackeren Rüdiger Wischenbart lesen.

Amazon einen reinzuwürgen, das ist für Verlage und Buchhändler weltweit eine Traumvorstellung. Der französische Senat hat sich jetzt Applaus der heimischen Buchbranche abgeholt, weil er der aggressiven Rabattpolitik des Onlinehändlers Schranken setzen will. Nicht mehr als 5 Prozent Nachlass soll es geben, einschließlich der möglichen kostenlosen Zustellung. Gleichzeitig wurde beschlossen, für den „Plan librairies“ 9 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, die zur Unterstützung des unabhängigen Buchhandels verwendet werden sollen. Das ist nicht viel Geld, aber immerhin eine deutliche politische Geste, die man sich in anderen Ländern auch wünschen würde. Kulturministerin Aurélie Fillipetti lässt ihren häufig geäußerten Worten Taten folgen. Gut so!

Er ist wieder da...

Er ist wieder da...

In den vergangenen Tagen machte die Meldung Furore, dass Hitlers Mein Kampf Spitzenpositionen im E-Book-Ranking bei iTunes und Amazon einnimmt. Tatsächlich geistern angeblich sechs E-Book-Ausgaben im Netz herum, darunter eine, die ein kalifornisches Unternehmen angeblich für 99 US-Cents anbietet – beim Herumstöbern im Internet konnte ich diese Ausgabe allerdings nicht finden. Angeblich erfreut sich der unselige GröFaZ seit Jahren steigender Beliebtheit, ob die Leserschaft sich auf die Exkrementhirne der Neo-Nazi-Szene beschränkt, sei dahingestellt. Dass man im englischsprachigen Raum zuweilen naiv mit Herrn Hitler umgeht, hat vor zwei Jahren der britische Flilialist Waterstones gezeigt, als in einigen Filialen ausgerechnet Mein Kampf als prima Weihnachtsgeschenk angepriesen wurde. Der Inhaber der englischsprachigen Rechte an dem Machwerk ist übrigens Random House – dass bei der Konzernmutter Bertelsmann in Gütersloh Geld vor Anstand geht, ist jetzt auch nicht mehr so neu, auch die Blähungen von Herrn Sarrazin haben ja dort das Konto gefüllt. Bleibt unsereinem das inbrünstige Flehen: „Herr, wirf Hirn vom Himmel!“

Wir schweifen zum Ende noch einmal in die Ferne: Brasilien ist seit einigen Jahren als Wachstumsmarkt für die Buchbranche ausgemacht, und auch die Frankfurter Buchmesse dreht dort mit ihrem Contec-Konferenzprogramm groß auf. Zumindest die Papierform bestätigt die Optimisten: Im Weihnachtsgeschäft hat der Buchmarkt gegenüber den Vormonaten um satte 51 Prozent zugelegt, verkündet gerade Nielsen BookScan. Anders als bei der oben erwähnten Russen-Ente sind die Nielsen-Zahlen serlös: Sie werden nämlich direkt an den Ladenkassen erhoben. Auch der E-Book-Markt hat Fahrt aufgenommen: 2013 war das erste Jahr, als mit Amazon, Apple, Kobo und Google die wirklich großen Anbieter im Markt unterwegs waren; jetzt wird der E-Book-Anteil auf 3 Prozent des brasilianischen Buchmarkts beziffert, das ist gut doppelt soviel wie im Vorjahr. Lokale Anbieter wie Objetiva berichten, dass ihre Verkäufe von 15.000 E-Books im Jahr 2012 auf jetzt 95.000 angestiegen sind – ein mehr als ordentliche Steigerung, die natürlich von einer extrem kleinen Basis ausgeht. Trotzdem: Das wird was.

Aus meiner eigenen Werkstatt:

  • Gespräche zur im Deutschlandfunk und im SWR zur Weltbild-Insolvenz
  • Gespräch im SFR zur Popularität von Mein Kampf

Das war’s für diese Woche, ich hoffe, Sie bleiben mir treu. Und morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende.