Frankfurter Buchmesse 2011 (c) Fernando Baptista/Frankfurter Buchmesse

Frankfurter Buchmesse 2011 (c) Fernando Baptista/Frankfurter Buchmesse

Nein, die Frankfurter Buchmesse hat noch nicht so richtig begonnen, der Vorsteher wird seinen Hammer erst am Dienstag schwingen, da hat sich nichts geändert.

Geändert hat sich aber, dass die Frankfurter Buchmesse vom morbus seminaris angesteckt ist und sich zur Behandlung der Symptome eine eigene und hochmögend benannte „Academy“ ausgedacht hat (mit „k“ und „ie“ darf man das Wort nicht mehr schreiben). Und die bietet dann gar eifrig einen bunten Strauß von Konferenzen dar, die arglose Gemüter bereits am Montag aufs Messegelände gespült haben.

Los ging es also mit einem US-Import: „Publishers Launch“ heißt das Programm, das die beiden New Yorker Branchen-Insider Mike Shatzkin (IdeaLogic) und Michael Cader (Publishers Lunch) gestartet haben und das auf zwei Tage angelegt ist. Am Montag ging es um „eBooks around the World“, was natürlich ein spannender Titel ist.

Leider waren die Einsichten zu Beginn der Konferenz  spärlich gesät. Eine Präsentation der Unternehmensberatung AT Kearney zeigte, dass mit Ausnahme der USA eBooks weltweit eine Marginalie sind. Ähnliche Zahlen hatte man bereits bei der Buchmesse in Turin präsentiert, viel geändert hat sich nicht seither. Allenfalls für Asien, und dort besonders in Korea, bestünden Hoffnungen auf eine signifikante Verbesserung des Markts in den nächsten vier Jahren, hieß es. Wobei koreanische Verleger versichern, dass das alles noch viel Hoffnung ist und wenig Business.

Das anschließende Podiumsgespräch war einer hochkarätigst besetzt: Riccardo Cavallero  (Mondadori, Italien), Michael  Justus  (S. Fischer, D), Kris Kliemann (Wiley, USA), Joe Li (Apabi, China) und Sergio Machado  (Record, Brasilien) blieb allerdings nicht viel mehr zu sagen, als dass die Zukunft zeigen werden, wie die Zukunft sei. Dass Preise, Gesetze und technische Entwicklung wichtig sein und dass man eigentlich auch nicht so viel mehr wisse, was die Zukunft angehe. Immerhin konnte Machado das Publikum über die Probleme der lusophonen Vokabelverwerfungen informieren, die inzwischen dafür sorgen, dass europäisches und brasilianisches Portugiesisch der gegenseitigen Übersetzung bedürfen.

Schulterzucken auf hohem Niveau

Nachdem im ersten Teil der Konferenz vor allem Schulterzucken auf hohem Niveau geboten wurde, kamen bis zur Mittagspause Vertreter von Google, Bowker, Anobii und Sourcebooks zu Wort, die dem staunenden Publikum die Errungenschaften ihrer Firmen verkündeten. Da erfuhr man, dass zum ersten Google in mehr als 100 Ländern präsent ist, mehr als 2 Millionen Bücher im Angebot hat, sich aber durch „rights issues“ daran gehindert sieht, die Märkte so richtig aufzurollen. Will sagen: die Texte sind gescannt, ob das auch rechtlich in Ordnung ist, bleibt fraglich. Bowker klopfte sich auf die Schulter und kündigte an, demnächst in 10 Regionen der Welt Daten zum eBook-Verkauf erheben zu wollen. Und außerdem habe man ein neues Instrument, um Metadaten besser zu erfassen und zu sortieren und damit dann auch die Auffindbarkeit der Texte im Netz zu verbessern. Bei Anobii geht es um „Social Reading“ – der Leser wird zum „Kurator“, dem in der „Crowd“ Superkräfte in Sachen Empfehlungsmarketing zuwachsen. Fehlte nur noch das geflügelte Wort vom Socialismus in seinem Lauf…

Ein Blick auf die fixen Jungs und Mädels bei der Münchener Holtzbrinck-Tochter Lovely Books, die mit ihrem Social Media Stream eine sehr elegante Methode aufgelegt haben, hätte die Sache vielleicht etwas praxisnäher deutlich gemacht. Und schließlich gab uns Sourcebooks  dem Hinweis, das mit der Verwendung von XML die eBook-Produktion einfacher wird. Äh. Ja.

Alles nicht ganz uninteressant. Alles aber schon tausendmal gelesen, gehört, gesehen. Wer am Vormittag Neues erfahren hat, der ist entweder ganz neu in seinem Job oder er hat seine Hausaufgaben bisher nicht gemacht.

Nachmittags ging es glücklicherweise nicht mehr ganz so bürgersteigmäßig zu. Ja, Amazon durfte Tarzan spielen und sich ob seiner Kindle-Erfolge auf die Brust trommeln.  Tatsächlich hat sich der freundliche Online-Händler von nebenan zum erfolgreichsten eBook-Händler entwickelt. Sagt man jedenfalls bei Amazon, ohne dafür konkrete Zahlen zu nennen. Immerhin erfahren wir, dass der Umsatz weltweit bei mehr als 50 Milliarden US-Dollar liegt – für den Gesamtkonzern, wohlgemerkt.

Mit seinem Kindle-Store hat Amazon einen Anteil von mehr als 60 Prozent des US-amerikanischen eBook.-Markts erobert – Apple, Google, Barnes & Noble und Kobo folgen auf den Plätzen. In den USA macht Amazon mehr Anteil mit Kindle-eBooks als mit allen Formen gedruckter Bücher zusammengenommen. In Großbritannien, wo seit zwei Jahren Kindle aktiv ist, übertreffen die eBook-Verkäufe bereits den Absatz von Hardcover-Büchern. Für Deutschland, den ersten nicht-englischsprachigen Markt, den Amazon seit diesem Jahr beackert, wurden keine Zahlen genannt.

