Stellen Sie sich vor, Sie gehen einkaufen. Eine Bluse, ein Hemd, Unterwäsche zum Beispiel. Die Verkäuferin an der Ladenkasse tippt die Preise ein, Sie reichen Ihre Kreditkarte zum bezahlen über den Tresen. Dann rattert das Bezahlgerät, eine Meldung erscheint und die Verkäuferin gibt Ihnen die Kreditkarte zurück und sagt: „Tut mir leid, die Bluse können Sie nicht mit Kreditkarte bezahlen, die ist zu erotisch.“

Sie finden das lächerlich? Ich auch. Aber genau dies passiert immer mehr Lesern, die im Internet E-Books mit erotischem Inhalt kaufen wollen. Jetzt wurde bekannt, dass der Internet-Zahlungsdienstleister PayPal der Firma Smashwords, einem der größten E-Book-Vertreiber in den USA, mitgeteilt hat, dass E-Books, in denen Wörter wie „Vergewaltigung“ oder „Inzest“ vorkommen, nicht mehr abgerechnet werden können. Das entspricht de facto einem Verkaufsverbot, denn Smashwords rechnet sämtliche Bestellungen über PayPal ab.

Jetzt mögen Sie sagen, dass erotische Texte über Inzest und Vergewaltigung sowieso nicht publiziert gehören. Aber: Weder Sie noch ich haben das Recht zu entscheiden, was andere Leute lesen dürfen und was nicht. Und wir haben auch nicht das Recht zu entscheiden, mit welchen Bildern und Texten andere Leute ihre erotischen Phantasien ausleben und befriedigen dürfen.

Im Internet ist die Reaktion auf den Durchgriff von PayPal gemischt ausgefallen: Jedes Unternehmen sei frei darin, zu entscheiden, mit welchen Dingen es Geschäfte macht, hieß es unter anderem.

Mit solchen Argumenten bewegen wir uns auf sehr dünnem Eis: Das Recht auf Zensur steht allein dem Gesetzgeber zu, und der hat in den meisten Ländern sehr deutliche Regeln aufgestellt. Diese Regeln besagen, dass pornographische Bilder und Texte nur Erwachsenen zugänglich sein dürfen, und manche Darstellungen, etwa wenn es um das Thema Kinderpornographie geht, sind grundsätzlich verboten. Überwacht wird dieser staatliche Eingriff durch Polizei und Staatsanwaltschaft und Gerichte – nicht aber durch Privatpersonen und Privatfirmen.

Deshalb ist es – jenseits der Frage, ob man erotische Literatur nun anregend oder abstoßend findet – überaus besorgniserregend, wenn Personen oder  Unternehmen sich zum Zensor aufschwingen. Wie neurotisch besonders in den USA das Verhältnis zur öffentlichen Darstellung von Sexualität geprägt ist, hat ja nicht nur der Aufruhr um Rotraut Susanne Berner gezeigt: Seinerzeit hatte ein US-Verlag verlangt, dass sie aus einem ihrer Wimmelbücher den winzig klein angedeuteten Penis einer Statue wegretuschieren solle – sie hatte sich geweigert,  und nach einigem Hin und Her wurde das Buch dann doch publiziert. Aber: Der ursprünglich vorgesehene US-Verlag, der sich in vorauseilendem Gehorsam gegenüber vermeintlich aufgeregten Fundamentalisten die Schere gegen sich selbst ansetzen wollte, nahm von dem Projekt Abstand.

PayPal steht mit seinem Durchgriff nicht alleine da: Seit ihrem Einstieg ins E-Book-Geschäft befleißigen sich auch Unternehmen wie Amazon oder Apple einer flächendeckenden Zensur erotischer Inhalte, die weit über die Vorschriften hinaus geht, die der Gesetzgeber in den USA oder auch bei uns erlassen hat.

Inzest oder Vergewaltigung sind widerliche Straftaten – die fiktionale Darstellung beider Straftaten ist aber durchaus erlaubt. Das mag als Haarspalterei erscheinen, ist aber von großer Bedeutung wenn es um den Schutz der Freiheit von Meinung und Kunst geht.

Wir können nicht nur  sehr gut verzichten auf solche Aufpasser, wir müssen sogar darauf verzichten.

Die PayPals der Welt machen es sich zu leicht: Es geht es nicht um eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung mit Texten. Es wird automatisch gefiltert – anders wäre den inkriminierten Begriffen ja auch nicht auf die Spur zu kommen. Wenn aber schon die Verwendung eines bestimmten Begriffs ausreicht, um einen Text vom Verkauf und Vertrieb auszuschließen, dann sind bald auch Texte betroffen, die diese Begriffe in ganz anderer Weise verwenden als der als anstößig empfundenen.

Wenn eine solche Begriffsfilterung eingesetzt wird – was soll dann geschehen, wenn in einem politischen Text das „inzestuöse Verhältnis“ zwischen einem ehemaligen Bundespräsidenten und einem Filmproduzenten beklagt wird? Oder wenn die Zahlung eines Ehrensoldes an einen wegen Verdachts auf Vorteilsnahme aus dem Amt geflüchteten ehemaligen Bundespräsidenten als „Vergewaltigung“ der gesetzlichen Vorschriften angeprangert wird? Wenn es nach den freundlichen Zensoren von nebenan geht, reichen solche Begriffe, um den Text aus dem Angebot zu werfen.

Sie mögen jetzt sagen, dass jener Ex-Bundespräsident ein mindestens ebenso groteskes Beispiel ist wie es mein Anfangsbeispiel vom Blusenkauf war. Mag sein. Aber wollen Sie wirklich, dass selbst ernannte Tugendwächter à la Amazon, Apple oder PayPal dies entscheiden? Ich sage: Wir haben unsere schlechten Erfahrungen gemacht mit dem Blockwartsystem. Wir können deshalb nicht nur  sehr gut verzichten auf solche Aufpasser, wir müssen sogar darauf verzichten.

Smashwords Erklärung gegenüber seinen Autoren.