SF für Kim und Co. (c) unbekannt

SF für Kim und Co. (c) unbekannt

Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand, heißt es so schön. Ich mag dem Allmächtigen keine Vorwürfe machen (vor allem so kurz vor dem Weihnachtsfest), aber was in diesem Jahr aus den US-amerikanischen Gerichten auf uns herabgeprasselt ist, deutet auf eine gewisse Zerstreutheit in himmlischen Sphären hin. Da war das Urteil und die Vergleiche um das Agency Model von Apple, das die Nachfahren von Herrn Jobs und fünf der großen US-Verlage hunderte Millionen Dollar kosten wird – ich habe dazu ja gestern hier gepostet. Dann erklärte Richter Chin das ungefragte Massenkopieren, mit dem Google seinen Buchbestand aufgebaut hat, zur kulturpolitischen Weltrettungsanstrengung. Und in dieser Woche wurde auch eine Klage von unabhängigen US-amerikanischen Buchhändlern gegen Amazon und die großen US-Verlage (Hachette, Penguin Random House, Simon & Schuster, HarperCollins, Macmillan) abgewiesen, mit der diese eine Öffnung der Kindle-Plattform für den Verkauf von Büchern durch andere Anbieter als Amazon durchsetzen wollten. Nix da, wurde entschieden, Marktdominatoren müssen keinen Platz schaffen für die Konkurrenz – es scheint, dass bei den US-Gerichten doch recht viele Fans von Amazon und Google ihrer Arbeit nachgehen.

Zur Digitalisierungseuphorie von Richter Chin passt auch die Nachricht, dass die norwegische Nationalbibliothek bis Mitte der 2020er Jahre sämtliche Bestände digital frei anbieten machen will. Dazu gehören auch aktuelle und noch unter Urheberrechtsschutz stehende Titel, allerdings sollen diese nicht zum Download verfügbar sein. Nun ja, wir werden sehen, was aus dieser Ausnahme wird, bislang haben sich solche Versprechen nicht als besonders belastbar erwiesen. Ich habe in der vergangenen Woche bei der FIL in Guadalajara mit einer ganzen Reihe von Verlegern über genau dieses Thema gesprochen und sie alle, egal, ob sie aus Europa kommen, aus Lateinamerika oder den USA, wünschen sich sehnlichst eine Diskussion mit den Bibliotheken auf Augenhöhe und ohne Scheuklappen. Ja, Bibliotheken haben die Aufgabe, Information und Unterhaltung für ihre Nutzer anzubieten. Aus vielen Ländern wurde mir aber berichtet, dass es extreme Widerstände bei den Bibliotheken gegen realistische Abrechnungsmodelle für die Nutzung digitaler Kopien gibt. Dieser Komplex gehört auch zu dem Thema Piraterie – ohne eine brauchbare Kooperation der Verlage mit den Bibliotheken ist den Totenkopflern das Feld weit geöffnet.

Cohiba Pirata (c) ehlingmedia 2013

Gütesiegel "100% pirata" - so krumm sahen Cohibas noch nie aus (c) ehlingmedia 2013

Hachja, die Piraten – ich hatte Ihnen ja in der vergangenen Woche von meinem kleinen Streit mit den Europäischen Piraten berichtet, die für ihr Logo kostenlose Designvorschläge abkochen wollen. So ganz daneben liege ich, der ich seither mit dem Ehrentitel “Copyright Troll” ausgestattet bin, wohl nicht mit meinem Unbehagen – der Designbeauftragte der deutschen Piraten hat jedenfalls heftigst Kritik geübt an dem Vorgehen. Siehste. Geht doch …
Was unsere deutschen und europäischen Totenkopf-Fans gerne vergessen, sind die Verwüstungen, die durch Piraterie angerichtet werden. Beispiel gefällig? Wie ich bei der FIL Guadalajara erfahren habe, sind in Peru mindestens 40 Prozent aller verkauften Bücher Raubkopien. Das führt dazu, dass die Verlage insgesamt nur etwa 6.000 Titel pro Jahr produzieren (ein Drittel davon Schulbücher) – und das ist ein historischer Höchstwert! Sie können maximal mit verkauften Auflagen von 1.000 Stück kalkulieren, zumeist geht es aber um 250 bis 300 Exemplare, die dann  über mehrere Jahre abgesetzt werden. Das wiederum macht legale Bücher extrem teuer: Taschenbücher kosten umgerechnet zwischen 15 und 25 Euro. Kaufkraftbereinigt würde das bedeuten, dass bei uns Bücher um die 200 Euro kosten würden. Was meinen Sie, wieviele Bücher dann bei uns noch produziert, geschweige denn verkauft würden?

