London Book Fair at Earl's Court (c) ehlingmedia 2011

London Book Fair at Earl's Court (c) ehlingmedia 2011

Gibt es eine Konkurrenz für die Frankfurter Buchmesse? Eigentlich nicht. Denn größer als der Champion am Main ist keine Buchesse. Aber das Frühjahr gehört der London Book Fair.

Buchmessen, die wirklich weltweite Bedeutung haben, sind rar gesät: Frankfurt, Bologna, London; mit Abstrichen auch die BookExpo America. Gemeinsames Kennzeichen: In ihrem Namen kommt das Wort “International” nicht vor. Wer wirklich international bedeutend ist, muss das nicht mit Wörtern beklingeln.

Es war im März 1995, als Mike Alsop, gerade frisch berufen zum Direktor der Londoner Buchmesse, die sich damals noch “International” nannte, ein langes Gespräch führte mit Peter Weidhaas, seinerzeit Direktor der Frankfurter Buchmesse. Kümmerlich sah sie damals aus, die London Book Fair, : Wenige Aussteller, kein Konzept, selbst britische Verlage fanden sie unnütz. Alsop hörte zu, lernte und setzte um. Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem Sorgenkind des Messeveranstalters Reed Exhibitions ein Wonneproppen: Durch die konsequente Konzentration auf den Business-Aspekt der Buchmesse und erfolgreiche Avancen an die internationalen Literaturagenten entstand der unumstrittene Marktführer unter den internationalen Frühjahrsbuchmessen. Was die Frankfurter Buchmesse mächtig stört: 2006 wurde der Versuch gestartet, in London eine Konkurrenzmesse zu etablieren. Der Versuch scheiterte kläglich.

Wer den Erfolg der London Book Fair verstehen will, der muss sich beschäftigen mit den Strukturen des internationalen Verlagswesens. Dieses wird dominiert von den englischsprachigen Verlagen. Die größten dieser Verlage sind zwar seit Jahren im Besitz von deutschen, niederländischen und französischen Medienkonzernen, aber: Englisch ist die Sprache der Welt. Die USA, Großbritannien und der Commonwealth bilden einen Buchmarkt, der zwar fragmentiert ist – er ist aber trotzdem der mit Abstand größte der Welt.

Besonders das Übersetzungsgeschäft ist die Domäne des Englischen: Rund 70 Prozent aller Übersetzungen ins Deutsche kommen aus der englischen Sprache. Auch in Skandinavien, Frankreich, Italien oder in der spanischsprachigen Welt ist die Situation ähnlich.

Hier setzt die Londoner Buchmesse an: Ohne Störung durch Buchkäufer können die Aussteller, Agenten und Fachbesucher ihren Geschäften nachgehen. Dies danken Sie auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten durch stabile Teilnahme, obwohl die Gebühren in London zu den höchsten weltweit zählen.

Seit einigen Jahren hat die London Book Fair ihr Fachprogramm um den Blick auf internationale Märkte erweitert: Ein „Market Focus“-Programm wurde eingeführt, das im Gegensatz zum Frankfurter Vorbild in der Regel nur wenig Notiz nimmt von den kulturellen Aspekten der ausgewählten Länder. Stattdessen geht es um die Möglichkeiten, erfolgreich in diesen Ländern Geschäfte zu machen. Diese grundsätzliche Interesselosigkeit an Literatur und Kultur mag man bedauern, sie entspricht allerdings dem Verständnis von Kulturarbeit, wie sie in Großbritannien vorherrscht. Die vielen Fachvorträge zum Thema sowieso Netzwerk-Veranstaltungen erfüllen tatsächlich ihren Zweck: Englischsprachigen Verlagen den Weg in neue Märkte zu ebnen.

Wie sinnvoll diese Beschränkung auf das Wirtschaftliche sein kann, erfährt die London Book Fair in diesem Jahr: Das Schwerpunktland China steht heftig in der Kritik, da die Präsenz organisiert wird von der chinesischen Presse- und Zensurbehörde GAPP. Dementsprechend hartleibig-ideologisch ist das Begleitprogramm gestrickt. Proteste hagelte es in großer Zahl: Von der Nobelpreisträgering Herta Müller über den Independent Chinese PEN bis zum britischen PEN, der seine Zusammenarbeit mit der Messe für dieses Jahr ausgesetzt hat, wird den Veranstaltern vorgeworfen, unkritisch und damit verantwortungslos ein PR-Programm für ein Regime zu veranstalten, das in Sachen Menschenrechte einfach nur widerlich zu nennen ist.

Diese Proteste erinnern an die Frankfurter Skandalbuchmesse des Jahres 2009, als dem chinesischen Regime eine Jubelfeier ausgerichtet wurde, pünktlich zum 60. Jahrestag der Machtergreifung der Kommunistischen Partei, zum 50. Jahrestag der Vertreibung des Dalai Lama und zum 20. Jahrestages des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens.

Der chinesischen Jubel-Anlass in London in diesem Jahr? 90 Jahre Kommunistische Partei. Na, da gratulieren wir doch herzlich.