OrussayMarket, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

OrussayMarket, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

Der heutige kambodschanische Buchmarkt hat sich noch immer nicht von den Folgen des Khmer-Rouge-Regimes erholt, während dessen die meisten Bücher zerstört und zahlreiche Autoren, Bibliothekare und Wissenschaftler getötet wurden. Doch trotz scheinbar unüberbrückbarer Probleme für Autoren, Verleger und Buchhändler werden Bücher im heutigen Kambodscha geschrieben, publiziert und verkauft. Ein Bericht unserer Gastautorin Anne Taupitz.

Traditionell wurden Texte in Kambodscha in Klöstern und Palästen durch Abschriften kopiert. Während des französischen Protektorates, das von 1863 bis 1953 andauerte, wurde die Drucktechnik gegen den Widerstand traditionalistischer Mönche im Land eingeführt und Bücher so der Bevölkerung zugänglich gemacht. Doch als 1975 die kommunistischen Roten Khmer bis in die Hauptstadt Phnom Penh vordrangen, schafften sie das Geld, Märkte und Privateigentum ab und verfolgten die ehemalige Elite. Insgesamt wurden mehr als 200 der ungefähr 300 Autoren, die nach der Unabhängigkeit von Frankreich aktiv waren, getötet und nur vier der 47 Angestellten der Nationalbibliothek Kambodschas überlebten die Zeit. Es wird geschätzt, dass 80 bis 90 Prozent der Büchersammlung Kambodschas verloren gingen. 1979 endete die Herrschaft der Roten Khmer im Großteil des Landes und Kambodscha wurde nach und nach wieder aufgebaut.

Die komplette Zerstörung der Infrastruktur und der Verlust der Fachkräfte belasten bis heute.

Die komplette Zerstörung der Infrastruktur und auch der Verlust der Fachkräfte erschwerten den Neuanfang und belasten Kambodscha und seinen Buchmarkt noch heute. Kambodscha gehört heute zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt und ist daher weitgehend auf ausländische Kredite und Subventionen angewiesen.

Susanne Mayer überschrieb 2006 ihre Suche nach moderner kambodschanischer Literatur mit „Überleben statt lesen“; der Titel benennt die Situation vieler Kambodschaner treffend : 2007 verfügten 30,1 Prozent der Bevölkerung über ein Einkommen unterhalb der nationalen Armutslinie, die den finanziellen Bedarf zur Deckung der Grundbedürfnisse markiert. Zudem konnten Jahr 2008 nur 77,6 Prozent der über Fünfzehnjährigen lesen.

Doch Autoren und Verleger beklagen auch das fehlende Interesse von Schülern und Studenten an Büchern, das sie unter anderem mit starken Alternativmedien wie TV und Radio und der autoritären Lehrmethode erklären. Letztere bewirkt, dass oft nur das Kennen der von den Lehrenden herausgegebenen Arbeitsblätter zum Bestehen der Prüfungen erforderlich und das Lesen zusätzlicher Literatur unnötig ist.

Zudem gibt es zu vielen Themen keine Bücher in der Landessprache Khmer, weshalb Bücher längst nicht jedes Wissens- oder Unterhaltungsbedürfnis befriedigen können. Auch werden kaum Marktforschungen durchgeführt: Autoren, Verlage und Buchhandlungen kennen ihre Kunden also nur unzureichend und können somit nicht auf deren Interessen reagieren.

Durch den Buchkauf wird die Arbeit der Autoren, Verlage und Händler finanziert. Die Möglichkeit und Bereitschaft zum Buchkauf durch Leser oder Dritte, wie beispielsweise Bibliotheken, sind also Grundvoraussetzungen für das Bestehen eines Buchmarktes. Die Situation der Leser beeinflusst damit auch die möglichen Verkaufspreise und damit die Umsätze der Autoren, Verleger und Händler.

