Verpflichtend abzubilden: Die großen und geliebten Führer des Volkes. Nordkorea ist überall. (c) ehlingmedia 2013

Deutscher Stand in Guadalajara. Verpflichtend abzubilden: Die großen und geliebten Führer des Volkes. Nordkorea ist überall. (c) ehlingmedia 2013

Die Buchmesse in Guadalajara geht allmählich ihrem Ende zu. Viel Trubel gibt’s, wie immer. Viel Jubel auch, nämlich dann, wenn Autoren auftreten. Besonders beliebt: die abendlichen Veranstaltungen “… con mil jovenes”, bei denen Literaturgrößen wie Fernando Vallejo, oder Alessandro Barriccho mit, jawohl, gut 1000 Jugendlichen Lesungen machen. Würden wir es schaffen, in Leipzig oder Frankfurt 1000 Jugendliche zu einer Lesung zusammenzutrommeln? Ich bin mir da nicht so sicher. In der kommenden Woche erzähle ich Ihnen mehr von der Messe, heute nur soviel:

Zum ersten: Ja, Deutschland war wieder mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Und nein, es waren nur sehr wenige deutsche Verlagsleute hier. Jens Klingelhöfer von Bookwire, Ronald Koch von Zambon, der wackere Felix Busse mit seinem Vielflieger Verlag, Vertreteter von Esslinger und Lübbe, Michael Gaeb als Literaturagent – das war es dann auch schon. Viele schöne Bücher gab es, allerdings werde ich wohl nie verstehen, warum Verlage zwar hergehen und Titelgebühren bezahlen um ihre Bücher in Guadalajara oder Warschau oder Kairo zu zeigen, dann aber keiner sich auf den Weg macht um Geschäfte anzuzetteln.

Hier eine kleine Bilderstrecke:

Israelische Kistenburg in Guadalajara (c) ehlingmedia 2013

Israelische Kistenburg in Guadalajara (c) ehlingmedia 2013

Kistenburg die zweite (c) ehlingmedia 2013

Kistenburg die zweite (c) ehlingmedia 2013

Israel als Gastland – Auftritt mit Kistenburg …

Israel bei FIL Guadalajara (c) ehlingmedia 2013

Israel bei FIL Guadalajara (c) ehlingmedia 2013

… Brautmoden (???????) …

Shimon Perez, FIL 2013 (c) FIL Guadalajara / Bernardo de Niz

Shimon Perez, FIL 2013 (c) FIL Guadalajara / Bernardo de Niz

… und Präsident Shimon Perez (Sie können sich das Sicherheitschaos wohl vorstellen)

Empfang Deutscher Stand FIL (c) ehlingmedia.com

Empfang Deutscher Stand FIL (c) ehlingmedia.com

Immer populär: Empfang am deutschen Stand

Empfang FIl 2013. Rechts: Daniel Divinsky, Mitte: Martín Mengucchi

Empfang FIl 2013. Rechts: Daniel Divinsky, Mitte: Martín Mengucchi

Jawohl, immer populär…

Auch hier in Mexiko freue ich mich herzlich an den Aktivitäten der Piraten-Partei. Per Twitter suchte der Europäische Zusammenschluss dieser Merkwürdigkeiten in der vergangenen Woche einen Designer, der ihm das Logo bastelt – natürlich kostenlos, als „Lohn“ wird Ruhm und Ehre angeboten. Mein Hinweis, dass dies doch wohl ziemlich übles Schmarotzertum sei, konterte man mit dem Verweis, dass alle Piraten kostenlos und unter Einsatz von übermenschlichen Kräften am gemeinsamen Guten basteln, wie jede andere Nichtregierungsorganisation auch. Die Zeichen für eine endzeitartige Verwirrung sind deutlich: Eine Pleite-Partei, deren Ziel die ersatzlose Enteignung meines Berufsstands ist, stellt sich auf eine Stufe mit Greenpeace, Amnesty oder dem Roten Kreuz. Ach ja: Ich selbst sei ein „Copyright-Troll“, wurde mir bescheinigt. So viel Ehre…

Wo wir schon bei den Freunden mit dem Totenkopf sind: Erstaunliches förderte eine Studie der EU zum Umgang mit Piraterie zutage. 96 Prozent der befragten Bürger sprachen sich für wirksamen Schutz des Urheberrechts aus; 42 Prozent fanden aber, dass man sich zum privaten Gebrauch kostenlos bedienen darf bei Filmen, Musik und anderem. Das ist reichlich paradox, allerdings sollte es unserer Branche zu denken geben: wir benötigen brauchbare Bezahlmodelle für E-Book-Abos. Wir haben für die Musikbranche inzwischen einige Untersuchungen über den Einfluss von Spotify auf die Bekämpfung von Piraterie: so ging in Norwegen die Zahl der illegalen Downloads um 80 Prozent zurück. In den Niederlanden wurde ermittelt, wieviele der registrierten Internet-Adressen benutzt werden, um illegale Torrent-Dienste zu nutzen – dort sank die Zahl von 35 Prozent im Jahr 2008 auf 27 Prozent im Jahr 2012; allerdings waren die 10 Prozent der aktivsten Zugreifer für die Hälfte aller Downloads verantwortlich. Was heißt das? Ganz einfach: Unsere Kunden haben eigentlich keine besondere Lust, E-Books zu klauen. Wir müssen ihnen allerdings einfache und kostengünstige Lösungen zur Verfügung stellen. Wäre das nicht eine Idee für die MVB, die dem Unglücksprojekt Libreka damit vielleicht so etwas ähnliches wie Nützlichkeit einhauchen könnte? Ich frage ja nur ganz vorsichtig…

