FIL Guadalajara © FIL Guadalajara, Bernardo De Niz

FIL Guadalajara © FIL Guadalajara, Bernardo De Niz

Ich bin vor ein paar Tagen in Mexiko angekommen, wo ich wieder einmal an der Internationalen Buchmesse in Guadalajara teilnehme. Sie gehört seit langer Zeit zu den Höhepunkten meines Arbeitsjahres. Warum die Veranstaltung so spannend ist, hatte ich ja bereits am Montag erzählt. Über die Messe werde ich hier im Blog berichten, aber die Messe beginnt erst morgen (Sonnabend), also komme ich Ihnen heute noch nicht mit Geschichten aus Lateinamerika. Aber keine Angst, da kommt schon noch etwas: Ich bleibe einen Monat lang hier in Mexiko.

Dass Buchmessen etwas Feines sind, wissen wir. Da passt es, dass jetzt in Toronto angekündigt wurde, dass es in dieser kanadischen Metropole ab dem kommenden Jahr wieder eine Buchmesse geben soll, und zwar vom 13. bis 16. November. Seit 2009 fehlt Toronto im jährlichen Messekalender, nachdem der bis dahin stattfindende „BookExpo Canada“ der Garaus gemacht worden war. Allerdings ist fraglich, ob es sich für internationale Verlage lohnen wird, dort teilzunehmen – das Geschäftsmodell beruht einzig darauf, Bücher direkt an Kunden zu verkaufen.

In dem Land, das man auf dem Weg von Mexiko nach Kanada überfliegen muss, gab es Lebenszeichen von Barnes & Noble. Der nach Amazon größten Buchverkäufer der USA startet seinen Nook-Shop in 32 Ländern und in 21 Sprachen. Na endlich, kann ich da nur sagen – seit Jahren war diese Expansion angekündigt, allerdings lief das alles doch sehr ab nach dem Vorbild der Braut, die sich nicht traut. Ob da jemand im BN-Management den firmeneigenen Weltatlas verlegt hatte und man sich deshalb so schwer tat, Orte wie München oder Paris oder Madrid zu finden, von denen man schon einmal gehört hatte? Nun ja, vielleicht gab es ja auch gute Gründe dafür, dass man sich im Frühjahr 2012 einen Briefkasten in Berlin zulegte, aber ansonsten die deutsche Verlagslandschaft nicht weiter behelligte. Jetzt geht’s also los mit der weltweiten Lese-App, die zu den einzelnen Nook-Shops führt. Und zwar, so jedenfalls die Ankündigung, in Verbindung mit Windows 8.1.

Äh, ja – nun ist Windows zwar weiterhin das dominante Betriebssystem für PCs, allerdings ist Windows 8 bislang noch schwach vertreten, und kein Mensch liest E-Books auf dem PC. Microsoft hat bislang keine Bein auf den Boden bekommen bei mobilen Geräten: Android und Apple machen da das Geschäft unter sich aus. Microsoft hält 17 Prozent an der Nook-Division von BN und will augenscheinlich mit der Lese-App einen Hebel ansetzen, um Kunden für seine eigenen Geräte zu fischen – eine echte Partnerschaft von Verlierern also. Am Dienstag wurde eilig die Meldung nachgeschoben, dass die Nook-App als einziges Leseprogramm auf den neuen Galaxy3 Kids-Tablets von Samsung vorinstalliert sein soll. Wenn diese Android-Version der App halbwegs brauchbar sein sollte, wäre das interessant für Leser und Verlage. Wenn dann auch noch das Angebot im Nook-Shop ein bisserl weniger schwachbrüstig daherkäme, wäre das wohl auch recht hilfreich.

Bleiben wir beim Buchhandeln: Ob die Indies in den USA eine tiefgreifende Liebe zu ihrem Branchenverband ABA hegen, vermag ich auch nicht zu sagen. Allerdings hat es die ABA geschafft, in den vergangenen Jahren den rapiden Mitgliederschwund zu stoppen und gleichzeitig dabei zu helfen, den unabhängigen Buchhandel so zu stärken, dass selbst die größten Verlage sich eifrigst darum bemühen, diesen Vertriebskanal zu pflegen. Das hat das US-Banchenblatt Publishers‘ Weekly jetzt honoriert und den ABA-Geschäftsführer Oren Teicher samt seinen Vorstandskollegen zur „Person des Jahres“ ernannt. Wir gratulieren artig.

„Metadaten“ – geht Ihnen bei dem Wort nicht auch das Herz auf? Man könnte manchmal den Eindruck haben, dass die Zukunft der zivilisierten Welt vom richtigen Umgang mit Metadaten abhängt. Wer das nicht kapiert, ist ein armseliger Wicht. Ob solcher Humorlosigkeit bei diesem Thema tut es ganz gut, das kleine Stück von Thad McIlroy zu lesen: Er zeigt die Bedeutung von Metadaten ganz praktisch und einfach am Beispiel seiner Suche nach Informationen über James McBride, der gerade den National Book Award in den USA erhalten hat. Sein Fazit: Falls Ihre Eltern Ihnen keinen halbwegs originellen Namen verpasst haben, sollten Sie nachdenken über ein knackiges Pseudonym, jedenfalls dann, wenn Sie als Schreiberling reüssieren wollen. Das hört sich banal an, aber der Artikel zeigt, dass Metadaten wirklich keine Raketenforschung darstellen. Weshalb ich mich frage, warum so viele Verlage das immer noch nicht richtig machen.