Geldmangel und Unterdrückung oppositioneller Meinungen

Tatsächlich können die wenigsten Autoren vom Schreiben leben und die meisten ihrer Manuskripte können aufgrund fehlender Gelder gar nicht publiziert werden. Zusätzlich werden die Opposition und oppositionsnahe Medien unterdrückt und auch Autoren, die die Mächtigen des Landes verärgern, werden bedroht. So musste der bekannte kambodschanische Buchautor Kong Bunchheoun aufgrund von Drohungen das Land verlassen. Er hatte in einem seiner Romane, basierend auf einer wahren Begebenheit, beschrieben, wie die Hauptfrau eines hochrangigen Politikers seine Nebenfrau durch ein Säureattentat entstellte.

Auch das fehlende handwerkliche Know-how der Autoren verursacht Probleme: Ein Verleger berichtete 2011 davon, dass er viele Manuskripte abweisen müsse, da die Qualität ungenügend wäre. Die Tatsache, dass es an wissenschaftlicher Literatur fehlt, die Autoren als Referenzquellen dienen könnte, behindert die Qualität des wissenschaftlichen Schreibens. Zudem fehlt es wissenschaftlichen Werken oft an jeglichem Standard, was sich beispielsweise durch das Fehlen von Quellenangaben äußert. Auch Kinderbücher weisen oft ein für die angestrebte Altersgruppe unangemessenes Niveau auf. Allerdings gibt es inzwischen verschiedene Schulungsprogramme für Autoren, die beispielsweise von der Khmer Writers Association organisiert werden. Das Qualitätsproblem wurde also erkannt und wird bekämpft.

Nationalbibliothek, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

Nationalbibliothek, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

Verlage werden bei der Buchproduktion oft umgangen, indem Autoren ihre Titel selbst drucken lassen oder damit Buchhändler beauftragen. Meist findet dabei kein professionelles Layout und Lektorat statt, was sich negativ auf die Qualität der veröffentlichten Werke auswirkt. Buchgroßhändler, die auf den Märkten der Hauptstadt Phnom Penh tätig sind, sind ein sehr aktiver Teil des Verlagssektors. Sie kaufen Autoren Manuskripte ab, lassen diese drucken und verbreiten diese anschließend gemeinsam mit Titeln, die von anderen Verlagen publiziert wurden

Auch der kambodschanische Staat wird als Verlag aktiv. Das ist bei der gesamten Schulbuchproduktion der Fall und auch das Buddhist Institute, das unter anderem kambodschanische Legenden veröffentlicht hat, ist ein staatlicher Verlag. Auch NRO-Verlage werden aktiv, wenn sie Defizite im Buchangebot feststellen. So haben sich SIPAR und Room to Read unter anderem auf das Verlegen von Kinderbüchern spezialisiert und die Produktion von Fachbüchern wird durch NROs wie Reyum Institute und Center for Khmer Studies realisiert.

Die Herstellungskosten sind hoch, da Papier, Druckfarben und -platten fast ausschließlich importiert werden und die importierten Mengen relativ gering sind. Die geringen möglichen Verkaufspreise und die hohen Herstellungskosten bedeuten geringe mögliche Einnahmen für Autoren, Verleger und Händler.

Vertrieb ist problematisch

Der Verbreitungsprozess gilt als der schwächste Teil der Buchbranche obwohl fast die gesamte Buchproduktion in der Hauptstadt Phnom Penh stattfindet aber nur 19,5  Prozent der Bevölkerung in städtischen Gebieten leben. Ein groß angelegtes Vertriebssystem existiert in Kambodscha nur für Schulbücher. Private Lieferanten kümmern sich um den Vertrieb anderer Publikationen.

Orussay Market, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

Orussay Market, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

Der wohl wichtigste Verkaufsort für Bücher ist der Orussay Market in Phnom Penh. In einem Bereich des mehrstößigen Marktgebäudes gibt es ausschließlich Bücher und Bürowaren. Die Händler dort beliefern andere Händler in der Stadt und in den Provinzen und verkaufen auch an Privatkunden.

