Die 24. Ausgabe der Feria Internacional del Libro de Guadalajara ist vorbei, alles war prima, samt neuen Bestmarken bei Ausstellern und Besuchern. Gut 2000 Aussteller aus 43 Ländern sind hierhergekommen und 612.000 Besucher. Und Deutschland hat am Sonntag den Staffelstab übernommen und wird bei der Jubiläumsausgabe im kommenden Jahr als Gastland auftreten. Das ist fein. Das Goethe Institut in Mexiko kümmert sich um das Kulturprogramm, die Frankfurter Buchmesse auch.

Estafata

Wird schon werden. Vor allem, wenn die Schwergewichte des deutschen Verlagswesens, die FischerSuhrkampHanserKiWiRowohlt und Konsorten im kommenden Jahr ausnahmsweise einmal nicht das täten, was sie eigentlich immer tun: Die FIL (und viele andere Buchmessen im Ausland) zu ignorieren. Die Verlagsbosse aus diesen Häusern sind zwar immer wieder verwundert, wenn sie ihre lukrativ nach Spanien lizensierten Titel bei allfälligen Verlegerreisen nicht in den Buchhandlungen Lateinamerikas finden – aber diese Überraschung führt eigentlich nie dazu, dass die eigentlich zuständigen Leute in den Lizenzabteilungen tatsächlich versuchen dürfen, die Märkte zwischen Feuerland und Tijuana tatsächlich zu bearbeiten.

Nun ja, das Glück Lateinamerikas hängt nicht ab von der neuesten Übersetzung eines Deutschen Bücherpreisträgers.

Womit wir wieder bei der Messe wären: Über die wirtschaftliche Bedeutung der Buchmesse für die Region Guadalajara habe ich ja bereits berichtet, welche ganz konkrete Bedeutung die Veranstaltung für das Publikum hat, das merkt man so richtig an den drei letzten der insgesamt neun Messetage, wenn das allgemeine Publikum strömt. Ab dem Messedonnerstag beginnt nämlich für die mexikanischen Aussteller das eigentliche Geschäft: Im Schnitt kauft jeder Messebesucher tatsächlich ein Buch, quer durch die Sachgruppen, von Comics bis Wissenschaft floriert der Abverkauf. Für die ausländischen Aussteller, die zumeist nicht am Buchverkauf interessiert sind, beginnt die Periode des Kopfschüttelns – no vendemos , lo siento. Die teils riesigen Gemeinschaftsstände aus Lateinamerika wirken verlassen, Kunden, Leser sind vielen Verlegern etwas suspekt.

Gerade an diesen Tagen aber beginnt die intensive Werbephase um das junge Publikum: In einem eigenen Bereich der Messe, der FIL niños, präsentieren Verlage Autoren und Bilderbücher, Geschichtenerzähler sind am Werk und werden geradezu belagert von den Kids. Und die Schulklassen, die in geschlossener Formation auf die Messe gekommen sind, verstreuen sich gackernd und kichernd über das Gelände. Jetzt beginnt, was schon die ganze Zeit über dem Eingang als Motto plakatiert ist: Bienvenidos a la fiesta de los libros.

Fiesta y fiesteras

Die Fröhlichkeit, die an diesen Messetagen von den Kindern ausgeht, ist ansteckend – leider aber ziehen allzu wenige Eltern in Mexiko daraus die Konsequenz, ihre Kinder regelmäßig mit Lektüre zu versorgen. Ein Grund dafür ist sicherlich das an der Oberfläche höchst positive Engagement der mexikanischen Regierung, die Schüler und Studenten weitflächig mit Lektüre versorgt: Mehr als die Hälfte aller Bücher, die in Mexiko verbreitet werden, gelangen kostenlos in Leserhände. So schön dies auch sein mag, vor allem für diejenigen, die sich Bücher nicht leisten wollen oder können – ordnungspolitisch betrachtet verhindert dieses Vorgehen die Entwicklung von tragfähigen Strukturen für das private Verlagswesen. Was in einer Gesellschaft, in der das freie Wort keine allzu hohe Priorität in der Politik genießt, stets auch eine Bedrohung der demokratischen Strukturen bedeutet.

