Jorge Herralde © 2009 Beowulf Sheehan/PEN American Center

Jorge Herralde © 2009 Beowulf Sheehan/PEN American Center

Jorge Herralde Grau gründete 1969 den Editorial Anagrama in Barcelona. Der Verlag bemüht sich intensiv um die zeitgenössische spanisch- und katalanischsprachige Literatur und pflegt auch die Werke internationaler Autoren. Anagrama gilt heute als der führende Literaturverlag in der spanischsprachigen Welt. Für seine verlegerische Arbeit wurde Herralde vielfach ausgezeichnet: Im Jahr 2000 erhielt er den Premio Clarín, 2002 den Ehrenpreis für den “Merito Editorial” der Buchmesse in Guadalajara, in 2003 den italienischen Nationalpreis für Verdienste um die Übersetzung italienischer Autoren, in 2005 wurde er von Königin Elisabeth II. mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet, und im gleichen Jahr wurde er in Frankreich zum Commandeur de l’ordre des Arts et des Lettres ernannt.
Wir sprachen mit ihm in Barcelona.

Holger Ehling: Señor Herralde, seit 1969 gibt es Anagrama, Sie selbst gelten als führender Verleger der spanischsprachigen Welt. Wie sieht die Philosophie des Verlags aus?

Jorge Herralde: Unsere Philosohie ist eigentich ganz einfach und deckt sich mit den Vorstellungen anderer professionell agierender Verlage. Nämlich die Suche nach Exzellenz, nach herausragenden Titeln, die Suche nach den Stimmen unserer Zeit, die möglicherweise die Klassiker der Zukunft sein werden, und das  Verlegen von Klassikern des 20 Jahrhunderts, die möglicherweise ins Hintertreffen geraten sind. Nehmen Sie als Beispiel unsere “Nabokov-Bibliothek”, die Bücher von George Perec, und  die von anderen solchen Autoren. Dabei sind ungefähr zwei Drittel der von uns verlegten Bücher literarische Titel, das restliche Drittel sind Bücher von aktuellen Denkern, deren Ideen für unsere Zeit von Bedeutung sind, oder auch Texte von Journalisten, die einen besonderen Blick auf die Welt haben, wie etwa die Bücher von Ryszard Kapusczinsky. Wir haben diese Linie mit der starken Orientierung auf Qualität in all den Jahren beibehalten können und haben dadurch Anagrama als Marke und Gütesiegel bei den Lesern verankern können.

Ehling: Ein bedeutender Teil Ihres Verlagprogramms besteht aus Übersetzungen. Was ist die Bedeutung von Übersetzungen auf dem spanischen Buchmarkt?

Herralde: Wir sprechen hier von der Gattung der “literary fiction”, die ja sehr vielfältig ist und da müssen die Bücher erst einmal mal zu Anagrama passen. Dann ist es sicher so, dass das  Programm eines literarischen Verlags, der das Denken der Zeit reflektieren will, natürlich ein starkes Gewicht auf Texte von Autoren in der eigenen Sprache legen muss. Bei uns sind deshalb gut ein Drittel des Programms Autoren aus Spanien und Lateinamerika, und Übersetzungen aus dem Katalanischen, zwei Drittel sind Übersetzungen. Wir suchen immer nach überzeigenden Autoren, die im spanischsprachigen Raum noch nicht so sehr bekannt sind und gehen dabei einzig nach der Qualität. Wir finden häufig Autoren aus Italien, Frankreich oder Deutschland, aber natürlich dominieren auch bei uns Übersetzungen aus dem Englischen – wegen der Größe und der Bedeutung des Angebots von Texten in dieser Sprache. Das ist dasselbe Phänomen wir überall in der internationalen Verlagswelt. Bei uns folgen dann französische und italienische Autoren. Deutschland spielt nur sporadisch eine Rolle, obwohl wir natürlich glücklich sind, wenn es uns gelingt, Bücher von so herausragenden Autoren wie Hans Magnus Enzensberger. W.G. Sebald, Gregor von Rezzori, Thomas Bernhard, Bernhard Schlink oder Albert Vigoleis Thelen ins Programm zu nehmen. Und wir haben natürlich vielfältige und gute Bezihungen zu unseren Kollegen in den deutschen Verlagen.

Ehling: Wie ist das Bild der deutschen Literatur in Spanien?

Herralde: Es mag ein wenig ungerecht sein, aber das Image der deutschen Literatur ist immer noch eines von schwerfälligen Texten, die nicht wirklich gut „reisen“. Da gibt es natürlich Ausnahmen, wie die, die ich genannt habe, aber der Masse sind allenfalls Bücher wie Das Parfum oder Der Vorleser präsent. Aber es gibt ja eine neue Generation von interessanten Autoren in Deutschland, die es sich in Spanien vorzustellen lohnt.

Ehling: Welche Bedeutung haben für Anagrama Bücher in katalanischer Sprache?