Der Anspruch von Amazon ist dabei bescheiden: „Every book ever written in any language, available to purchase within 60 seconds everywhere in the world“.

Wie üblich präsentierte Amazon übrigens für seine Aussagen zahlenfreie Grafiken – nun ja, man nimmt es hin.

Auch beim Thema Licensing gab es nichts wirklich Neues – Mikrolizenzen auf kollektiver Basis sollen jetzt das Zaubermittel sein, um Autoren und Verlage glücklich zu machen. Besonders in Bibliotheken (das Urteil des LG Stuttgart gegen die Fernuni Hagen, mit der die ungenehmigte Nutzung von Büchern untersagt wurde, spielte natürlich keine Rolle) und in Unternehmen ist ja tatsächlich der Austausch von urheberrechtlich geschützten Inhalten nicht ganz unproblematisch.

Die Lösung, laut US-Copyright Clearance Centre, liegt eben im Bereich Collective Licensing , das es ermöglicht, ohne großen Aufwand alle Plattformen und alle Darreichungsformen zu bedienen. Die entsprechenden Gebühren werden von den Nutzern eingesammelt – was aber wohl nur mit elektronischen Wasserzeichen und intensiven Dokumentationsarbeiten zum Spurensichern dargestellt werden kann. Ist das gut? Die Konsequenz aus dem präsentierten Vorschlag des Coypright Clearing Center wäre eine ziemlich lückenlose Überwachung des Datenverkehrs. Big Brother lässt grüßen.

PubLaunch 2011 (c) ehlingmedia

PubLaunch 2011 (c) ehlingmedia

Immerhin Unterhaltungswert besaßen die Podiumsdiskussionen des Nachmittags, bei denen zunächst Fach- und Wissenschaftsverlage sich ergehen durften über den Rückstand, den sie gegenüber den Massenmarkt-Verlagen bei den eBooks haben. Danach erzählten die Literaturagenten Peter Fritz, Robert Gottlieb, David Miller und Mónica Martin davon, wie sie erfolgreiche Selbstverleger in den Mainstream des Verlegens einbinden. „Re-Engineering“ wurde das genannt – das hatte ich so auch noch nicht gehört. Dass einer der beiden angelsächsischen Herrn dann witzig sein wollte und den Kampf des Buchhandels um die eBooks mit dem Kampf der legendären Feldherren Rommel und Montgomery im Afrikafeldzug verglich, buchen wir auf das Konto „verfrühter Besuch im Frankfurter Hof“ ab.

Drei Vorträge am Nachmittag waren allerdings wirklich des Besuchs wert:  Octavio Kulesz aus Buenos Aires wartete auf mit einer Studie zu den eBook-Märkten in Lateinamerika, Afrika, der Arabischen Welt und Asien, die einmal mehr die enormen Differenzen in den Lebenswelten – und damit auch in der Marktsituation – zwischen Nord und Süd beleuchtete. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich diese Studie hier im Blog genauer betrachten.

Michael Tamblyn von Kobo – der kanadische eBook-Anbieter, der ja seit dem Frühjahr auch in Deutschland aktiv ist – lenkte den Blick auf das Thema Self Publishing: 7 Prozent des Umsatzes in den USA macht Kobo bereits mit dieser Gruppe, das entspricht dem Umsatzanteil, den beispielsweise ein Großverlag wie McGraw Hill verbucht. In Europa liegt dieser Wert gar bei 10 Prozent – hier muss man allerdings sicher die sehr viel kleinere Titelbasis berücksichtigen, die den Wert dieser Zahl verzerrt. Fast ausschließlich im Bereich der Belletristik, und dort in der Unterhaltungsliteratur (Romance, Erotica, Science Fiction, Thrillers) sind die Self Publisher unterwegs, Sachbücher und Rategeber spielen praktisch keine Rolle.

Jonathan Nowell, Chef von Nielsen Books in Großbritannien wartete schließlich mit eindrucksvollen Zahlen zur Relation zwischen Metadaten und Verkaufserfolg auf: Titel mit sauberen und „enhanced“ Metadaten verkaufen sich etwa 30 Prozent besser, selbst wenn die Verbesserung der Metadaten bei Backlist-Titeln basiert. Auf fast 85.000 (gedruckte) Titel bezieht sich die Untersuchung von Nielsen – das dürfte dann einigermaßen sattelfest sein. Ich werde mich bemühen, die genauen Daten zu erhalten und werde im Blog darüber berichten. Für eBooks liegen keine ähnlich harten Daten vor, allerdings sagte Nowell, seiner persönlichen Meinung nach könne der Verkaufserfolg bei guten Metadaten um das zehnfache gesteigert werden.

Der Nachmittag entschädigte für den Vormittag.

Bleibt am Ende die Frage: Was ist der Sinn von Konferenzen? Antwort: Man sollte hinterher schlauer sein als vorher. Bei der Publishers Launch-Konferenz in Frankfurt sind hoffentlich die Veranstalter am Ende etwas klüger: Das US-Prinzip, den Teilnehmern kurze Vorträge mit einem Hard-Sales-Ansatz um die Ohren zu hauen, kann nicht dem Anspruch gerecht werden, den die Frankfurter Buchmesse an sich selbst haben muss.

Am Dienstag geht es weiter mit Konferenzen: TOC, Publishers Launch zum Thema Kinderbuch und so einiges andere. Mir reicht der eine Konferenztag. Ich gehe bis zum Ende der Woche auf die Buchmesse, um zu arbeiten.