2002 ermittelte eine Umfrage, dass 80 Prozent der Bücher in einem typischen Buchladen Raubkopien waren. Auch nach der Einführung des Urheberrechtsgesetzes ein Jahr später bleibt das Problem bestehen. Der Verkauf von Raubkopien durch die Handler trifft neben den Autoren auch die Verlage und die Handler, die ausschließlich Originale verkaufen, da Kopien zu einem deutlich geringeren Preis verkauft werden können.

Ein Buchhändler gab 2011 an, dass es durchaus Bemühungen vonseiten der Regierung gebe, Urheberrechtsverstöße zu unterbinden. So werden beispielsweise zahlreiche kopierte CDs zerstört. Da Bücher jedoch kein sehr gefragtes Produkt im Markt seien, führen auch nur zahlreiche Beschwerden zu entsprechenden Maßnahmen.

Obwohl der kambodschanische Buchmarkt von Schwierigkeiten dominiert scheint, konnten in den letzten Jahren einige Erfolge für die Weiterentwicklung des Buchmarktes erzielt werden: Im Jahr 2003 entstand die Book Federation of Cambodia. Diese sollte sich als Branchenverband etablieren und so Probleme des kambodschanischen Buchmarktes lösen. So arbeitete man an Möglichkeiten zur Reduzierung der Herstellungskosten und es wurden TV- und Radio-Spots gesendet, die Bücher und das Lesen fördern sollten. Doch vor allem aufgrund finanzieller Schwierigkeiten kann dieser Verband –trotz ehrenamtlichen Engagements einiger Mitarbeiter‑ zurzeit nicht mehr effektiv arbeiten. Doch auch die Nationalbibliothek des Landes verfolgt Pläne, in der Zukunft einen Verlagsverband zu gründen. Diese organisierte im November 2011 auch erstmals eine dreitägige nationale Buchmesse, im Rahmen derer sich ca. 20 Verlage vorstellten.

Nationalbibliothek, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

Nationalbibliothek, Phnom Penh (c) Anne Taupitz

2005 wurde zudem die nationale ISBN-Agentur in der Nationalbibliothek eingerichtet. Somit werden teilnehmende Buchverlage und deren veröffentlichte Titel nun zentral erfasst. Für die mittlerweile fast 400 registrierten Verlage ist die Nutzung der ISBN kostenfrei, sie müssen aber fünf Exemplare der Bücher an die Nationalbibliothek übergeben.

Trotz dieser Erfolge bleibt die Situation des kambodschanischen Buchmarktes schwierig. Das Ändern von branchenexternen Problemen, wie die geringe Kaufkraft im Land, liegt außerhalb des Einflussbereiches der Buchmarkt-Akteure. Brancheninterne Probleme, wie das fehlende Know-how und mangelndes Interesse an Büchern, müssen hingegen von der Branche selbst gelöst werden. Zum Lösen dieser Probleme und dem Finden des optimalen Umgangs mit branchenexternen Problemen muss das langfristige Etablieren eines Buchbranchenverbandes Priorität haben. Durch diesen könnte die Branche geschlossen auftreten, um zum Beispiel das Durchsetzen des Urheberrechts von der Regierung zu fordern oder das Lesen durch PR-Maßnahmen zu fördern.

Das Buch ist als Kulturgut mehr als nur Mittel zum finanziellen Erfolg. Dass diese Sichtweise in Kambodscha vorhanden ist, beweisen die Autoren und Verlage, die Manuskripte verfassen und verlegen, obwohl ein finanzieller Erfolg unwahrscheinlich ist und NROs, die sich für den Buchmarkt engagieren. Dieses Engagement bietet eine positive Grundlage für die erfolgreiche Weiterentwicklung des kambodschanischen Buchmarktes.

Anne Taupitz

Anne Taupitz

Anne Taupitz studiert Buchhandel/Verlagswirtschaft an der HTWK Leipzig. Sie hat ihre Diplomarbeit über den kambodschanischen Buchmarkt geschrieben und dafür auch mit Verlegern und Buchhändlern vor Ort gesprochen.