Borders New York City

Borders New York City (c) ehlingmedia 2010

„Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ heißt der bekannteste Roman von Horace McCoy (1969 von Sidney Pollack verfilmt), der 1935 erschien und die Auswirkungen der großen Depression beschreibt. Als „bücherreich und geldarm“ beschrieb McCoy seine Eltern – und damit formulierte er ziemlich genau die aktuelle Zustandsbeschreibung für den US-Buchhandelsriesen Borders: Für jüngere Beobachter des US-amerikanischen Büchermarkts muss die Aussage „bad-news-from-Borders“ inzwischen wie ein feststehender Begriff wirken. Heute (16.2.2011) hat das Unternehmen einen Antrag auf Insolvenz nach Chapter 11 des US-amerikanischen Insolvenzgesetzes gestellt. Wäre das Unternehmen ein Pferd – ja, man müsste es von seinen Leiden erlösen.

Denn tatsächlich gibt es seit Jahren eigentlich immer nur Schlechtes zu berichten, wenn es um das 1971 von den Borders-Brüdern gegründete Unternehmen geht, das vom zotteligen Uni-Buchladen zum zweitgrößten Buchhändler der USA aufstieg. Jetzt sollen mindestens 200 Borders-Läden allüberall in den USA geschlossen werden (eine Liste wurde bereits im Internet veröffentlicht); 30 Prozent der Shops, so das Unternehmen in seiner Stellungnahme, seien unrentabel. Bislang betreibt das Unternehmen 500 Superstores sowie 165 kleinere Buchläden. Wie viele der rund 19,500 Mitarbeiter gehen müssen, ist Gegenstand von Spekulationen. Über die Höhe der Schulden gehen die Angaben ebenfalls auseinander: Während in Medienberichten von etwa 1 Milliarde US-Dollar die Rede war, gab das Unternehmen gegenüber dem Insolvengericht an, Verpflichtungen zwischen 100 und 500 Millionen US-Dollar zu haben. Jetzt stellt GE Capital 505 Millionen US-Dollar zur Finanzierung des Geschäftsbetriebs bereit.

Schon für Januar blieb Borders die fälligen Zahlungen an Verlage schuldig und setzte auch die Zahlung der Mieten für seine Ladenflächen aus. Für die betroffenen US-Verlage ist dieser Zahlungsausfall bedrohlich: Hier geht es um Geld, das Borders im Weihnachtsgeschäft eingenommen hat, Geld, das für die Erlösplanung der Verlage von existentieller Bedeutung ist.

Entsprechend unwillig reagierten dann auch die Verlage, als Borders ihnen mit der Idee kam, Forderungen in langfristige Kredite zu verwandeln und teilweise auch ganz darauf zu verzichten: Wie heute bekannt wurde, steht Borders bei den Verlagen mit 230 Millionen US-Dollar in der Kreide, auch die US-Ableger von Bertelsmann (Random House) und Holtzbrinck (Macmillan) sind mit Außenständen von ca. 45 Millionen US-Dollar mit von der Partie.

Am stärksten betroffen sind:

  • Penguin $41.1m
  • Hachette $36.9m
  • Simon & Schuster $33.75m
  • Random House $33.5m
  • HarperCollins $25.8m
  • Macmillan $11.4m

Auch pikant: Derzeit sind noch Borders-Geschenkgutscheine im Wert von 275 Millionen US-Dollar im Umlauf. Obwohl das Management erwartet, dass davon lediglich Gutscheine im Wert von 113 Millionen US-Dollar eingelöst werden, zeigt auch dies die ungeheure Schieflage in der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens.

Angesichts der vermuteten  Schuldenlast von rund 1 Milliarde US-Dollar drohte Borders sogar die  Liquidation; dies ist für den Moment abgewendet. Da ist dann auch die Meldung, wonach die New Yorker Börse mit dem Ausschluss der Aktie vom Handel droht, nur ein weiterer schriller Akkord in einem unschönen Musikstück: Zuletzt notierte die Aktie irgendwo im Nirvana zwischen 20 und 30 US-Cent – der Mindestwert für den Börsenhandel von 1 US-Dollar darf nicht über einen Zeitraum von 30 Tagen hinweg unterschritten werden. Der Börsenwert des Konzerns ist auf 18 Millionen US-Dollar gefallen und dürfte sich in den nächsten Tagen noch deutlich südwärts verändern. Welch ein Absturz:  2006 notierte das Papier noch bei mehr als 20 US-Dollar, war also das Hundertfache wert.

Natürlich kommt solch ein Absturz nicht von heute auf morgen: Borders hat sich sein Grab über Jahre hinweg mit Akribie und Zielstrebigkeit selbst gegraben. Das Unglück begann wohl  1992, als der Supermarktriese Kmart Borders übernahm und mit seiner Tochter Waldenbooks verschmolz. Waldenbooks brachte rund 1300 kleine Discount-Buchläden, die vor allem in Einkaufszentren angesiedelt waren, mit in die Ehe. So richtig glücklich mit deren Ergebnissen war Kmart nicht und man hoffte, dass das im Buchhandel erfahrene Borders-Management die Probleme in den Griff bekommen würde. Die durch die Übernahme wohlhabend gewordenen Manager allerdings verließen innerhalb kurzer Zeit das Unternehmen – das Problem war letztlich noch größer geworden.