Wenn man die Verkäufe der Selbstverleger kumuliert, entsprechen sie denen, die einer der “Big Six” der US-Verlage erzielt

Hier in Mexiko traf ich einen britischen Verleger, der mir zuerst sein Leid klagte und mir dann aus ganzem Herzen versicherte, dieser ganze Selfpublishing-Kram werde sich in Kürze von selbst erledigen. Da hatte er wohl noch nicht die Meldung gelesen, dass ein Viertel aller Bücher, ob gedruckt oder elektronisch, die Amazon in den USA verkauft, von den Indies stammen. Im Artikel aus dem Guardian bringt es ein erfolgreicher Selfpublisher auf den Punkt: Wenn man die Verkäufe der Selbstverleger kumuliert, entsprechen sie in etwa denen, die einer der “Big Six” der US-Verlage (Random House, Penguin, Hachette, Simon & Schuster, HarperCollins, Macmillan) erzielt. Das ist ordentlich, finde ich.

In diesem Zusammenhang ist allerdings eine Tabelle aus dem Wall Street Journal, in der die 200 Traumberufe aufgelistet sind, durchaus erwähnenswert (mit Dank an Thomas Knip, der das gefunden hat): “Schriftsteller” taucht auf Platz 156 auf. Zwischen “Corporate Executive (Senior)” und Busfahrer. Auf Platz 1 der Liste fand sich der Versicherungsmathematiker, ganz am Ende der Zeitungsreporter (also meiner einer). Bevor Sie mich bedauern: Buchhändler und Verleger kommen gar nicht vor. Unter dem Stichwort “Buch” gibt es den Buchhalter, auf Platz 71. Das Leben ist ungerecht…

In der vergangenen Woche hatte ich Ihnen ja erzählt, dass einige bekannte russische Schriftsteller keine Lust hatten, an einem Literaturkongress teilzunehmen, nachdem Präsident Putin sein Erscheinen angekündigt hatte. Trotzdem kennt seine Liebe zu den Autoren offensichtlich kaum Grenzen: Jetzt hat er gleich einen neuen Schriftstellerverband aus der Taufe gehoben: 2014 soll Putins Schreiberstadl seinen ersten Kongress abhalten, mehr als 1000 Autoren sollen Mitglied werden. Und 2015 soll in Russland das “Jahr der Literatur” stattfinden. So viel Liebe…

Amazon und dessen Idee, Bücher und andere Dinge irgendwann per Drohne auszuliefern, ist ja in dieser Woche ordentlich bespottet worden. Auf Facebook kam der Vorschlag, gemeinschaftlich zum “Drohn-Taubenschießen” anzutreten. Nicht schlecht. Das Video zum Projekt ist dermaßen bescheuert, dass ich es Ihnen natürlich nicht vorenthalten darf. Hier ist es:

Natürlich fand ich die Antwort von Waterstones, man werde stattdessen dressierte Eulen einsetzen, auch ganz prima:

Und die Mitteilung von Osiander, statt motorisierten oder gefiederten Sendboten auf UFOs setzen zu wollen, war ebenfalls großartig (mit bestem Gruß an Frau van Straaten):

Bei OSIANDER hat die automobillose Zukunft der Endkundenbelieferung schon längst begonnen. Unsere Antwort auf amerikanische Militärkonversion und britischen Raubbau an der Natur ist UFO: der Umweltverträgliche Fahrradkurierservice von Osiander..

Ich für meinen Teil bin eindeutig auf Seiten der Kolleginnen und Kollegen aus Tübingen.

Wo wir schon bei Leuten sind, deren Sprache mit dem Deutschen wenig zu tun hat, schauen wir zum Schluss nach Kambodscha. Dort hat auch eine Buchmesse stattgefunden. Klein, sehr klein ist sie, mit 15 Ausstellern. Die Phnom Penh Post berichtet darüber und hat zu erzählen, dass in dem Land, das bis heute noch unter den Verwüstungen der Roten Khmer leidet, Lesen außerhalb der Schule praktisch nicht stattfindet. Das ist sehr bedauerlich. Falls Sie ein wenig mehr über den Buchmarkt dort wissen wollen, können Sie diesen Artikel von Anne Taupitz lesen. Oder Ihre umfassende Darstellung des Buchmarkts in Kambodscha erwerben. Es lohnt sich.

hge (c) ehlingmedia 2010

hge (c) ehlingmedia 2010

So – falls Sie noch nicht genug haben von meinen Erzählungen finden Sie hier noch etwas aus meiner Werkstatt:

  • Gespräch zur FIL Guadalajara bei “Kultur Heute” im Deutschlandfunk
  • Gespräch zur FIL Guadalajara bei “Fazit” im Deutschlandradio Kultur

Und morgen finden Sie hier auch wieder das Gedicht zum Wochenende.

Con saludos cordiales,

Ihr und Euer

hge