Herralde: Meine nationalistischen Gefühle halten sich normalerweise in Grenzen, aber es ist wirklich so, dass es grandiose Autoren gibt, die in katalanischer Sprache schreiben. Ich bin ein großer Anhänger von Josep Pla. Wir haben bei Anagrama eine ganze Reihe von Werken katalanisch schreibender Autoren veröffentlicht. Schon 1971 haben wir den großen mallorcinischen Schrifsteller Lorenc Vilalonga veröffentlicht, und wir führen das fort. Wir veröffentlichen jedes Jahr zwei oder drei Titel in katalanischer Sprache, darunter Bücher von sehr bekannten Autoren wie Quim Monzó oder Miquel de Palol oder Jésus Moncada.

Ehling: Die in Katalonien ansässigen Verlage beherrschen einen großen Teil des spanischsprachigen Buchmarkts. Was ist das Geheimnis der Region?

Herralde: Da muss man Geschichte und Geografie betrachten: Barcelona liegt nahe an der französischen Grenze, hatte immer schon einen bedeutenden Hafen und ist recht weit weg von Madrid, wo ja die staatliche Macht ihren Sitz hatte. Diese staatliche Macht zeichnete sich über die Jahrhunderte hinweg vor allem durch ihre reaktionäre Haltung gegenüber neuen und eigenständigen kulturellen Ansätzen aus. Da war den Künstlern und Schriftstellern und Verlegern die Distanz schon recht willkommen. Dazu kommt, dass Katalonien immer schon einen starken Unternehmergeist hatte, früh ein Zentrum der Druckindustrie war und seine eigene industrielle Revolution betrieben hat. Hier gab es Offenheit für neue Gedanken von außerhalb und ein gutes Klima für Leute, die etwas auf die Beine stellen wollten. Nicht zu vergessen ist die enge Verbindung zu Lateinamerika, die durch den Hafen hergestellt wird. Viele lateinamerikanische Firmen haben hier ihre Filialen aufgemacht, und Unternehmen aus Katalonien haben dort Zweigstellen errichtet. Besonders  in der Zeit der Militärherrscher in Lateinamerika sind viele Menschen von dorther nach Katalonien und später in andere Teile Spaniens eingewandert. Das hat natürlich die Geisteslandschaft enorm dynamisiert.

Ehling: Welchen Anteil hat Lateinamerika an ihrem Geschäft?

Herralde: Ungefähr 25 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir in Lateinamerika. Dabei arbeiten wir konstant an der Verbesserung unseres Vertriebs vor allem in Mexiko und Argentinien. Dadurch kommen auch starke lateinamerikanische Autoren in unser Programm – denen können wir neben der Verbreitung ihrer Bücher in ihren Heimatländern eben auch die Präsenz in Spanien und in ganz Lateinamerika bieten. Es ist zwar nicht einfach, beispielsweise einen jungen argentinischen Autoren in Spanien bekannt zu machen, aber dafür funktioniert das Buch dann vielleicht besser in Mexiko. Damit vermeiden wir die Balkanisierung der spanischsprachigen Märkte und wir erzielen schöne und befriedigende Ergebnisse dadurch.

Ehling: Was denken Sie über die Beteiligung Kataloniens als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2007?

Herralde: Es ist doch so, dass das Gastland-Programm eine bilaterale Angelegenheit zwischen dem jeweiligen Gast und Deutschland ist. Es hat wenig Nachhall bei den internationalen Verlagen. Wir hatten ja 1992 schon die Erfahrung mit Spanien als Gastland der Buchmesse – auch damals ist nicht viel bei den Verlagen angekommen. Das Gastland-Programm ist eine gute Chance für eine kulturelle Präsentation des jeweiligen Landes, und die Verlage in Deutschland achten auch darauf und verlegen vielleicht 50 bis 100 zusätzliche Titel aus dem Gastland. Aber im darauf folgenden Jahr gibt es ein neues Gastland, und dann bleibt wenig Raum, das Engagement für die Autoren und Bücher aus dem alten Gastland weiter zu führen. Dann sind natürlich die Einladungslisten der Gastlandländer aus Prinzip ein Quell für Konflikte, und in Katalonien war mit der Interpretation der Einladung an die “Katalanische Kultur” die Diskussion auf politischer Seite besonders intensiv. Ob katalanische Kultur nur solche Bücher einschließt, die auch in katalanischer Sprache geschrieben wurden, wurde heftig diskutiert, das führte zu Friktionen, die unbefriedigend sind. Aber letztlich ist das alles nicht so dramatisch – neben den Autoren, die auf Katalanisch schreiben und das Rampenlicht genießen, waren auch eine ganze Reihe von Autoren nach Frankfurt gekommen, die auf Spanisch schreiben.

Lesetipp: Jorge Herralde hat eine unterhaltsame Verlagschronik verfasst, die vor allem eine Hommage an seine Autoren ist.

Jorge Herralde, Por Orden alfabético. 360 Seiten, 18 Euro. ISBN 978-84-339-0787-5