Besucher FIL 2010

Das Engagement von Politik und Buchbranche für Jugendliche soll allerdings trotzdem gemeinschaftlich ausgeweitet werden: Mit dem Programm „México lee“ – Mexiko liest, sollen Lesen und Bücher im Alltag der Mexikaner etabliert, die Strukturen der Buchbranche gestärkt, die 7.000 öffentlichen Bibliotheken modernisiert und die Versorgung von Schulen und Bildungseinrichtungen mit Büchern und modernen Informationsinstrumenten sichergestellt werden.

Wie prekär es um die Strukturen bestellt ist zeigt eine erstaunliche Zahl: Jedes Jahr finden in den 31 Bundesstaaten Mexikos 450 Ferias del Libro, „Buchmessen“ also, statt.  Das heißt allerdings nicht 450 mal Frankfurt im Kleinformat. Sondern: 450 mal wird der Versuch unternommen, gegen die darniederliegende Buchhandelsstruktur anzukämpfen und Bücher zu den Lesern zu bringen. Nur knapp mehr als 600 Buchhandlungen und nicht viel mehr als 1000 Buchverkaufsstellen insgesamt hat das Riesenland. Die 450 Buchmessen aber öffnen ihre Türen in der Regel nur einmal im Jahr. Danach ist jeweils für ein Jahr Funkstille und die Bevölkerung bleibt unbehelligt von Büchern.

Ebooks spielen übrigens bislang in Mexiko, wie in ganz Lateinamerika, keine Rolle. Das Angebot an spanischsprachigen Titeln ist sehr dünn, Vertriebsplattformen, die den Lesern die Texte anbieten würden, sind Mangelware. Die spanische Allianz „libranda“, zu der sich die Schwergewichte Planeta, Santillana und Random House Mondadori zusammen getan haben, krankt an Anlaufschwierigkeiten. Ob es dem US-Buchhandelsriesen Barnes & Noble gelingen kann, mit seinem neuen spanischen Ebook-Shop auch bei den Lateinamerikanern zu reüssieren, bleibt abzuwarten.

Christoph Simon Lesung

Christoph Simon liest im Refugio Heidi y Pedro in Guadalajara (c) 2010 ehlingmedia

Die Fröhlichkeit der FIL und die Ausgelassenheit der Kinder und Jugendlichen, die sie besuchen, sollten aber nicht über die Brutalität hinwegtäuschen, die der Alltag für viele der Kinder bereithält. Die Lesung des Schweizer Autors Christoph Simon am ersten Messe-Sonnabend im Kinderheim „Heidi y Pedro“ führt uns diesen Ausschnitt aus Mexikos Gegenwart vor Augen. Ein Dutzend Jungs sitzen da und hören Simon zu, der es klug vermeidet, über die Köpfe hinweg zu schwadronieren. Die Fragerunde danach ist kurzweilig und dauert lange – warum es jemand ausgerechnet zum Schreiber bringen möchte, ist den Kids nicht so wirklich begreiflich.

Die Schweizer Doris Bitterli und Werner Surber haben das „Refugio Heidi y Pedro“ eingerichtet, das Straßenkindern ein Obdach und eine Zukunft geben will (Schauen Sie doch einmal auf die Website: www.heidi-pedro.org, oder fordern Sie Informationen an unter heidiypedro@megared.net.mx).

Dringend nötig sind Initiativen wie „Heidi y Pedro“: In wenigen Ländern der Welt verschwinden pro Jahr soviele Kinder spurlos. Allein in Guadalajara sind dies nach Angaben der Provinzregierung pro Jahr mehr als 400 Kinder. Viele werden von Schlepperbanden an illegale Adoptionsvermittler abgeben, viele werden zu Kleinkriminellen abgerichtet. In allen größeren Städten sind heimatlose Straßenkinder ein bedrückender und alltäglicher Anblick. Nach Angaben der staatlichen Agentur CONAPRED existieren eindeutige Formen der Sklaverei; angeblich sind 80.000 Kinder und Jugendliche in Mexiko Opfer sexueller Gewalt und Kinderpornographie.

Und noch ein Aspekt macht und deutlich, dass wir dann doch in einem Land sind, das seine eigenen großen Probleme hat, die für uns im behüteten Europa kaum vorstellbar sind: Allein in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag werden in Guadalajara drei Menschen auf offener Straße ermordet, in der Nacht zum Sonnabend wird eine Diskothek, ganz in der Nähe des Messegeländes überfallen – eine Tote und viele Verletzte sind das Resultat. Täglich zeigen die beiden großen Zeitungen der Stadt die Bilder von Leichenfunden des Vortags.

Salida