Herta Müller (c) FIL 2011

Herta Müller (c) FIL 2011

Nobelpreisträger haben es auch nicht immer leicht. Vor allem, wenn sie als Bannerträger für irgendwelche nationalen Prestigeauftritte herhalten müssen. Herta Müller, „unsere“ Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009 macht da keine Ausnahme: Die Pressekonferenz am Freitagnachmittag vor der offiziellen Eröffnung der diesjährigen Buchmesse in Guadalajara war für sie sicherlich nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Aber anders als manch anderer Kollege ist sie sich eben nicht zu fein für solche Mühen der Ebene und so hat der deutsche Ehrengastauftritt im fernen Mexiko gleich von Beginn an eine Galeonsfigur, die bei den mexikanischen Journalistenkollegen prima ankommt. Danke Frau Müller, und: Chapeau!

Man merkt den Fragen an, dass nicht jeder, der hier fragt, ein Experte im Werk von Herta Müller ist, aber dadurch kommt es gar nicht erst zum literarischen Symposium. Gleich von Anfang an sind Zensur, Diktatur, Migration, Exil und Sprache die wesentlichen Themen. Dadurch besteht für die deutsch-lateinamerikanische Kommunikation eine gemeinsame Basis. Denn der Ort der Unterdrückung ist zweitrangig, und die poetische Leistung der Verdichtung und Verdeutlichung solcher Situationen ist eine Leistung, die universell erbracht und verstanden werden kann.

Herta Müller rekurriert bei ihren Überlegungen zu den Unterdrückungsmechanismen verständlicherweise auf ihre Erfahrungen in Rumänien; wie sehr sie dieser Herkunft verpflichtet ist, fasst sie in dem schönen Wort zusammen, sie halte sich für „gesprenkelt“ von deutscher und rumänischer Identität. Damit das alles aber nicht zur universellen Suppe verkommt, in der die jeweils besonderen Umstände von Gewaltherrschaft zu strukturellen Gemeinsamkeiten definiert und damit auf eine Metaebene verschoben und solcherart aus dem Bewusstsein verschwinden, weigert sie sich beharrlich, allzu offensichtliche Parallelen zu ziehen zwischen dem Umsturz in Mittel- und Osteuropa Ende der 1980er Jahre und den Ereignissen in der arabischen Welt. Das wäre zu bequem, und Bequemlichkeit, vor allem politisch-intellektueller Art, gehört nicht zu den Zuständen, die Herta Müller besonders schätzt.

Gut 45 Minuten lang beantwortet sie die Journalistenfragen, differenziert, argumentiert, wird auch unwirsch, wenn ein Kollege meint feststellen zu müssen, das Deutschland von neuem Streben nach Hegemonie erfasst sei – nein, dem sei nicht so, erklärt sie, im Gegenteil: Deutschland habe seine Lektion aus der Nazizeit gelernt, wisse, dass Zukunft nur in Partnerschaft und Solidarität gestaltet werden kann. Und am Ende kommt sie noch auf das zu sprechen, was für den Schriftsteller an sich im Umgang mit dem Erbe der Diktaturen am schwierigsten ist: Die Vergiftung der Sprache zu erkennen, deutlich zu machen und dazu beizutragen, die Sprache gleichsam von diesem unheilvollen Erbe zu entgiften.

Besser kann ein Ehrengastauftritt kaum starten. Gracias, Herta.