Cincinnati Main Library (c) unknown

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In unser behüteten Bücherwelt erinnert Vieles an die englische Einstellung zu jedem Länderspiel gegen Deutschland: Obwohl Deutschland in Wembley seit 1975 ungeschlagen ist, setzten die allermeisten auch beim Spiel am vergangenen Dienstag auf einen englischen Sieg. Man könnte das als Triumph der Hoffnung über die Erfahrung bezeichnen. Oder als Qualifikation für eine Führungsposition im Verlag. Wieso? Führen Sie sich nur dieses kleine Stückchen bei idbooks über einen Survey zu Gemüte, der zur Frankfurter Buchmesse durchgeführt wurde: 535 Verlagsprofis wurden zu ihrer Einschätzung zu E-Books befragt. 96 Prozent von ihnen beteuerten, das sei die Zukunft der Branche und der Erfolg sei sicher. Wieviele der Befragten hatten jemals ein E-Book gelesen? Ähämm…  40 Prozent.

In den vergangenen sechs Monaten haben sich die Umsätze mit E-Books in den USA deutlich abgeflacht. Dazu gab es eine Menge hämischer Kommentare. Ob dieses Marktsegment tatsächlich eine Art Sättigung erreicht hat,  mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent beim Volumen und 12-13 Prozent beim Cash-Umsatz, kann derzeit niemand sagen. Die Kollegen bei Digital Book World sind sich aber sicher, dass der Aufschwung weitergehen wird. Ihre Begründung: Eltern erziehen ihre Kinder zu E-Book-Lesern, und das in zunehmendem Maße. Deutlich mehr Eltern als im vergangenen Jahr wollen ihren Kids in diesem Jahr zu Weihnachten ein Lesegerät und E-Books schenken. Und dazu gibt es auch eine Studie.

Sie erinnern sich möglicherweise an die Hysterie, die im Oktober in Großbritannien ausbrach, als festgestellt wurde, dass bei der Suche nach E-Books in einigen Webshops neben putzigen Kinderbüchern auch ziemlich schröckliche Porno-Elaborate auftauchten. WHSmith nahm daraufhin seinen Shop für eine Woche vom Netz, sein Zulieferer Kobo schwang drakonisch den Besen und schmiss kurzerhand sämtliche Titel aus dem Sortiment, die von Self Publishern stammten. Amazon und Barnes & Noble (Nook) reagierten ähnlich, aber weniger geräuschvoll. Jetzt hat die britische Booksellers Association beschlossen, doch kein Kontrollgremium einzurichten, das die Inhalte von Online-Shops überwacht. Der Verband schlug vor, dass Buchhändler und Zulieferer gefälligst ihren ureigenen Job machen sollen: selbst auswählen, was man verkauft, ob gedruckt oder digital. Ein bemerkenswerter Anfall von Weisheit, wie ich finde.

Nochmal in Sachen Self Publishing: Wolfgang Tischer, der verdiente Oberkellner im Literaturcafé, hat die Hintergründe der ganzen Selbstverlegerei äußerst lesenswert zusammengefasst.

Es tut sich was im Kinderbuchgeschäft, und das weltweit. Das sehen auch die Wikinger von Egmont so und haben ihr internationales Geschäft zusammengefasst. “Egmont Publishing” bündelt zukünftig die bisherigen Abteilungen Egmont Magazines und Egmont Kids Media. Neuer Überboss wird Rob McMenemy, bisher Statthalter in Britannien. Betroffen davon sind auch die deutschen Ableger wie Lyx, Ehapa und vgs; nur Skandinavien bleibt außen vor.

Was kommt nach dem Urteil im Prozess um Google Books? Nachdem Richter Denny Chin das illegale Scanning von der niedrigen Straftat zur weltrettenden Kulturtechnik heruafgeadelt hat, wird die US-amerikanische Authors’ Guild bei ihrer angekündigten Berufung mehr brauchen als Glück und einen freundlicheren Richter. Falls, was anzunehmen ist, das Urteil Bestand haben sollte, wird künftig nur der Gummibegriff des “fair use” als Maßstab dienen bei der Frage, wie komplett ein urheberrechtsgeschützter Text ohne vorherige Genehmigung kopiert und online gestellt werden darf. Ja, ich stimme Richter Chin gerne zu, wenn er findet, dass ein digitaler Index des Weltwissens eine äußerst nützliche Angelegenheit ist, nicht erst seit Borges träumen wir ja alle von der Universalbibliothek. Aber das Google Book Projekt ist nun einmal keine mildtätige Veranstaltung, sondern eine strategische Unternehmung, mit der Google seine Suchergebnisse noch weiter verbessert und damit die Nutzer noch fester an sich bindet. Die Suchergebnisse bei Google Books gehen deutlich über die bei Google News hinaus und die Möglichkeiten zu Urheberrechtsverletzungen sind sehr hoch. Die Bibliotheken jubeln jetzt, was zu erwarten war. Wir Lohnschreiber haben allerdings kräftig eins auf die Nase bekommen.