In der vergangenen Woche fand in Kairo ein Deutsch-Ägyptisches Schriftstellertreffen statt. Wie Al Ahram berichtet, waren sich die sechs Autoren, jeweils drei aus beiden Ländern, vor allem einig. Das ist fein. Man fragt sich allerdings, was die deutschen Teilnehmer empfunden haben angesichts der dramatischen Situation im Land, die auch dazu führte, dass der Veranstaltungsort verlegt werden musste – das Goethe Institut ist nahe beim Tahrir-Platz gelegen, der das Zentrum der Auseinandersetzungen beider Seiten ist. Der Bericht von der Konferenz mag nicht in allen Belangen vollständig sein; großer Raum wird allerdings dem künstlerischen Selbstverständnis der Autoren eingeräumt. Und da betonten alle, dass der kreative Schreibprozesses letztlich ein unplanbarer, schöpferischer Akt ist. Das liest sich ein wenig altväterlich, aber wenn die Künstler das so sehen, dann ist das wohl so. Und Schreibseminare sind dann also auch überflüssig. Gut zu wissen.

Wir bleiben bei den Freuden der politischen Einflussnahme auf die Büchermacher: In Weißrussland hat der Oberste Gerichtshof den Lizenzentzug für den Verleger Ivar Lohvinau bestätigt. Sein Verlag hatte vor zwei Jahren einen Bildband mit preisgekrönten Fotos veröffentlicht. Unter diesen Fotos befanden sich auch solche, die Demonstranten zeigten, die von der weißrussischen Polizei misshandelt worden waren. Deshalb entschied das zuständige Informationsministerium im September dieses Jahres, Lohvinau wegen „grober Verstöße gegen die Lizenzgesetze“ zu belangen und seinen Verlag aus dem Verkehr zu ziehen. Jetzt wurde dies vom Obersten Gericht des Landes bestätigt, das dem Verlag bescheinigte „extremistisches“ Material veröffentlich zu haben. Dieser Begriff, der in den weißrussischen Strafgesetzen nicht eindeutig definiert ist, wird von dem Regime gerne genutzt, um missliebige Kritiker zum Schweigen zu bringen.

Auch China ist uns ja wohlbekannt als Land, das nicht eben den freundschaftlichsten Umgang pflegt mit seinen Dissidenten. China erster Nobelpreisträger für Literatur, Gao Xingjian, der den Preis im Jahr 2000 erhielt, hat kürzlich von der Repression und Gewalt erzählt, die ihn schließlich ins Exil getrieben hat. Seit der Zeit der Kulturrevolution im Jahr 1967 wurde er verfolgt und entschloss sich, seine Manuskripte zu verbrennen. Später, als er zur „Umerziehung“ aufs Land verbannt war, verbarg er seine Texte zunächst in Erdlöchern, bevor er auch diese verbrannte.

Kunst und Literatur müssen die Politik abschütteln um wirkliche Freiheit erreichen zu können.
Gao Xinjiang

Rote Garden

Rote Garden

Gao lebt seit 1987 in Frankreich und ist seither nicht mehr nach China zurückgekehrt. Heute, so sagt er, ist er mehr an dem interessiert, was sich in Europa ereignet. Trotz dieser Verweigerung des politischen Protests hat ihn das Regime in China immer wieder als Abtrünnigen beschimpft und die Verleihung des Nobelpreises an ihn heftig kritisiert. Mo Yan, der 2010 den Nobelpreis erhielt, wurde von der Regierung als erster chinesischer Preisträger gefeiert – allerdings hat es Mo Yan in seiner Karriere als Schriftsteller stets verstanden, sich die Autoritäten gewogen zu machen, und welches Regime hat nicht gerne seine Kuschelschreiber? Ich kann mich noch gut an den Skandal erinnern, als Gao Xingjian der Zugang zum Salon du Livre in Paris verweigert wurde, als China dort Gastland war – die französischen Organisatoren mussten, genau wie die Kollegen bei den Buchmessen in Frankfurt und London, erfahren, dass es nicht die beste aller Ideen ist, eine solche Veranstaltung in die Obhut der chinesischen Zensur zu geben: Diese Leute verstehen ihren Job, wie diejenigen Autoren, deren Texte ins Chinesische übersetzt werden, nur allzu oft feststellen: Alles, was auch nur ansatzweise gegen die Linie der Partei sein könnte, wird konsequent gestrichen – die merkwürdigen Ideen der Gweilos sollen doch nicht die zarten Seelen der chinesischen Leser verwirren, oder?

