Zwei Dinge vorweg: Waterstone’s ist eine höchst renommierliche britische Buchhandelskette, deren Mitarbeiter und Geschäftsführung nicht in Verdacht stehen, irgendwelchen antisemitischen oder neo-nazistischen Ideen anzuhängen. Und zweitens: Der Bertelsmann-Konzern ist ein höchst renommierlicher Medienriese, dessen Mitarbeiter und Geschäftsführung nicht in Verdacht stehen, irgendwelchen antisemitischen oder neo-nazistischen Ideen anzuhängen.

So, das wäre also gesagt. Und damit zur Story.

Eines der weltweit erfolgreichsten Bücher der Zwanziger und Dreißiger Jahre, mit rund 9 Millionen verkauften Exemplaren, war Adolf Hitlers Mein Kampf. Das lag zum einen daran, dass die Schwarte im 1000-jährigen Reich Pflichtlektüre war, aber auch daran, dass die Ein- und Ausfälle des Politphantasten Adolf H. für die Zeitgenossen in England, Frankreich und anderswo tatsächlich von Interesse waren und das Buch deshalb übersetzt und auch im Ausland sehr ordentlich verkauft wurde. Viel genützt hat die Lektüre den europäischen Nachbarn nicht, wahrscheinlich klang ihnen das Adolf’sche Geseire dann doch allzu vernagelt, als dass sie es für bare Münze hätten nehmen wollen. Leider.

Als der Nazi-Spuk dann endlich vorbei war, wurde Mein Kampf in vielen Ländern verboten. In Großbritannien, dem Hort des Liberalismus, ist  man allerdings wohl der Meinung, dass Schwachsinn à la Hitler sich selbst desavouiert, weshalb das Machwerk bis heute im Königreich zu haben ist. Verlegt  wird diese übersetzte Ausgabe bei Pimlico, einem Imprint des Bertelsmann-Ablegers Random House.

Das allein wäre jetzt allenfalls eine Fußnote wert: Bertelsmann hat zwar zu Nazizeiten prima verdient mit völkischen Büchlein und war zeitweise der mit Abstand wichtigste Bücherlieferant der Wehrmacht, aber seither hat das Unternehmen seine demokratische Gesinnung sehr deutlich und absolut unbestreitbar gemacht. Wenn dann mal zufällig ein Drecksbuch à la Sarrazin dem Haus einen Bestseller-Erfolg beschert – nun ja, wer wollte schon den ersten Stein werfen?

Mehr als eine Fußnote wird aus der Causa allerdings durch die Dämlichkeit einiger eifriger Buchverkäufer bei Waterstone’s, seines Zeichens Europas größter Buchhändler: Die hatten nämlich in diversen Filialen das Machwerk des Adolf H. als heißen Tipp fürs Weihnachtsfest präsentiert. Das berichtete Jonathan Kalmus im Jewish Chronicle kurz vor Heiligabend.

In Huddersfield im schönen Yorkshire etwa priesen die Waterstone’s-Verkäufer das Buch als „the perfect present“ an, zusammen mit der handschriftlichen Notiz, dies Buch sei ein „essential read“ für jeden, der eine der widerlichsten Figuren der Geschichte verstehen wolle. In Manchester, Liverpool und Cheshire wurden in einigen innerstädtischen Waterstone’s-Filialen Mein Kampf-Ausgaben frontal präsentiert – immerhin kam wohl niemand auf die Idee, einen eigenen Präsentationstisch für den GröFaZ aufzubauen.

Der Waterstone’s-Geschäftsführung ist das alles natürlich peinlich, und man entschuldigte sich eiligst und aufrichtig bei einem jüdischen Geschäftsreisenden, der zufällig die Hitler-Promotion in  der Waterstone’s Filiale Manchester Deansgate entdeckt hatte. Als er sich daraufhin bei einem Mitarbeiter der Filiale beschwerte, bekam er zur Antwort, der Adolf-Schinken sei ein Weihnachtsbestseller, der sich wirklich gut verkaufe.

Aus der Waterstone’s-Zentrale kamen in der Sache deutliche Worte: Mein Kampf werde seitens der Kette nicht aktiv promotet, gehöre in keine Politik-Abteilung irgendeiner Filiale und die Kollegen in Huddersfield hätten das Buch keinesfalls mit Weihnachts-Stickern besonders herausstellen dürfen. Man werde alle Filialen auf die Problematik des Buches gesondert hinweisen.

So weit, so irritierend. Allerdings fragt man sich auch, wie zum Teufel ein halbwegs gescheiter Mensch, der sich nicht zum Neonazi-Pack zählt, auf die Idee kommt, Mein Kampf als Weihnachts-Lektüre zu promoten? Liegt es vielleicht daran, dass in Großbritannien der Geschichtsunterricht heute weitgehend in die Verantwortung von BBC-Dokumentationen und des History Channel gelegt wird? Bei allfälligen Umfragen unter britischen Teenagern kommt immer wieder heraus, dass sie Herrn Hitler heute noch in Deutschland an der Macht vermuten. Vielleicht ist dies ja der Dung, aus dem Kreaturen wie David Irving entstehen können, der vielleicht produktivste Holocaust-Leugner der Gegenwart, der ja zu Zeiten Herbert Fleissners ein geehrter Ullstein-Autor war? Auch in der „feinen“ britischen Gesellschaft sind die Nazis durchaus attraktiv: Prinz Harry tauchte vor ein paar Jahren bei einer Party in Nazi-Uniform auf, und kürzlich verlor der Tory-Abgeordnete Aidan Burley seinen Job als Parlamentarischer Staatssekretär, weil er bei einem Junggesellenabschied gesichtet wurde, bei dem seine Freunde in SS-Uniform aufgelaufen waren.

Bleibt die Frage, warum in aller Welt Bertelsmann meint, Mein Kampf weiterhin verbreiten zu müssen. Wer diesen Dreck wirklich lesen will, findet ihn leicht im Internet, in allen möglichen Sprachen. Die britische Amazon-Seite wartet sogar mit Original-Exemplaren aus dem zentralen Nazi-Verlag Eher auf, und Kindle-Ausgaben gibt es selbstverständlich auch. Das Argument, der Verlag müsse das Buch der historischen Forschung zugänglich erhalten, ist deshalb, auf gut Englisch, „hogwash“.

Random House sollte endlich sein Programm von diesem Schandfleck befreien. Und falls die Statthalter im Königreich dazu nicht selbst in der Lage sind, sollte – britische Liberalität hin oder her – ein Fingerzeig aus Gütersloh doch wohl ausreichen, die Lagerbestände dem Recycling zuzuführen.  Es bräuchte dazu weder Mut noch Rückgrat. Nur Anstand.

Und was ist mit Amazon? Was ist mit den anderen Vertriebshelfern für Mein Kampf? Auch hier sei der Appell an den Anstand vorgetragen. Ob’s jemand hört? Ich zweifele.

Mein Beitrag zum Thema in \”Kultur Aktuell\”, Deutschlandfunk, 27.12.2011

Mein Beitrag zum Thema im \”Kulturgespräch\” bei SWR 2, 28.12.2011