Durch einen Börsengang  im Jahr 1995 entledigte sich Kmart des Problems, und für Borders begann die Zeit des schnellen Gelds und der massiven Expansion: In den USA selbst wurden in rasender Taktzahl neue Superstores eröffnet, in der Hoffnung, irgendwann dem verhassten Rivalen Barnes & Noble den Rang abzulaufen. Und irgendwann schien es den Managern des Buchhandelsriesen in ihrem Hauptquartier im beschaulichen Ann Arbor, Michigan, dass auch der Rest der Welt auf Borders wartete: Zuerst das (zu den USA gehörige) Puerto Rico, dann Singapur, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Malaysia, Dubai, Oman – so sieht eine Weltmarke aus. Dass man diese Märkte weder kannte noch beherrschte, schreckte die Herren im Mittleren Westen der USA nicht sonderlich: Inzwischen sind die australischen und neuseeländischen Läden verkauft, der britische Ableger ging 2009 krachend Pleite, lediglich die auf Franchise-Basis geführten Läden in Asien und im Nahen Osten tragen die stolze Fahne weiterhin.

Borders in Chapel Hill (c) Ildar Sagdejev 2008

Leider vergaß man bei all den glänzenden Zukunftsaussichten und ob der zur Expansionsstrategie gehörenden Finanzakrobatik die buchhändlerischen Hausaufgaben. Das von Louis Borders entwickelte elektronische  Warenwirtschaftssystem wurde nicht weiter entwickelt, die konzerninterne Distribution blieb in den Kinderschuhen, und bis heute sind die Borders-Kassen auf ein eigens Barcode-System abgestimmt – jedes Buch muss mit neuen Stickern beklebt werden. Angesichts der Verbreitung des Online-Handels sparte das Borders-Management Geld und gab 2001 den Online-Shop in die Hände von Amazon. Und auch bei den Ebooks lief Borders der Konkurrenz hinterher: Während Amazon und Barnes & Noble mit eigenen Readern und dazu gehörigen Shop-Systemen den Markt beackerten, zuckelte Borders 2010 mit dem Kobo-Reader des kanadischen Buchhandelskonzerns Indigo in die Schlacht.

Aber zu diesem Zeitpunkt war die Sache sowieso schon verloren: Nach knapp 20 Jahren, in denen ausschließlich Leute das sagen hatten, die niemals vorher im Buchhandel gearbeitet hatten (der „frische Wind“ des Außenseitertums entpuppte sich als das laue Lüftchen der Ahnungslosigkeit), waren die Kekse allesamt gegessen. Seit 2006 sank die Mitarbeiterzahl von rund 35.000 auf weniger als 20.000, aus gut 1300 Standorten wurden weniger als 700.   Als das Borders-Management am Ende des vergangenen Jahres verkündete, den US-Marktführer und Erzrivalen Barnes & Noble übernehmen zu wollen, der zu diesem Zeitpunkt in einer feindlichen Übernahmeschlacht steckte, erschien das den meisten Beobachtern nur noch als Lachnummer.

Was bedeutet das Borders-Aus für die Verlage? Ganz akut sind sie von immensen Zahlungsausfällen bedroht. Langfristig wird es kaum möglich sein, einen Ersatz für Borders zu finden: Das Unternehmen meldete für 2009 einen Umsatz von rund 2,8 Milliarden US-Dollar, es vereinte auf sich rund 8 Prozent des gesamten US-Buchhandels. Dies ist nicht auszugleichen durch ambitionierte unabhängige Buchhändler oder durch noch so aggressiven Online-Handel.

Was bedeutet das Borders-Aus für den Buchhandel? Eine Reihe von Auguren sprechen bereits jetzt vom Ende des Geschäftsmodells der Großfilialisten. Und tatsächlich scheinen die Meldungen, die aus Großbritannien (WH Smith, Watersones) oder auch aus Deutschland (DBH) kommen, diese Prognosen zu stützen. Allerdings hat der größte Filialist von allen, Barnes & Noble, gerade ein glänzendes Geschäftsjahr hinter sich gebracht. Vielleicht ist aber doch der eine oder andere Buchhandels-Manager unterwegs, der die Nase voll hat von einem Geschäftsmodell, das darin besteht, gesichtslose Schuhkarton-Architektur mit endlosen Regalreihen voll zu stopfen und die fehlende Beratung durch überteuerte Kaffee-Angebote zu überspielen.

Der Style-Guru Tyler Brûlé jedenfalls schreit wohl vielen Buchenthusiasten aus der Seele, wenn er in seiner Kolumne in der Financial Times den perfekten Buchladen beschreibt:

Ask most people to paint a picture of their perfect bookstore and it probably involves a pair of bay windows housing a selection of titles specially selected by the shop’s long-serving staff. Through the front door (complete with a brass bell) there are well-worn harvest tables with stacks of new releases, solid classics, cash-generating genres and obscure but wonderfully readable selections from loyal customers. The oak floors are dark and well worn and they probably creak and sag a little. There’s a wonderful scent of various papers, ink, glue, linen, card-stock and toxic varnishes, and in certain corners of the shop a jazzy tune can be heard through crackly old speakers. Scattered about are armchairs for children to read and pensioners to pause (they’re not meant as a satellite office for people to do research or conduct business) and there are plenty of decently paid staff (read: not minimum wage) to advise on cookbooks for the helpless, picture books to calm hyper tots, and travel guides to less-explored corners of Turkey.

Ja, so möge es sein!