Übersetzer, das wissen wir, sind die heimlichen Helden der Branche. Der Guardian hat jetzt in einer schönen Geschichte der hochverdienten  Anthea Bell seine Reverenz erwiesen. Die Dame hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass deutsche und französische Literatur den Weg in die anglophone Welt gefunden haben, von Kafka und W.G. Sebald bis hin zu Asterix. Sehr schön.

Wo wir gerade bei den Veteranen sind: Daniel Menaker, früher Lektor und Programmchef bei Random House und HarperCollins, hat gerade eine sehr trockenhumorige Autobiographie veröffentlich. Darin geht es natürlich vor allem um die Kapriolen in der US-amerikanischen Branche, aber der alltägliche Wahnsinn, den er beschreibt, ist auch auf unserer Seite des Atlantiks komfortabel beheimatet. Große Egos, schechte Kopfrechner. Ja, das kennen wir auch.

Menakers früherer Arbeitgeber Random House war ja Schuld am Welterfolg der Fifty Shades of Grey. Was auch immer sie von der Sache halten mögen – sie hat dem Buchhandel ordentliche Umsätze beschert, woran sollen wir als herumkritteln. Allerdings naht neues Unheil: Frau James hat bekannt gegeben, dass sie einen neuen Roman geschrieben hat. Ja, mit Sex darin. Wie sagt doch Kurtz am Ende von Heart of Darkness? “The Horror! The Horror!”…

Japan gehört zu den Ländern, in denen es nicht allzu weit her ist mit der E-Book-Revolution. Die Sache geht recht schleppend voran, allerdings haben sich die Umsätze laut goodereader im Jahr 2012 auf knapp 37 Milliarden Yen verdreifacht. Der Wagen ist also losgerumpelt. Allerdings macht das immer noch nur einen Bruchteil am gesamten japanischen Buchmarkt aus, der belief sich nämlich auf 1,7 Billionen Yen. Wir erfahren in dem Artikel auch noch einige andere interessante Sachen, wie etwa, dass die Online-Shops in der Regel nicht mehr als 100.000 bis 300.000 Titel anbieten, oder dass es in Japan mehr als 14.000 Buchhandlungen gibt, von denen einige angeblich eine Million Titel auf Lager haben. Mein kleiner Vorbehalt gegenüber dieser Geschichte ist, dass nirgendwo die Quellen für diese Angaben zu finden sind, und dass auch die statistischen Daten nicht definiert werden. Das macht das Ganze etwas weniger beeindruckend. Lesenswert ist das Stück trotzdem.

Unser aller Börsenverein hat in dieser Woche in Sachen Open Access Wellen geschlagen. Am Montag veröffentlichte der Verlegerausschuss eine “Meinung” zum Thema, die sich anhörte wie ein Friedensangebot an die Wissenschaftler und ihre Institute. Die Autoren wiesen sogar ausdrücklich darauf hin, dass die Preispolitik einiger Wissenschaftsverlage in der Vergangenheit wenig friedensfördernd war. Am Donnerstag donnerte dann Verleger Manfred Meiner los. Nein, es sei gar nicht so, dass die Verlage insgesamt einen neuen Gesprächsfaden suchten. Es habe keine Diskussion des Meinungspapiers gegeben, weder die Geschäftsführung noch der Vorstand des Verbands seien über die Sache informiert gewesen. Und, wo er schon einmal beim Donnern war, forderte Herr Meiner Herrn Ulmer, den Vorsitzenden des Verlegerausschusses auf, von seinem Amt zurückzutreten.
Jungs! Jungs!!!!

Nochmal Open Access – aus den USA kommt ein nettes kleines Teilchen: Der Open Access Button hat am Dienstag das Licht der Welt erblickt. Das Ganze ist eine Art Lesezeichen, wie Sie das von Ihrem Browser kennen. Immer, wenn jemand bei seinen Recherchen auf eine Bezahlsperre trifft, wird die Markierung gesetzt. Dadurch wird der Ort der Frustration auf einer Weltkarte platziert und der frustrierte Forscher darf auch noch einen Kommentar dazu abgeben.  Der Lohn für die Mühe: Wer eine solche Markierung setzt, bekommt einen Link zugeschickt, der dabei hilft, das Material hinter der Bezahlschranke kostenlos zu finden. Anarchie in Academia. Mir gefällt das.

Falls Sie, wie ich, hoffnungslose Buchladenliebhaber sind – klicken Sie mal hier. Tolle Bilder von tollen Buchläden aus aller Welt. Viel Spaß.

Falls Sie noch nicht völlig erschöpft sind von meiner Schreiberei:

  • Frisch aus der Werkstatt: Gespräch zum Tod von Doris Lessing, das ich mit dem Deutschlandfunk geführt habe.

Und damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende. Falls Sie Lust auf Gedichte haben: Jedes Wochenende gibt’s hier auf meinem Blog ein “Poem for the Weekend”.

Ich freue mich auf Ihre Kommentare, Kritik und Anregungen,

herzlichst

Ihr und Euer

hge