Silver Moon (c) ehlingmedia

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Schön war die Zeit, als mein Bart noch nicht grau war und meine Postleitzahl noch mit “N16″ begann. Beim Spaziergang durch die Charing Cross Road in London, die seinerzeit wichtigste Büchermeile der Stadt, bog ich gerne nach rechts ab in “Murder One”, wo Maxim Jakubowski alles, aber auch wirklich alles bereit hielt, was irgendwie blutrünstig war. Und die Gemahlin ging nach links in den Frauenbuchladen “Silver Moon”, der sie bereitwillig mit dem ihr gefälligen Lesestoff versorgte.

Die Ehe hält bis heute, beide Buchläden gibt es nicht mehr.

„Bücher haben ihr Schicksal“ sinnierte der römischer Grammatiker Terentius Maurus, und Buchhandlungen, so möchte man hinzufügen, auch. Und manchmal ist das Schicksal von Buchhandlungen ein düsteres, wie wir  jetzt aus Großbritannien hören: Dort hat das Buchhandelssterben epidemische Ausmaße angenommen. Seit 2005 haben mehr als 1800 Buchläden dicht gemacht, hat der Wirtschaftsinformationsdienst Experian herausgefunden. Von seinerzeit 4000 Buchhandlungen waren im Juli dieses Jahres nur noch 2178 übrig. Das bedeutet, dass heute nicht mehr nur kleine Dörfer und Weiler in Großbritannien auf einen Buchladen verzichten müssen, sondern insgesamt 580 Großgemeinden und Städte.

Der Aufschrei in Großbritannien war ob dieser Nachricht groß: Auch im Inselkönigreich werden Buchhandlungen nicht einfach als Einzelhändler wie alle anderen angesehen. Das Handelsgut Buch gilt auch hier als Symbol für Bildung und Kultur, der Zugang dazu nicht als Privileg sondern als gesellschaftliches Recht.

Waterstone's, Bradford (c) ehlingmedia

Waterstone's, Bradford (c) ehlingmedia

Die Gründe für das Buchhandelssterben sind vielschichtig: Das Freizeitverhalten hat sich geändert, Fernsehen und Internet laufen dem Buch den Rang ab als Medium für Unterhaltung, Information und Bildung. Dank eines völlig überhitzten Immobilienmarkts sind die Mieten für Ladengeschäfte in den vergangenen Jahren explodiert – auch als im Jahr 2008 die Immobilienblase platzte, gingen die Mieten nicht herunter. Und natürlich ist auch das Vordringen von Online-Buchhändlern ein gewichtiger Faktor: Amazon und Konsorten kommen in Großbritannien inzwischen auf rund 30 Prozent Marktanteil.

Am schlimmsten wirkten sich aber die Konsequenzen einer Entscheidung aus dem Jahr 1995 aus: Damals wurde die Buchpreisbindung abgeschafft. In der Folge setzte ein Verdrängungswettbewerb ein,  der die Beobachter atemlos machte. Die Buchhandelsriesen Waterstone’s und WH Smith, kurz darauf auch der US-Filialist Borders, stiegen in den Ring und expandierten, was das Zeug hielt. Superstore um Superstore wurde eröffnet, und den Kampf um den Markt führten die Giganten mit immer günstigeren Angeboten. Wer zwei Bücher kauft, erhält eins obendrauf kostenlos, Käufer erfreuen sich an Rabatten von 25, 30 oder 50 Prozent – so sieht seither der Buchhandelsalltag aus. Und natürlich erhalten die großen Ketten, die massenweise Bücher abnehmen, auch besonders günstige Konditionen von den Verlagen.

Besonders heftig wurde die Schlacht um Marktanteile, als auch die großen Supermarktketten in das Geschäft einstiegen: Tesco, Asda, Sainsbury – sie alle halten mittlerweile in ihren Großmärkten Bücher zum Verkauf feil, und dies natürlich immer zu besonders niedrigen Preisen. Die Kalkulation der Supermärkte ist dabei recht einfach: Der aktuelle Bestseller dient als Lockmittel für die Kunden. Und so werden besonders die ganz sicheren Bestseller als „loss leader“ eingesetzt, als Mittel zum Zweck: Der jeweils neueste Band aus der Harry-Potter-Serie wurde zur Stapelware, die für die Hälfte oder sogar für ein Drittel der vom Verlag empfohlenen Preise in die Einkaufswagen wanderte. Und dort fand sich dann eben auch noch Zahnpasta und Obst und was der Haushalt sonst noch so benötigt.

Der Buchhandel verkauft in aller Regel aber nicht nebenbei noch Zahnpasta oder Mineralwasser – und außerdem konnten gerade die kleineren Buchhandlungen die Bücher nicht vom Verlag zu Konditionen beziehen, die es ihnen möglich gemacht hätten, mit den Dumpingpreisen der Konkurrenz mitzuhalten. Dies war besonders bitter, wenn es um die großen Bestseller ging: Die Harry-Potter-Romane oder die Bücher von Stephenie Meyer, Jamie Oliver oder Dan Brown sind mächtige Umsatzbringer, die millionenfach verkauft werden: Sie sind gleichsam die Supertanker in einem Meer von Segelbooten. Wenn aber ausgerechnet diese Supertanker gezielt versenkt werden, bleibt wenig Spielraum zum Überleben.

Neben den vielen kleinen Buchhändlern, die schließen mussten, haben aber auch die Großfilialisten in dem Preiskampf gewaltig Federn gelassen: Borders geriet als erster ins Schlingern, 2009 folgte die Pleite. Waterstone’s, mit seinen rund 300 Filialen der größte Buchhändler Europas, wurde von seinem Eigner, dem Medienhandelskonzern HMV, im Frühjahr an einen russischen Investor abgegeben, für gerade einmal 50 Millionen Pfund. Immerhin bestellte der Investor sogleich einen neuen Chef, den Londoner Buchhändler James Daunt, der im Schatten der Preiskämpfe eine eigene kleine Kette von sechs exquisiten Buchhandlungen aufgebaut hatte und immer darauf bestand, dass seine Kunden gute Beratung brauchen und Rabatte nicht nötig haben. Er führt jetzt bei Waterstone’s diese Philosophie ein: Die Kette verzichtet künftig auf die drei-für-zwei-Angebote.

Was kann man lernen aus der traurigen Geschichte? Buchhandlungen stellen einen Wert dar für die Gesellschaft, der sich nicht allein in Geld bemisst. Sie benötigen Schutz vor übermächtigen Handelskonzernen, denen das Buch nur so lange wichtig ist, wie damit der Verkauf von Zahnpasta angekurbelt werden kann.