In dieser Serie stelle ich Ihnen in lockerer Folge die wichtigsten Buchmessen der Welt vor. Heute: Die Feria Internacional del Libro de Guadalajara.

FIL GuafalajaraGuadalajara? Die meisten Europäer zucken bei der Nennung dieser Stadt mit den Schultern. Wo ist das? In Mexiko? Und da soll es eine Buchmesse geben?

Ja. So ist es. Und die “Feria Internacional del Libro” in Guadalajara (FIL) ist nicht irgendeine Buchmesse. Sie ist die wichtigste Veranstaltung ihrer Art in der spanischsprachigen Welt.

Einmal im Jahr müssen sich Madrid und Barcelona hinten anstellen. Immer in der letzten Novemberwoche, dann steht nämlich Guadalajara im Mittelpunkt und genießt die Aufmerksamkeit von Schriftstellern, Verlegern und Lesern. Es gehört zu den erstaunlichen Entwicklungen in der Bücherwelt, dass der große spanischsprachige Markt ausgerechnet im mexikanischen Guadalajara seine zentrale Buchmesse gefunden hat.

Mit rund 2000 Ausstellern aus 40 Ländern und mehr als 600.000 Besuchern gehört sie zu den größten Veranstaltungen ihrer Art weltweit. Obwohl Guadalajara eine Metropolregion mit mehr als fünf Millionen Einwohnern ist und damit – nach Mexiko-Stadt, Los Angeles, New York und Chicago – die fünftgrößte Ansiedlung in Nordamerika, gilt die Stadt selbst in Mexiko nicht unbedingt als kulturelles Zentrum. Trotzdem betrachten auch die spanischen Großverlage die FIL in Guadalajara als Pflichttermin und, neben Frankfurt, als jährlichen Höhepunkt.

FIL Guadalajara © 2012 FIL Guadalajara, Bernardo De Niz

FIL Guadalajara © 2012 FIL Guadalajara, Bernardo De Niz

Das hat sicher mit dem Profil der Veranstaltung zu tun hat, die vor 27 Jahren von der Universität Guadalajara ins Leben gerufen wurde: Die FIL hat von Beginn an auf die Literatur-Karte gesetzt. Nirgendwo in der spanischsprachigen Welt wird ein größeres und hochkarätiger besetztes Literaturfestival durchgeführt. Nobelpreisträger wie Gabriel García Marquez oder Mario Vargas Llosa, Orhan Pamuk oder Herta Müller gehören zu den Gästen der Messe. In jedem Jahr kommen große und kleine Literaturstars hierher, aus der spanischsprachigen Welt wie auch aus anderen Ländern, und präsentieren sich ihren Lesern. Fachprogramme für Übersetzer und Bibliothekare, Leserförderung und Journalisten sowie viele weitere Zielgruppen bringen professionellen Ernst in die Sache. Mit einem ebenso ambitionierten wie konzentrierten Gastländerprogramm (2013 ist Israel Ehrengast, 2011 stand Deutschland im Mittelpunkt) wird diese Strategie unterstützt. Aus solchen  Facetten entsteht in jedem Jahr eine attraktive Veranstaltung, die trotz der Dauer von neun Tagen und täglichen Öffnungszeiten von bis zu 14 Stunden von den Ausstellern immer gerne absolviert wird. Zumal das eigentliche Ziel der literaturbetonten Strategie aufgeht: In der gesamten spanischsprachigen Welt wird tagesaktuell über die Messe berichtet, selbst in Spanien veröffentlichen die großen Tageszeitungen eigene Beilagen aus Anlass der Messe.

Natürlich funktioniert auch ein Bücherfest wie die FIL nicht ohne Geschäft und das machen die Aussteller im Wesentlichen mit dem Verkauf von Büchern an das Publikum. Für viele Menschen ist die Messe die einzige Gelegenheit des Jahres, Bücher aus neuester Produktion zu erwerben. Der Buchvertrieb in Mexiko ist schlecht organisiert, für mehr als 110 Millionen Menschen gibt es gerade einmal etwas mehr als 600 Buchhandlungen. Die Messerabatte, die von den Ausstellern gewährt werden, tun ein Übriges, um die Kauflust zu stärken. Denn Bücher sind teuer in Mexiko: Kaufkraftbereinigt sind Bücher in Mexiko beinahe zehnmal so teuer wie in Deutschland.

Für die internationalen Aussteller ist die FIL in den vergangenen Jahren für den Lizenzhandel attraktiv geworden. Vor allem die Verlage aus den größeren lateinamerikanischen Märkten wie Mexiko, Argentinien und Kolumbien kaufen hier Übersetzungslizenzen ein. Dies ist besonders für internationale Kinder- und Jugendbuchverlage zu einem lukrativen Geschäft geworden. Dank hoch dotierter staatlicher Ankaufsprogramme in einigen Ländern Lateinamerikas, mit denen eine große Zahl von Titeln zur Verteilung an Schulen und Bibliotheken erworben wird, ist hier ein florierender Markt entstanden.

Mario Vargas Llosa und Herta Müller bei der FIL Guadalajara (c) 2011 FIL, Bernardo De Niz

Mario Vargas Llosa und Herta Müller bei der FIL Guadalajara (c) 2011 FIL, Bernardo De Niz

Mit dem Direktverkauf von Übersetzungsrechten an lateinamerikanische Partner umgehen internationale Verlage das schwierigste Nadelöhr, nämlich die großen spanischen Medienkonzerne. Diese kaufen nach Möglichkeit spanischsprachige Übersetzungsrechte mit Wirkung für den weltweiten Markt – die Übersetzungen allerdings finden aus Kostengründen nur selten ihren Weg auch in die Buchhandlungen Lateinamerikas. Zudem hat sich das Alltags-Spanisch in den Ländern Lateinamerikas inzwischen so sehr entfernt von dem, was in Europa gesprochen wird, dass vor allem im Kinderbuch-Sektor eine Übernahme der europäischen Übersetzung mit großen Problemen verbunden ist; die “Lokalisierung” des europäischen Spanisch in eine lateinamerikanische Variante wird inzwischen ab und zu vorgenommen, ist aber teuer und daher ungeliebt bei den spanischen Verlagen.

Gründe gibt es also genug, um an der FIL teilzunehmen. Die Verantwortlichen der Messe machen es den internationalen Ausstellern leicht: Vielfältige Subventionen stehen zur Verfügung, dank der Wirtschaftskraft der Universität.

Dieser Post ist eine überarbeitete und aktualisierte Version eines Beitrags, den ich für Deutsche Welle Online verfasst habe.