Wenn es um Zensur geht, müssen wir aber gar nicht unbedingt in entfernte Länder wie Weißrussland oder China schauen: Irritierende Beispiele finden wir auch im ach so demokratischen Westen: Apples Entschluss, 59 Comic-Bände aus seinem Shop zu werfen sollte uns fragen lassen, für wen zum Teufel diese Unternehmensriesen sich eigentlich halten? Selfpublisher haben erst im Oktober die Schwachsinnsentscheidung von Kobo ertragen müssen, sie allesamt rauszuschmeißen. Damals hatten Skandalnudeln in Großbritannien herausgefunden, dass Algorithmen dumm sind: Bei der Suche nach Schlagwörtern wie „daddy“ im Onlineshop von WHSmith tauchten neben Kinderbüchern auch pornographisches Ekelzeugs auf. Weil diese Sachen von Selfpublishern stammten, schmiss Kobo, das den Shop für WHSmith bestückt, kurzerhand alle Selbstverleger aus dem Sortiment. Im vergangenen Jahr machte sich PayPal auf zum moralischen Kreuzzug und die Zahlungsdienstleistungen – Smashwords musste seinerzeit eine dringende Warnung an alle seine Kunden schicken, weil mit dem Wegfall des PayPal-Services das gesamte Geschäftsmodell zusammengebrochen wäre. Nicht genug mit solchen Übergriffen: Eine Studie des American PEN hat ergeben, dass viele Autoren aus Angst vor der Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste sich selbst zensieren.
Nein, ich rede nicht der allgemeinen Narrenfreiheit das Wort, es gibt auch bei uns Gesetze gegen Gewaltverherrlichung, Rassismus, Antisemitismus und Pornographie, und dies aus gutem Grunde. Aber diese Gesetze haben durch die entsprechenden staatlichen Behörden angewendet zu werden. Weder Sie noch ich haben darüber zu entscheiden, was veröffentlicht werden darf und was nicht – und erst recht nicht irgendwelche Internetgorillas oder jene Dienste, die man im Englischen mit bitterer Ironie als „Intelligence Services“ bezeichnet. Blockwarte – nein danke!

Voller Sorge schauen wir nach Russland, wo sich das hässliche Haupt des Ungehorsams erhoben hat, und das gegenüber dem in aller Welt verehrten und bewunderten, einzigartigen und großartigen Präsidenten Vladimir Putin. Der hatte in seiner großen Güte und Warmherzigkeit beschlossen, eine Literatenkonferenz in Moskau zu beehren. Die undankbaren Schriftsteller in Moskau aber zeigten ihrem Präsidenten die kalte Schulter; der Krimi-Autor Boris Akunin schrieb, so lange es politische Gefangene in Russlands Gefängnis gebe, wolle er sich nicht im gleichen Raum mit Präsident Putin aufhalten. Der Besuch wurde daraufhin abgesagt. Das ist natürlich ein nachhaltiger Schaden für die russische Literatut: Wir wissen ja von unseren nordkoreanischen Kollegen, wie fruchtbar gelegentliche Besuche eines Staatschefs bei Künstlern sind: Der geliebte Führer Kim Il-sung war immer wieder bei Autoren, Malern und Bildhauern zu Besuch vorbei gekommen und hatte Rat und Weisungen erteilt. Die Autorenabsage an Putin wird wohl verhindern, dass die russische Literatur sich emporschwingen kann zum Welterfolg der nordkoreanischen Literatur. Boris Akunin und die seinen sind Schuld daran.

Zum Schluss schauen wir nach Afrika: Dort hat mir ein Plädoyer der Nigerianerin Chinelo Onwualu gefallen, die die Autoren ihres Kontinents auffordert, sich auf die „eigenen Geschichten“ zu besinnen: „Die Geschichten von unserem eigenen Pantheon mit unseren Göttern und Göttinnen sind verschwunden und ebenso die von den Helden und Heldinnen, die unsere Welt eingerichtet haben; und mit diesen Geschichten ist auch die kulturelle Landschaft verschwunden, die in ihnen beschrieben wurde.“ Statt dessen gebe es allenfalls noch die immer gleichen Kindergeschichten von Schildkröten oder Spinnen, wo doch das kulturelle Erbe des afrikanischen Geschichten-Fundus so viel größer sei. Statt diese Geschichten zu nutzen und in moderner Form neu zu erzählen, verwendeten heutige Autoren, ob in Romanen oder Filmen, die traditionellen Riten nur noch als Mittel, um eine Person als der schwarzen Magie verhaftet zu beschreiben und damit zum Bösewicht zu stempeln. Tatsächlich kann ich mich seit Ben Okris Roman The Famished Road (Dt. Die hungrige Straße, KiWi / dtv, vergriffen) eigentlich kaum noch an Texte aus Afrika erinnern, die wirklich kreativ und originell mit den Traditionen umgegangen wären.

Falls Sie die Nase noch nicht komplett voll haben von meinen Erzählungen, schauen Sie doch einmal nach, was in dieser Woche aus meiner eigenen Werkstatt gekommen ist:

Ich freue mich auf Ihre Kommentare, Anregungen und Kritik. Und ich würde mich freuen, wenn Sie am Wochenende vorbeischauen würden bei meinem „Poem for the Weekend“, das ich immer Sonnabends poste.

Beste Grüße
Ihr und Euer

Holger Ehing