Dass die Preisbindung uns in Deutschland lieb und teuer ist, muss ich Ihnen ja nicht als Neuigkeit verkaufen. Aber ich sehe immer wieder gerne, und das mit einem breiten Grinsen, wenn auch anderswo sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man mit ein paar Einschränkungen der Dumping-Freiheit der großen Anbieter tatsächlich ein Stück weiter kommt.  In Quebec will der regierende nationalistische “Parti Québécois” ein Gesetz durchsetzen, das es verbietet, Bücher in den ersten 9 Monaten nach Erscheinen um mehr als 10 Prozent verbilligt anzubieten. Das Gesetz richtet sich vor allem gegen die großen Supermarktketten wie Costco und Walmart, die populäre Bestseller teils zu Dumpingpreisen in den Markt drücken.
In Mexiko hat man im Jahr 2008, nach heftigen Diskussionen, ein “Ley del Libro” verabschiedet, das eigentlich zum Schutz der Buchhändler – von denen es nur etwa 600 gibt – und Verleger dienen sollte und vor allem die Aufgabe hatte, sie ein Stück weit aus der Abhängigkeit von staatlichen Aufträgen heraus zu führen. Bei der FIL in Guadalajara machte der Verleger Marcelo Uribe seine Sicht der Dinge drastisch deutlich, als er in seiner Dankrede zur Verleihung des Preises für sein verlegerisches Werk (Michael Krüger bekam den Preis in 2010) von einem “zahnlosen Gesetz” sprach, das mehr als Alibi denn als echtes Regelwerk diene.
In Korea, das wir als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2005 hoffentlich noch nicht ganz aus den Augen verloren haben, scheint sich die Situation für Buchhandel und Verlage dramatisch zuzuspitzen: “Koreaner kaufen keine Bücher und Zeitungen, sie gehen ins Kino” heißt es in einem Artikel der Korea Times. Sie kaufen vor allem keine neuen Bücher, sondern nutzen die Angebote von schnell wachsenden Gebrauchtbuchhändlern wie Alibaba und anderen. Das nationale Parlament berät derzeit über ein Preisbindungsgesetz, das einen Rabatt von mehr als 10 Prozent auf neue Bücher untersagen würde. Ob das gegen den Trend zum Gebrauchtbuch helfen wird, erscheint mehr als fraglich.

Wir bleiben in Korea, wechseln aber über die Grenze nach Norden. Die lieben Kollegen von Publishing Perspectives (eine von der Frankfurter Buchmesse gesponserte Veranstaltung) haben einen Artikel über Science-Fiction-Literatur in Nordkorea entdeckt, der höchst vergnüglich zu lesen ist. Ich selbst hatte im Zuge der Vorbereitungen auf den koreanischen Gastland-Auftritt zweimal die Gelegenheit, nach Pyöngyang zu fahren – die uns damals vermittelte Idee, dass literarische Produktion eine aus tiefster Freude passierende Lob- und Preisveranstaltung auf die Kraft des Volkes und die Weisheit der großen und geliebten Führer sei, hinterließ Eindruck.

