Navidad en México (c) ehlingmedia 2013

Navidad en México (c) ehlingmedia 2013

Liebe Leser,

Weihnachten steht vor der Tür und ich hoffe, Sie werden eine fröhliche Zeit haben. Meine besten Wünsche sind Ihnen jedenfalls gewiss.

Die Weihnachtszeit ist die Zeit des Hoffens für die gesamte Buchbranche, wenn es jetzt nicht klappt mit dem Verkaufen, dann geht das gesamte Jahr wirtschaftlich den Bach herunter. Das gilt auch für diejenigen, für die der Umsatz mit Büchern nicht mehr bedeutet als ein müdes Stirnrunzeln: Apple zum Beispiel. Der Elektroriese aus Cupertino setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr rund 124 Milliarden Euro um. Zum Vergleich: Der deutsche Buchmarkt insgesamt, also Handel und Verlage zusammengenommen, kommt seit Jahren nicht wesentlich über 9 Milliarden Euro hinaus. Trotzdem macht Apple in seinem iTunes-Store jetzt für E-Books hoch die Tür, die Tor’ ganz weit: Erstmals kann man die Dinger verschenken. Und das auch noch ganz einfach: Im Bestelldialog kann man die Option “Verschenken” anklicken, Name und Email des Glücklichen eingeben – aus die Maus. Wenn jetzt noch die anderen Anbieter ähnliche Sachen machen, kann es klappen mit der fröhlichen E-Book-Weihnachtsfeier.

Selfpublisher sind offensichtlich im Weihnachtsgeschäft den Verlagen ein Dorn im Auge, jedenfalls in den USA. Kein Wunder – Amazon gab jetzt bekannt, dass ein Viertel seiner Ebook-Verkäufe auf das Konto von Indie-Publishern geht. Deutliches Anzeichen dafür, dass das Imperium der Großverlage jetzt zurückschlägt, sind die seit Monaten im Sturzflug befindlichen Ebook-Preise. Im vergangenen Jahr kosteten die Top-25 E-Books im Schnitt 12 US-Dollar, in diesem Jahr liegt der Durchschnittspreis bei etwa 6 US-Dollar. Ja, es sind mehr Titel von Selfpublishern auf dem Markt, und die sind in der Regel wesentlich günstiger bepreist als die Titel aus Verlagen. Das erklärt aber noch nicht, dass auch die Titel von absoluten Bestsellerautoren aus dem Programm der “Big Five” (Penguin Random House, Hachette, Macmillan, HarperCollins, Simon & Schuster) bereits wenige Wochen nach Erscheinen mit massiven Rabatten angeboten werden.
Die Kollegin Toby Neal bringt es in ihrem Blog auf den Punkt: “I’ve been agog to see big names like Janet Evanovich, Louise Perry, Michael Connelly, Patricia Cornwell and most recently, Donna Tartt’s Goldfinch, one of the Best Books of 2013, going for 2.99 or less.” Die Verkäufe ihrer Bücher seien um die Hälfte zurückgegangen, sagt sie.
Woran liegt das? Funktionieren die gewohnten Absprachen zwischen den Verlagen nicht mehr, mit denen sie zumeist vermeiden, dass ihre Spitzentitel gleichzeitig auf den Markt kommen und so die Kanäle für öffentliche Aufmerksamkeit verstopfen? Tatsächlich sind in diesem Jahr in den USA die Veröffentlichungen der Big-Name-Autoren zeitlich sehr eng beieinander gewesen. Trotzdem sollte grundsätzlich genügend Platz für jeden gewesen sein.
Zweiter Erklärungsversuch: Der Ausgang des Prozesses um das von Apple betriebene Agency Model ist schuld. Tatsächlich gewähren Amazon & Co. seither weitaus deutlichere Preisnachlässe als vorher. Aber: Teil des Urteils gegen Apple und der Vergleiche, die die am Agency Model beteiligten Verlage eingegangen sind, ist die Verpflichtung der Handelsseite, Bücher nicht unterhalb des Einkaufspreises anzubieten – die jetzt angebotenen Rabatte liegen deutlich unter dieser Marke, was nur bedeuten kann, dass die großen Verlage selbst diese erheblichen Nachlässe anbieten. Regiert da die Panik im Weihnachtsgeschäft? Nach dem Motto: Hauptsache weg mit dem Zeugs, koste es, was es wolle? Ja, wenn ich mir den wirtschaftlichen Sachverstand, den die Branche in den vergangenen Jahren an den Tag gelegt hat so betrachte, scheint dies die wahrscheinlichste Variante.
Der gute Rat des Tages also an Selfpublisher, die vor Weihnachten noch in den USA aktiv werden wollen: Lasst es sein.

