Cuspide, Buenos Aires (c) ehlingmedia 2010

Cuspide, Buenos Aires (c) ehlingmedia 2010

Liebe Leser,

ich hoffe, Sie sind gut ins neue Jahr gestartet – ich wünsche Ihnen Erfolg und Gesundheit und mir, dass Sie mir als Leser treu bleiben.

Die vergangenen Tage waren auch in der Bücherwelt insgesamt recht ruhig, aber bei all den Rück- und Vorschauen, die man lesen konnte, gab es hier und da durchaus Dinge, die interessant waren. So machen die Kollegen von Digital Book World eine Liste der erfolgreichsten E-Book-Verlage in den USA auf. Dabei fällt auf, dass Penguin Random House im zweiten Halbjahr mächtig zulegte und mit 478 Bestsellern fast doppelt so oft in den Top-Listen auftauchte als der Zweitplazierte, Hachette. Insgesamt vereinte der neu geschmiedete Verlagsriese rund 40 Prozent aller E-Book-Bestseller in den USA auf sich. In der nachstehenden Tabelle wird dies deutlich – die Plätze zwei bis vier werden von Penguin Random House bzw. den beiden Vorgängern eingenommen.

Noch erstaunlicher fand ich aber, dass Selfpublisher den fünften Platz einnehmen und die Verlagsriesen wie HarperCollins, Simon & Schuster, Macmillan und Scholastic hinter sich lassen konnten. Ob das jetzt wirklich der von manchen Auguren angekündigte Paradigmenwechsel im Verlagswesen ist, mag ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall ist es ein deutlicher Weckruf an die Verlage.

Erfolgreichste E-Book-Verlage in den USA 2013

1 Hachette 258
2 Penguin Random House* 230
3 Random House 146
4 Penguin 102
5 Self-published 99
6 HarperCollins 91
7 Simon & Schuster 72
8 Macmillan 68
9 Amazon 46
10 Scholastic 27

© Digital Book World

Ob sich der Erfolg der Selfpublisher in den englischsprachigen Märkten auch 2014 fortsetzt, bleibt abzuwarten. Eines der zuverlässigsten Erfolgs-Genres, das von dieser Klientel bedient wird, sieht sich seit dem vergangenen Herbst erheblichem Druck ausgesetzt: Erotika. Sie erinnen sich sicherlich an die panische Reaktion von WHSmith und Kobo, die im Oktober sämtliche Titel von Selfpublishern aus dem Katalog warfen, nachdem „entdeckt“ wurde, dass dort auch eine ganze Anzahl von erotischen und pornographischen Titeln im Angebot war. Amazon und andere Anbieter zogen behutsamer nach und warfen ausgwählte erotische E-Books aus den Shops – nach Kriterien, die nur selten nachvollziehbar sind. Welche dramatischen wirtschaftlichen Auswirkungen diese merkwürdige Prüderie haben kann, zeigt ein Beitrag von Business Insider auf: Die Einkünfte der betroffenen Autorinnen und Autoren sind auf ein Bruchteil zurückgegangen. Und: Fast immer reichte eine kleine Änderung des Titels, um die E-Books wieder an den Start zu bringen. Es geht also nicht wirklich um die Inhalte oder um so etwas wie Jugendschutz sondern darum, dass die Anbieter ein sauberes Mäntelchen behalten wollen. Auch interessant: In dem Artikel wird Frau James, die mit ihren 50 Shades of Gray gut 100 Millionen US-Dollar verdient hat, damit zitiert, dass sie keine Ahnung von Selfpublishing habe und auch nicht von Erotika. Ähämm…

Es ist selten, dass sich bis zum Ende des Weihnachtsgeschäfts so wenige Schwerpunkte und Enttäuschungen herausbilden wie in diesem Jahr. (Langendorfs Dienst)

Weiter geht’s mit dem Buchhandel: Das Weihnachtsgeschäft ist gelaufen, die ersten Bilanzen werden gezogen, allerdings wird es wohl noch ein Weilchen dauern, bis wir internationale Vergleiche ziehen können. Für die Adventszeit in Deutschland hat Langendorfs Dienst Zahlen geliefert, die ernüchternd sind:

Erste Adventswoche:
Adventssamstag: minus 1,6 Prozent
Woche einschl. Samstag: minus 1,9 Prozent
Prognose Dezember: minus 0,3 Prozent

Zweite Adventswoche:
Adventssamstag: plus 0,9 Prozent
Woche einschl. Samstag: minus 0,7 Prozent
Prognose Dezember: plus 0,7 Prozent

Dritte Adventswoche:
Adventssamstag: minus 6,9 Prozent
Woche einschl. Samstag: minus 2,1 Prozent
Prognose Dezember: minus 1,9 Prozent.

Vierte Adventswoche:
Adventssamstag: plus 4,1 Prozent
Woche einschl. Samstag: minus 3,1 Prozent
Prognose Dezember: plus 0,6 Prozent.

Zusammenfassend kommt Boris Langendorf zu dem Ergebnis: „Es ist selten, dass sich bis zum Ende des Weihnachtsgeschäfts so wenige Schwerpunkte und Enttäuschungen herausbilden wie in diesem Jahr. Zuletzt sind es allein Kinder- und Jugendbücher, die gelobt werden (auch hier gibt es einzelne Gegenstimmen), schon weit weniger fielen Taschenbuch und Kalender auf, und auch die Belletristik war nur überwiegend positiv. Mit Jonassons Analphabetin hinterlässt nur ein einziger Titel in den Bewertungen leichte Spuren.“

Falls Sie den täglichen Branchennewsletter Langendorfs Dienst noch nicht kennen, empfehle ich ein Probeabo (nein, ich bekomme keine Provision).

Wo wir schon beim Handel sind: Der Marktforscher OC & C hat eine Studie herausgebracht, die zu dem Ergebnis kommt, dass der Onlinehandel massiv an Kundenvertrauen verloren hat. Das hat sicherlich mit der massiven Kritik zu tun, die Amazon in Deutschland, Frankreich und Großbritannien entgegenschlägt. Wie alle Aufreger, wird sich diese negative Einschätzung des Riesen aus Seattle wohl bald wieder nivellieren. Aber: Wenn das heißt, dass die Buchkäufer wieder öfters in ihre Buchhandlung an der Ecke dackeln, bin ich’s zufrieden.

Das Misstrauen gegenüber Amazon & Co. kommt allerdings zu spät für den französischen Buchfilialisten Chapitre, bisher die Nummer zwei im Markt. Das Unternehmen, das vor Jahren einmal Bertelsmann gehörte, ist pleite. Von einstmals 57 Filialen haben gerade einmal elf neue Betreiber gefunden. Anders als in Deutschland unterstützt die französische Regierung seit Jahren den unabhängigen Buchhandel, zuletzt wurde im Juni ein Förderprogramm aufgelegt. Genaue Zahlen für den französischen Buchmarkt gibt es nicht, allerdings dürfte, wenn man die aktuellen Daten des französischen Verlegerverbands SNE extrapoliert, das kombinierte Umsatzvolumen von Buchhandlungen und Verlagen etwa bei 6 Milliarden Euro zu veranschlagen sein. Die traditionellen Absatzkanäle für Bücher schwächeln: neben den etwa 3.000 unabhängigen Läden sind das größere Medienhändler. Virgin ging bereits in die Insolvenz, Fnac schwankt am Rande des Abgrunds und Chapitre, nun ja, ich habe es schon gesagt.

Zum Abschluss noch ein Blick auf den Börsenverein: Dort wurde nach der Weihnachtspause das neue GroKo-Kabinett mit freundlicher Skepsis begrüßt. Besonders mit der neuen Kulturministerin Monika Grütters verbindet man Hoffnungen auf etwas mehr Verständnis für die Belange der Bücherleute als dies bei ihrem Vorgänger Bernd Neumann der Fall war, der nie ein Hehl daraus machte, dass er in erster Linie ein Filmfreak ist.

Das war’s für diese Woche. Meine eigene Werkstatt ruht noch. Aber morgen finden Sie hier wieder das Gedicht zum Wochenende.

Herzlichst Ihr und Euer

hge