Pyöngyang lässt grüßen (c) ehlingmedia 2013

Pyöngyang lässt grüßen (c) ehlingmedia 2013

Und noch einmal bietet sich eine schöne krumme Überleitung: Wo wir schon von geliebten Führern sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass außerhalb des nordkoreanischen Juche-Systems auch Rituale bestehen, um Ehrfurcht und Hochachtung auszudrücken. Ich erinnere freudig daran, dass bei deutschen Messebeteiligungen, die vom Wirtschaftsministerium gefördert werden, die Abbildung der bundesrepublikanischen Führung verpflichtend ist. Das muss man wohl als eine Art von Honeckers Rache verstehen. Ich hab’s Ihnen links abgebildet, weil ich zwar selbstverständlich nicht gefördert werde, aber natürlich auch hier in Mexiko meine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen möchte.
Anders dankbar ist man dort, wo es den Unternehmen nicht besonders gut geht, beispielsweise im britischen Buchhandel. Dort wurde jetzt bekannt, dass WHSmith seiner Ex-Chefin Kate Swann zum Abschied schlappe 13 Millionen Pfund auf das geplagte Konto überwiesen hat. Ob man das aus Erleichterung getan hat, um die Dame endlich los zu sein, wird man wohl nicht preisgeben. Immerhin entspricht die Summe dem Jahresgehalt von 1000 Buchhändlern im Königreich. Nice work, if you can leave it…

In der vergangenen Woche wurde es hier bei der FIL Guadalajara noch hinter vorgehaltener Hand besprochen, jetzt ist es offiziell: Google Play Books hat seinen Laden nach Brasilien jetzt auch in Argentinien, Chile, Kolumbien, Peru und Venezuela aufgemacht. Wie auch bei uns können die glücklichen Latinos die Google-Bücher auf Apple- und Android-Geräten sowie normalen E–Readern lesen, natürlich mit Ausnahme des Kindle. Das Angebot ist relatv bescheiden, allerdings ist Google damit jetzt schon in 44 Ländern unterwegs – doppelt soviele wie Amazon.

Ganz frisch kommt die Meldung, dass die London Book Fair ab 2015 wieder im Ausstellungszentrum Olympia stattfinden wird. Das ist schön, die Halle, die für die Olympiade aufgehübscht wurde, ist ein architektonisches Juwel und liegt nett im Westen Londons. Dass der seit 2007 gewohnte Austragungsort am Earl’s Court abgerissen würde, wusste man schon länger. Für mich als Alt-Londoner war es lustig zu beobachten, wie vor allem die einheimischen Literaturzirkusartisten mit Verve gegen einen Umzug in das im East End gelegene, hypermoderne Excel Centre opponierten: das ist zwar deutlich besser geeignet für die Veranstaltung und ist auch verkehrstechnisch besser angebunden als das Olympia – das macht aber nix. An gewisse Orte geht man halt nicht. Punktum. Sie erinnern sich vielleicht: als die London Book Fair 2006 schon einmal im Excel Centre abgehalten wurde, führte das zu ordentlichem Krawall und dem Versuch der Frankfurter Buchmesse, die Sache zu kapern. Die Freibeuter aus der Reineckstraße vergaßen damals, einen Vertrag mit dem Messegelände im Earl’s Court zu unterzeichnen. Nein, das habe ich nicht erfunden.
Die Londoner haben auch angekündigt, ihre Messe mit einer “Book and Screen Week” anzureichern. Ob das eine solch gute Idee ist, wage ich zu bezweifeln: die Buchmesse funktioniert vor allem, weil sie klein und konzentriert ist und bislang kaum Anstrengungen unternommen hat, in der Stadt als öffentliches Event wahrgenommen zu werden. Ich kann mir auch nicht recht vorstellen, dass es allzu großen Druck seitens der Aussteller gegeben hat, eine solche Öffnung vorzunehmen: Die Londoner Verlagsszene ist sowieso im andauernden Präsentationsmodus und man kann, mit Ausnahme der Sommerferien, feuchten Gaumens durch das Jahr segeln.

Zum Abschluss noch eine schöne Nachricht: Rund 70 Prozent aller Leser haben nicht die Absicht, sich vom gedruckten Buch zu verabschieden. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie von Ricoh. Der Grund für die Treue zum Papier: Die Leute mögen Bücher ganz einfach. Außerdem verrät die Studie, das 60 Prozent aller heruntergeladenen E-Books nicht gelesen werden.

hge (c) ehlingmedia 2010

hge (c) ehlingmedia 2010

Meine eigene Werkstatt hatte in dieser Woche Pause, ich schreibe an einem Buch.

Aber morgen finden Sie hier trotzdem wieder das Gedicht zum Wochenende.

Con saludos cordiales,

Ihr und Euer

hge