Self Publishing, wie es sich heute darstellt, hat nichts zu tun mit dem, was wir aus früheren Zeiten kennen, als Leute, die so taten als könnten sie Bücher schreiben, gutes Geld in den Rachen von Unternehmen warfen, die so taten als seien sie Verlage. Den Unterschied macht jetzt ein bemerkenswertes Urteil deutlich: Wer in einem Druckkostenzuschussverlag (DKZV) veröffentlicht, kann grundsätzlich nicht damit rechnen, als Autor ernst genommen zu werden. Soweit das Finanzgericht in Rheinland-Pfalz, und das ist glücklicherweise kein Geschmacks- sondern ein ausgewogenes Sachurteil. Ein schreibwütiger Logopäde hatte dagegen geklagt, dass das böses Finanzamt ihm die Kosten für sein Treiben nicht anrechnen wollte. Pech gehabt: Allein schon die Veröffentlichung bei einem DKZV reichte dem Gericht, um mangelnde Ernsthaftigkeit des Tuns zu erkennen: “die Bereitschaft zur Übernahme nicht unerheblicher Druckkosten spreche dafür, dass überwiegend private Interessen und Neigungen für die Tätigkeit ursächlich gewesen seien”, so die Richter. Da könnte man glatt zum Juristenfreund werden. Könnte…
Falls Sie ernsthaft Interesse haben am Thema Self Publishing, schauen Sie doch einmal vorbei in der Facebook-Gruppe, die sich dazu gegründet hat. Die Diskussionen sind ernsthaft, die mehr als 2000 Teilnehmer helfen einander – und Eigenwerbung ist nicht gestattet.

Recht weihnachtlich mutet die Meldung an, wonach die italienische Regierung Bücherkaufen steuerlich begünstigen will. Bis zu 2000 Euro im Jahr (die Hälfte für Schul- und Lehrbücher, die andere Hälfte ist frei verfügbar) sind absetzbar, der Staat gewährt einen Abschlag von 19 Prozent. Premierminister Enrico Letta gab diese löbliche Idee höchstpersönlich bekannt, das Ziel ist es ausdrücklich, das “Lesen von physischen Büchern” zu fördern. Man möchte dem italienischen Ministerrat, der die Sache bereits durchgewinkt hat, an dieser Stelle die eine oder andere Studie zum Leseverhalten bei Ebooks empfehlen, die ja allesamt positiv auffallen. Aber wir geben uns zunächst einmal zufrieden damit, dass da wenigstens ein erster Schritt gemacht ist, um den Staat auch finanziell am Thema Leseförderung zu beteiligen. In Italien gilt übrigens für Bücher ein Mehrwertsteuersatz von 4 Prozent; der normale Steuersatz beträgt 22 Prozent. Das Vorhaben ist Teil des Aktionspakets “Destinazione Italia”, mit dem das Land für ausländische Investoren aufgehübscht werden soll. Kultur spielt dabei eine tragende Rolle – neue Subeventionen für Film und Musik soll es ebenfalls geben.

Nochmal zum Thema Geschenke: In Detroit macht der Verein “Write-A-House” umzugslustigen Schriftstellern ein verlockendes Angebot - wer eines der Häuser des Vereins als Writer in Residence bezieht und zwei Jahre bleibt, bekommt das Haus geschenkt. Bisher hat Write-A-House drei Häuser gekauft, dank der Wirtschafts- und Finanzkrise in den USA, die Detroit ganz besonders beutelt, hat das nicht mehr als 2000 (!) US-Dollar gekostet, jetzt soll eine Spendenkapagne das Geld für die Renovierungen zusammenbringen. Hört sich verlockend an, hat aber einen Haken: Detroit…

