(c) ehlingmedia 2011

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Wenn Buchmessen einmal ins Rollen gekommen sind, dann gibt es eigentlich wenig, was sie aufhalten kann. Routine bestimmt die Arbeit an den Ständen, und nur die wenigsten Aussteller haben die Zeit – und noch seltener die Lust – sich umzuschauen und zu entdecken, was die lieben Kollegen anzubieten haben. Für das deutsche Kontingent stand der Eröffnungstag natürlich im Zeichen der Eröffnung: Mit Cornelia Pieper hatte sich sogar eine leibhaftige Staatsministerin im Außenamt über den Atlantik in Marsch gesetzt, um den bislang wohl aufwändigsten Ehrengastauftritt Deutschlands bei einer Buchmesse gebührend in Szene zu setzen.

Wie üblich fuhren die Organisatoren der FIL zur Eröffnungsfeier alles auf, was möglich war – wie viele Präsidenten von irgendwas und irgendwem neben Autoren wie Herta Müller, Mario Vargas Llosa oder Fernando Vallejo auf dem Podium Platz genommen hatten wissen wohl allein die Götter der Azteken.

Fernando Vallejo, mexikanischer Romanautor und Essayist kolumbianischer Herkunft und Träger des diesjährigen Literaturpreise der FIL war es auch, der die dröge Veranstaltung aufmischte: Falls im kommenden Jahr, wie zu erwarten steht, die langjährige Regierungspartei PRI mit ihrem Präsidentschaftskandidaten erfolgreich sein sollte, würden sich die über Jahrzehnte gepflegten engen Beziehungen zwischen Politik und Organisiertem Verbrechen wieder einspielen.  Angesichts der spektakulären Demonstration der Macht der Kartelle am Donnerstag vor der Messe, als 26 Ermordete in drei Minivans unweit des Messegeländes platziert wurden, war dies natürlich ein Knalleffekt.

Deutscher Stand FIL 2011 (c) ehlingmedia 2011

Deutscher Stand FIL 2011 (c) ehlingmedia 2011

Irgendwann war dann aber sogar der deutsche Stand mit Blasmusik und Rap eröffnet, und allenthalben wird Bewunderung laut über die ausnehmend schöne Gestaltung des Areals. Wo in den vergangenen Jahren die Freunde aus Los Angeles, Italien oder Castilla y León veritable Dunkelkammern aufgebaut hatten, strahlt die Sache nun in schönstem eierschalenweiß. Luftig, elegant und intelligent ist dieses Design – jedenfalls hierfür gibt es die volle Punktzahl.

Das erste Messewochenende in Guadalajara stand dann im Zeichen des Publikums: „Pile ‘em  high, sell ‘em cheap“ – dieses Motto US-amerikanischer Supermarktstrategen ist auch bei den mexikanischen Verlagen und Buchhandlungen angekommen. Deutliche Rabatte gibt es, und dementsprechend begeistert schlägt das Publikum zu.

FIL 2011 (c) ehlingmedia 2011

FIL 2011 (c) ehlingmedia 2011

Was erwartet uns bei der FIL in Guadalajara? Gut 2.000 Verlage als mehr als 40 Ländern seien vertreten, heißt es von Seiten der Organisatoren. In den vergangenen Jahren kamen jeweils rund 600.000 Besucher ins Messezentrum, und besonders umlagert sind natürlich die Autoren – 500 seien es diesmal, wird verlautbart.

Die FIL ist in den 25 Jahren ihres Bestehens zum wichtigsten Branchentreff für die spanisch-sprachige Welt geworden. Ob sie inzwischen auch die zweitgrößte Buchmesse der Welt ist, wie die Organisatoren sagen, sei dahin gestellt. Die Kinderbuchmesse in Bologna stellt ebenfalls diesen Anspruch – Blumentöpfe sind nicht zu gewinnen bei dieser Frage. Von der Ausstellungsfläche her erinnert die FIL an die Buchmesse in Leipzig – auf jeden Fall ist ausreichend viel Fläche belegt, so dass die erste Erkundung durchaus Verschnaufpausen erfordert.

Noch einmal zurück zum Buchverkauf: Mexiko mit seinen gut 120 Millionen Einwohnern verfügt über nicht einmal 1.000 Buchhandlungen und sonstige Buchverkaufsstellen. Metropolen wie Guadalajara (mit rund 7 Millionen Einwohnern in der Region die fünftgrößte Ansiedlung Nordamerikas)  sind bevorzugt, außerhalb solcher Städte herrscht Brache. Deshalb kommen die Menschen tatsächlich über Stunden hinweg zur Messe angereist, um sich mit Büchern einzudecken, obwohl diese alles andere als billig sind: Wenn ein Angestellter in Mexiko mehr als 10.000 Pesos (ca. 550 Euro) im Monat verdient, ist er schon sehr weit gekommen – die Bücher sind allerdings keineswegs billiger als in Europa. Die Biographie von Steve Jobs wird für 359 Pesos angeboten, das sind ca. 20 Euro. Kinderbücher sind ebenfalls extrem teuer, ein Taschenbuch-Roman geht für wenigstens 150 Pesos (ca. 9 Euro) über den Ladentisch.

Fragen wir uns jetzt noch, warum das nichts wird mit der Lesekultur? Mexikanische Verlage lassen ihre Bücher genau dort produzieren, wo auch deutsche oder sonstige Verlage produzieren lassen: In Indien oder China nämlich, weil es dort am billigsten ist. Weshalb die Bücher eben auch in der Produktion das gleiche kosten.

Hier könnte man jetzt fragen, ob E-Books nicht eine Lösung darstellen könnten, um Bücher zu kaufkraftadäquaten Preisen anzubieten. Aber das fragen wir etwas später in der Woche noch einmal.

(c) ehlingmedia 2011

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