Dass Weihnachten in der Türkei keine große Rolle spielt, dürfte Sie wenig überraschen. Sehr unschön ist aber die Tatsache, dass der Verleger  İrfan Sancı und der Übersetzer İsmail Yerguz sich vor dem obersten Gerichtshof des Landes verantworten müssen, weil sie 2009 im Verlag Sel Yayincilikeine eine Übersetzung der Les Exploits d’un Jeune Don Juan von Guillaume Apollinaire veröffentlicht haben. In dem Buch geht es um das sexuelle Erwachen eines 15-jährigen samt einschlägigen Begegnungen mit älteren Damen. 2010 war die Sache schon einmal abgeschmettert worden, der Oberste Gerichtshof hob den Freispruch in diesem Jahr auf und verhandelt erneut. Der Vorwurf: Untergraben der öffentlichen Moral. Die mögliche Strafe: 10 Jahre Haft. Französische Schriftsteller, Übersetzer und der Verlegerverband haben eine Petition eingereicht. Ob’s was nützt, ist zu bezweifeln.

Dass die Türkei jetzt die Mehrwertsteuer auf E-Books von 18 Prozent auf 8 Prozent gesenkt hat und sie damit gedruckten Büchern gleichstellt, ist da auch kein Trost.

Wir bleiben bei den Freunden der Meinungsfreiheit: In China boomen englischsprachige Ebooks. Abnehmer sind vor allem Bibliotheken, Schulen und andere institutionelle Kunden. Sie machen 90 Prozent der Kundschaft aus. Für die allgemeine Leserschaft in China gelten nach wie vor hohe Hürden, um fremdsprachige Bücher unverfälscht zu lesen – bei Übersetzungen ins Chinesische wird zumeist kräftig zensiert.

Indien gilt seit langem als eine Zukunftshoffnung für Verlage. Die BBC hat jetzt zwei Literaturfestivals zum Anlass genommen, über das Wachstum der Buchbranche im Subkontinent zu berichten:

Trotz der Streiks bei den verschiedenen Amazon-Logistikzentren in Deutschland (ich bin in Bad Hersfeld geboren und in der Nähe aufgewachsen, ich bin ganz auf der Seite der Mitarbeiter) dürfte der  Versender aus Seattle auch in diesem Weihnachtsgeschäft Rekordumsätze verzeichnen. Dass das nicht daher kommt, dass so viele Leute Amazon so lieb finden, dürfte auch klar sein. Allerdings tut Amazon sein Möglchstes um Kunden zufrieden zu stellen – wie intensiv das betrieben wird, hat eine US-Studie gezeigt: Bis zu 2,5 Millionen mal pro Tag (!) ändert Amazon die Preise seiner Produkte. Dabei hilft natürlich die Preisvergleichs-App, mit der vor allem in den USA die lieben Kunden einen ständigen Strom von Preisdaten liefern, mit denen das Unternehmen stets informiert ist, was die Konkurrenz so alles treibt. Das kann man prima finden. Muss man aber nicht.

Bei all dem höchst rabiaten Vorgehen der Handelsgiganten hat das Jahr 2013 in den USA eine Renaissance des unabhängigen Buchhandels gebracht. Das ist schön, und dafür gibt es gute Gründe: Offensichtlich ist vielen Leuten bewusst geworden, dass funktionierende Buchläden einen enorm positiven Einfluss auf die kulturelle und soziale Infrastruktur einer Gemeinde oder eines Stadtviertels haben. Dies gilt in den USA noch deutlicher als anderswo, weil dort Buchläden häufig von privaten Leseclubs oder Kirchengemeinden als Treffpunkte ausgewählt werden; nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass in den meisten US-Bundesstaaten Buchläden, im Gegensatz zu Online-Händlern, brave Steuerzahler in den Gemeindesäckel sind und auch noch Arbeitsplätze schaffen.

hge (c) ehlingmedia 2010

hge (c) ehlingmedia 2010

So, dieser Wochenblick ist der letzte für dieses Jahr, weiter geht’s in 2014. Wie eingangs schon erwähnt, wünsche ich Ihnen das Allerbeste, und ich hoffe, dass sie mir auch im kommenden Jahr die Treue halten.

Meine eigene Werkstatt hatte in dieser Woche Pause, ich bin immer noch in Mexiko schreibe an einem Buch.

Aber morgen finden Sie hier trotzdem wieder das Gedicht zum Wochenende.

Con saludos cordiales,

Ihr und Euer

hge